Auch Rapper sind nur Hip-Hop-Fans
Das Open Air Frauenfeld ist das grösste Hip-Hop-Festival Europas. Unter anderem stand dabei am vergangenen Wochenende der Weltstar Eminem auf der Bühne – aber auch ein Bündner.
Das Open Air Frauenfeld ist das grösste Hip-Hop-Festival Europas. Unter anderem stand dabei am vergangenen Wochenende der Weltstar Eminem auf der Bühne – aber auch ein Bündner.
Dicke Regentropfen prasseln auf die Aussenhülle meines Zeltes. Der Nachbar schnarcht. Unter dem Plastikpavillon vor dessen Zelt machen sich seine Freunde darüber lustig. Open Air Frauenfeld, Tag 2. In der Ferne dröhnen bereits wieder die Bässe, jemand hämmert wild auf ein Schlagzeug ein – Soundcheck.
Es ist kurz nach 11 Uhr. Langsam ziehe ich mir meine Regenkleider über; die bereits etwas wund gestandenen Füsse gleiten überraschend mühelos in die kniehohen Gummistiefel. Ich greife mir meinen Rucksack und meine Laptop-Tasche und krieche dann vorsichtig – weil etwas wasserscheu – aus meinem Zelt. Schliesslich mache ich mich auf zum Festgelände.
Platte Wiese, tiefer Schlamm
Dem Regen trotzen heute bis zu 180 000 Besucher. So viele Tickets konnte der Veranstalter nach eigenen Angaben im Vorverkauf absetzen. Abendkasse gibt es keine. Nachdem im Februar bekannt geworden war, dass Marshall Mathers alias Eminem – das amerikanische Rap-Aushängeschild schlechthin – auf seiner womöglich letzten Europa-Tournee das Frauenfelder Festival beehren wird, gab es kein Halten mehr. Innert weniger Stunden waren auch noch die letzten Tickets vergriffen. Auf einschlägigen Websites waren seither VIP-Pässe zu vierstelligen Preisen zu haben.
Gemächlich stapfe ich über die von Abertausenden Besuchern bereits jetzt platt getretene Wiese auf der Frauenfelder Allmend. Nach wenigen Hundert Metern haben sich die kniehohen Gummistiefel bereits bewährt. Weiter fallen dicke Regentropfen vom Himmel. Sie weichen die Erde auf; erste Schlammsuhlen bilden sich. Ich bin froh über mein wetter- und schlammfestes Schuhwerk. Anderen Frühaufstehern geht es da bedeutend dreckiger.
Aber: Früh durch Regen und Schlamm zu stapfen, ist heute imperativ, wenn man den türkischstämmigen Churer Rapper Ali Cetin live sehen möchte. Es ist Alis erstes Konzert am grössten Hip-Hop-Festival Europas. Mit seinem Debüt-Album «Erol», welches im vergangenen Jahr erschienen war, konnte Ali das Management des Open Air Frauenfeld überzeugen.
Kleinere Brötchen backen
Ali ist dieses Jahr der einzige Bündner – bei Weitem aber nicht der einzige Schweizer. Erfreulich: Neben ihm haben sieben weitere Acts aus der Schweiz einen Konzertslot am Open Air Frauenfeld erhalten. Die grosse Hauptbühne, die South Stage, sollten von den Schweizern aber nur die Berner Chartstürmer Lo & Leduc bespielen dürfen. Ali backt da noch kleinere Brötchen. Zumindest, was die Verkaufszahlen betrifft.
Die dicken Regentropfen können den Helfern am Eingang zum Festivalgelände nicht viel anhaben. Auch wenn die zweckentfremdeten Sonnenschirme an den Checkpoints vor Nässe triefen, der Stimmung tut das Wetter keinen Abbruch. Alle begrüssen einen freundlich, machen Witze. Schliesslich will ein junger Herr zur Sicherheit doch noch einen Blick in meine Taschen werfen. Einwände hat er keine. Auf gehts, zur Soul City Stage, einer Nebenbühne.
Pünktlich um 12.45 Uhr betritt diese der Churer Rapper Ali. Trotz des frühen Konzertbeginns haben sich bereits mehrere Hundert Jugendliche eingefunden, um Alis Musik zu lauschen. Oder um dazu im Schlamm herumzuhüpfen, zu toben und zu feiern.
Den Regen schnell vergessen
Auf der Bühne zeigt Ali sein Talent und seine Vielseitigkeit. Wortakrobatische Hochtempo-Passagen auf pumpende Instrumentals, deren Bässe durch Mark und Bein gehen, wechseln sich mit langsameren Rhymes auf stimmungsvollere Beats ab. Kaum ein Stil, dem Alis Sprachfluss nicht Herr wird. Auf das Publikum überträgt Ali seinen Charme effektiv. Viele grinsen über das ganze Gesicht. Ob es an Alis humoristischen Anekdoten oder am aufgewärmten Rausch des Vorabends liegt? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Die dicken Regentropfen sind unter dem Festzeltdach jedenfalls schnell vergessen.
Am Ende seines Konzerts zeigt Ali, dass jeder Rapper selbst auch nur ein Fan der Hip-Hop-Musik ist. «Wer freut sich auch so auf Eminem wie ich?», fragt er sein Publikum. Die Meute tobt. «Ich werde heute Abend mit Tränen in den Augen vor der Bühne stehen», fügt Ali an.
Schnellvorlauf. Knapp zehn Stunden später betritt Eminem die grosse South Stage. Zuschauer stehen über Hunderte Meter nach hinten dicht an dicht. Einige zünden bengalische Fackeln. Der Weltstar fesselt die Masse ab den ersten Takten. Und als Eminem seinen Hit «Stan» zum Besten gibt, schliesst sich der Kreis am zweiten Tag des Open Air Frauenfeld: Dicke Regentropfen bilden die Geräuschkulisse zum Gesangs-Intro des Songs. Vom Himmel fallen sie seit Stunden nicht mehr.
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