«Ich meinte, ich bekomme gleich Herzrasen»
Das gut besuchte Regierungskonzert hat nicht nur typisches Klassik-Publikum angezogen. Und was die Cappella Gabetta in der Aula Glarus mit den Solisten bot, war schlicht atemberaubend.
Das gut besuchte Regierungskonzert hat nicht nur typisches Klassik-Publikum angezogen. Und was die Cappella Gabetta in der Aula Glarus mit den Solisten bot, war schlicht atemberaubend.
Barock und Tango: Beide Musikstile leben von Affekten. Und obwohl die gespielten Werke aus anderen Zeiten beziehungsweise Regionen stammen, werden sie unmittelbar verstanden. «Mir hat es geradezu den Atem verschlagen und ich meinte, ich bekomme gleich Herzrasen»; «frisch und mitreissend wie im Moment erfunden»; «schier unglaubliche Vielfalt in der Tonerzeugung und -gestaltung». Das sind etwa einige Kommentare der Zuhörerinnen und Zuhörer.
Dabei spielt nicht ein riesiges Sinfonieorchester auf, sondern «nur» eine kleine Barock-Kapelle mit zwei aussergewöhnlichen Solisten. Der Konzertmeister und Ensemble-Gründer Andrés Gabetta ist zugleich der Violin-Solist aller acht Solokonzerte. Er spielt sich mit federnder Leichtigkeit und Eleganz durch ein immenses Pensum schwierigster Partituren.
In den vier Tango-Jahreszeiten legt der Weltklasse-Bandoneonist Mario Stefano Pietrodarchi einen starken Auftritt hin: konzentrierte Gesten, höchste Virtuosität und eine Spannweite der Interpretation, die von tief verinnerlichten bis zu entfesselten Stimmungen reicht.
Kein glattgebügelter Schönklang
Die Konzerte Vivaldis sind tonmalerischer; sie bilden Wetter- und Naturphänomene, aber auch menschliche Emotionen ab. Vivaldi hat ihnen Sonette vorangestellt, die man wie ein Opernlibretto ohne Gesang lesen kann. Diesen kann man aber zuweilen aus den langsamen Mittelsätzen «heraushören», die von temporeichen und hochdramatischen Ecksätzen gerahmt werden.
Lieblich kommt der Frühling mit Vogelgezwitscher daher, die träge brütende Hitze des Sommers kontrastiert mit heftigen Gewittern. Der Rückzug des Lebens im Herbst erscheint in verhaltenen Liegeklängen wie eine bleiche Nebeldecke, nadelspitzes Zwicken der Kälte und Zittern im eisigen Wind des Winters werden fast körperlich spürbar. Da wird kein glattgebügelter Schönklang, sondern ein Kaleidoskop ungezähmter Klang-«Gewächse» präsentiert. Streichorchester und Cembalo, die ohne Dirigent agieren, sind stets auf der Lauer und sprungbereit wie ein Rudel Raubkatzen, die einander oder einer imaginären Figur mit Summen und Brummen, Schnurren und Knurren nachjagen.
In ihrer Unmittelbarkeit ist diese Musik dem Tango sehr nahe. Astor Piazzolla schrieb über 200 Jahre nach Vivaldi eine Hommage an dessen Jahreszeiten-Werk, aber auch an den sozio-kulturellen Schmelztiegel Buenos Aires. Alle Sätze tragen die Zusatzbezeichnung «Porteño», was sich auf Buenos Aires bezieht. Und er schreibt mit Anklängen von Bartók, Strawinsky und den Jazz auch Weltmusik. Vivaldi-Zitate verwendet er weniger offensichtlich; interessant jedoch, wie er im Winter Material aus Vivaldis Sommer einbringt; die Jahreszeiten sind ja in Argentinien verschoben.
In kunstvollen Verzierungen oder abrupten Takt-, Themen- und Stimmungswechseln steht Piazzolla Vivaldi um nichts nach. Vielmehr treibt er diese noch weiter ins Extreme: bis hin zur Explosion und Implosion der Klänge. Rhythmik und Perkussion sind zentral, beim Intro des letzten Tangos animiert Gabetta sogar das Publikum zum Einklatschen.
Vivaldis Sommer in Tangomanier
Bemerkenswert: Die Musiker scheinen alle sehr glücklich miteinander. In den Gesichtern aller zeigt sich Hingabe, Spiellust, intensives Auskosten des Moments, aktives Zuhören in den Pausen. Kleinere Soli, wie etwa die «Carmen»-Stelle des Cellos im Piazzolla-Herbst, charakteristische Einwürfe oder Bassfiguren fliessen organisch ein. Besonders bei den zwei hochkarätigen und hochsensiblen Solisten ist ein unerhörtes Verschmelzen der Klangwelten zu erleben. Hier wird spürbar von einer Klangvision her gespielt, nicht vom Instrument oder dem Notenblatt aus.
Bravo-Rufe und kaum endender Applaus stacheln die Musiker zu weiteren Zugaben an: In Roberto Molinellis «Estate Reloaded» glüht nochmals Vivaldis Sommer in Tangomanier auf, und drei hinreissende kurze Stücke von Khaled Mouzanar komplettieren den Genuss dieser exquisiten Klangkombi.
Streichorchester und Cembalo sind sprungbereit wie ein Rudel Raubkatzen.
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