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Seine Fotos ermöglichen ein Verständnis der Welt

Die Galerie Loewen in Chur zeigt derzeit Werke von Guido Baselgia. Die Ausstellung gestattet einen konzentrierten Einblick in die Arbeit des weit gereisten Malanser Fotokünstlers.

Südostschweiz
Donnerstag, 15. November 2018, 04:30 Uhr Weit gereister Malanser Künstler
Von der Macht der Elemente: Guido Baselgia stellt in der aktuellen Schau in der Galerie Loewen in Chur unter anderem seine Fotografie «Weltraum XLII» aus.
THEO GSTÖHL

Von Andrin Schütz

Einzig eine beinahe nur noch zu erahnende Linie, die in einem sanften Gewebe aus Licht und Schatten zu schweben scheint, vermag den bolivianischen Himmel von der mineralischen Wüstenlandschaft zu trennen, die sich kaum spürbar im weiten Horizont verliert. Zunehmend klarer wiederum zeichnet sich die Kontur in den drei weiteren Arbeiten Guido Baselgias aus dem 2006 entstandenen Zyklus «Silberschicht» ab, die in der Galerie Loewen in Chur gezeigt werden. Licht, Schatten und die ebene Topografie schälen sich sukzessive aus dem Bildgrund, bis sie als klares, trennscharfes Momentum zwischen Himmel und Erde erfahrbar werden.

Die Fotografien vermögen aus ihrer kompositorischen Stringenz und aus ihrer radikal gefassten Stille heraus, auf faszinierende Weise sowohl den Raum zu beherrschen als auch jeglichen Wunsch nach physischer Bewegung im Betrachter zu bannen.

Zeitlose Wirklichkeit

Den 1953 in Pontresina geborenen und heute in Malans lebenden Baselgia treibt aber nicht nur die ästhetische Kraft seines Werkes um. Vielmehr entführt er den Betrachter auf eine philosophische und zuweilen auch wissenschaftlich anmutende Reise in die vermeintlich zeitlose Wirklichkeit der Landschaft. Seine Arbeiten eröffnen somit den Raum für ein intimes Verständnis und eine beinahe physische Erfahrung der Welt vor der Linse.

Denn kaum dreht man sich im mattschwarz gehaltenen Galerieraum um, findet man sich unversehens an der felsigen Küste der nördlichen Barentssee wieder. Diese wirft nicht nur ihre Wellen, sondern auch das Auge des Betrachters beständig wieder zurück. Zudem scheint sie die bare Möglichkeit, jemals ans andere Ufer gelangen zu können, kategorisch zu negieren. Angesichts der überwältigenden Macht der Elemente sieht sich der Betrachter – ganz im Geiste der Romantik des 19. Jahrhunderts – dem in seiner Transzendenz unerreichbaren Dort der nackten Einsamkeit der Landschaft ausgeliefert. Der Betrachter wird somit stets bloss auf sich selbst zurückgeworfen.

Die permanente Schwebe zwischen nahezu spürbarer physikalischer Erfahrung des Augenblicks und seiner elementaren Manifestation bei gleichzeitig distanzierter Unberührbarkeit von Werk und Motiv sind es hier, die im Kern die Auratik der Werke ausmachen.

Vom Zustand der Elemente

Ein weiterer Galerieraum ist der 15 Heliogravüren umfassenden Serie «Von der Erde» gewidmet, die in der Ausstellung zugleich titelgebend sind. Nebst ihrer herausragenden Materialisierung entfaltet die Werkgruppe zugleich eine inhaltliche und motivische Scharnierwirkung innerhalb der Ausstellungskonzeption. Gleichermassen analytisch und poetisch vereint der Werkzyklus Baselgias Gedanken über Licht und Schatten sowie das Aufeinandertreffen der Elemente und der physikalischen Erscheinungsformen.

Die Aufnahmen, entstanden wiederum an der Barentssee, in Bolivien, aber auch im Engadin, lassen die dem zeitlichen, geologischen und klimatischen Gang der Welt unterworfenen Aggregatzustände der Elemente sichtbar werden. Die Kraft des Eismeeres, die zuweilen surreal anmutende Formenlandschaft der hiesigen Gletschermühlen sowie die Formensprache der bolivianischen Wüste präsentieren sich als lyrische Verdichtung einer grossen räumlichen und zeitlichen Reise.

Den Abschluss der äusserst gelungenen Ausstellung bilden die neuesten Arbeiten Baselgias, die derzeit in Ecuador und Peru entstehen. Diese setzen sich sowohl mit den natürlichen Zyklen der Landschaft als auch mit der dortigen Bevölkerung, ihrer Lebensweise und ihrem Verhältnis zu regelmässig wiederkehrenden Naturereignissen auseinander.

«Guido Baselgia – Von der Erde». Bis 22. Dezember. Galerie Loewen, Reichsgasse 69, Chur. Weitere Informationen hier.

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