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Bildertücher erzählen eine Geschichte

Ab Dienstag liegt «Dessinateurs II: Russen, Osmanen und Bulgaren» in gedruckter Form vor. Der Band enthält kunsthistorische Betrachtungen zu den Entwürfen für den Zeugdruck des 19. Jahrhunderts.

Südostschweiz
09.06.18 - 04:30 Uhr
Kultur
Der Autor: Daniel Aebli sichtet die Bildertücher, die er in «Dessinateurs II» beschreibt.
Der Autor: Daniel Aebli sichtet die Bildertücher, die er in «Dessinateurs II» beschreibt.

von Daniel Aebli*

Glarner Bildertücher dokumentieren Geschichte. Der bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hoch spezialisierte Tuchdruck (Zeugdruck) setzte in meist zeitnaher Folge auch immer wieder auf politisch motivierte Erzeugnisse zu historisch wichtigen Ereignissen im Ausland. Einige sind in den Comptoir-Blättern von Daniel Jenny & Cie. bereits ausführlich behandelt worden, dargestellt im Band «Dessinateurs I» von Daniel Aebli (2011).

Die Blätter dokumentieren eingehend den Zusammenhang der Ereignisse mit der aufmerksamen Beobachtung und raschen zeichnerischen und drucktechnischen Umsetzung der Glarner Tuchdruckfirmen.

Eigenständige Bände mit Querverweisen

Der jetzt erscheinende Band, «Dessinateurs II: Russen, Osmanen und Bulgaren» setzt den Schwerpunkt auf den russisch-türkischen Krieg von 1877/78, der sich auf bulgarischem Territorium abspielte und sich nachhaltig auf das Land, den Balkan und ganz Europa auswirkte. Die beiden Bände sind eigenständig, ergänzen sich aber auch mit Querverweisen, und behandeln unter Berücksichtigung ornamentaler und figürlicher Rahmenwerke insbesondere die zentralen Motive von Porträts, Landschaftsszenerien und Schlachtendarstellungen der im Glarnerland, in der neutralen Schweiz hergestellten Bildertücher.

Kunst, Technik, Wirtschaft und Politik

Für den Betrachter stellt der Autor seine Herangehensweise vor und versetzt die Darstellungen im künstlerischen wie auch im ereignisbezogenen Kontext in Bewegung. Als Leserin oder Leser begibt man sich direkt in die Handlung der Geschehnisse. Separate farbige Bildtafeln der Entwürfe aus dem Comptoir-Archiv sind in beiden Bänden lose oder als Beiheft enthalten und dienen textbegleitend zur Anschauung und zu Vergleichen.

Zwei zeitnahe Karten zeigen die thematisierten Konfliktgebiete. Die historischen Hintergründe, kommentiert anhand zeitgenössischer Quellen und Illustrationen, werden auch mit Stilmitteln des damaligen Kunstverständnisses zum Ausdruck gebracht.

Der Aktionskreis der Beschreibungen findet sich in einem ergiebigen Personenverzeichnis. Die in erweiterten Zusammenhängen dargelegte Betrachtungsweise der besprochenen Bildertücher im interdisziplinären Kontext der Kunst, Technik, Wirtschaft und Politik vor Ende des 19. Jahrhunderts beleuchtet nicht nur die Lage am Scheitel zwischen Orient und Okzident, zwischen christlich-byzantinischer und islamisch-osmanischer Kultur, sondern auch die sich verändernden politischen Machtverhältnisse, die sich in den Turbulenzen des darauf folgenden 20. Jahrhunderts fortsetzten.

* Der Autor Daniel Aebli ist promovierter klassischer Archäologe und lehrte bis zu seinem Ruhestand 2007 als Professor für Kunst- und Kulturgeschichte an der Hochschule Rhein Main in Wiesbaden in Deutschland.

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