Zukunft für Industriegeschichte
Alte Industriegebäude und wie sie neu genutzt werden können.
Alte Industriegebäude und wie sie neu genutzt werden können.
Die Schweiz und insbesondere der Kanton Glarus gehören weltweit zu den am frühesten industrialisierten Gebieten. Zwischen Linthal und Ziegelbrücke sowie zwischen Elm und Schwanden entstanden um 1815 enorm viele Spinnereien, Webereien, Stoffdruckereien und weitere damit verbundene Betriebe. Die Industrie hat während ihrer 200-jährigen Geschichte die Landschaft und die Bevölkerung geprägt: Die Erinnerung an vergangene Zeiten fördert das Gefühl von Tradition und Heimat. Das historische Wissen hilft, die Welt, in der wir leben, besser zu verstehen und sich darin orientieren zu können.
Im 20. Jahrhundert mussten viele Fabriken ihren Betrieb schliessen. Fabrikanlagen sowie Fabrikantenvillen wurden teilweise abgebrochen, verändert oder umgenutzt. Das Interesse der Bevölkerung an Geschichte und Geschichten aller Art ist ungebrochen und nimmt weiter zu, verschiedene Vereine kümmern sich um das industrielle Erbe als Teil unserer gesellschaftlichen Entwicklung und erhalten es lebendig. Zum Beispiel erschliesst der Glarner Industrieweg zahlreiche «Marksteine glarnerischer Geschichte» wie die Schiefertafelwerkstätte in Elm, das Schieferbergwerk in Engi, das Sernftalmuseum in Engi oder die Hammerschmiede in Mühlehorn, um nur einige zu nennen.
Mitte Oktober trafen sich in Zürich in der Mühle Tiefenbrunnen, einem ehemaligen Industrieareal aus dem späten 19. Jahrhundert, Interessierte zum Ideenaustausch in Sachen Nutzung der Schweizer Industrieareale. Die Tagung hatte zum Ziel, das industrielle Erbe, das auch touristisch genutzt werden kann, zu vernetzen und gegen aussen sichtbarer zu machen. Organisiert wurde der Anlass vom Verein «Industriekultour». Der Verein möchte mit seinen Aktivitäten erreichen, das industrielle Erbe der Schweiz touristisch aufzubereiten. So können in einer ersten Phase interessante Industrieobjekte und -orte in der Ostschweiz zu einer spannenden Reise miteinander verbunden werden.
An der Tagung in Zürich berichteten zwei Referenten aus Holland und Deutschland über Projekte in ihren Ländern und europaweit. Das Ziel: Besucher aller Altersstufen können Industriekultur in spannender Weise «live» erleben, durch interessante Geschichten mit hohem Erlebniswert. Kombiniert wird Industriekultur mit Tourismus. Das Industrieareal, Freizeit, Kultur, Restaurant und Hotel ist die ideale Mischung.
Sie kann sich zu einem Wirtschaftsfaktor entwickeln, denn sie schafft Arbeitsplätze, und das industrielle Erbe kann bewahrt werden. Die Referenten berichten über verschiedene «Besuchertypen». Die Tagestouristen wollen die Industriekultur erleben, es sind oft aufgeschlossene Entdecker, selbsterfahrungsorientiert. Familien mit Kindern sind mehr erlebnisorientiert. Die Übernachtungsgäste kommen wegen der Wellness, der Möglichkeit von aussergewöhnlichen Freizeitaktivitäten – und der Industriekultur. Der Besuch eines Technikmuseums, Museumsbahnen, Werkbesichtigungen machen den Übernachtungsort noch attraktiver. Der Tourist will nicht nur etwas sehen, er will auch etwas erleben. Der Rundgang, die Standorte müssen auch ausgeschildert werden, vorbildlich realisiert beim Glarner Industrieweg.
Die Referenten stimmen überein mit der Feststellung, dass Industriekultur im Tourismus noch nicht den gebührenden Platz eingenommen hat. So ist es nicht verwunderlich, dass auch Vertreter von Schweiz Tourismus und der Fachhochschule Chur (Institut für Tourismus und Freizeit) an der Tagung teilgenommen haben. Sie betonen, dass Hotelgäste ein Gesamterlebnis erwarten und die Angebote regional übergreifend sein sollten. Nur Museen besuchen zu können, ist zu langweilig. Der Tagungsort «mühlerama» in Zürich ist ein gutes Beispiel für den angestrebten Erlebnisort. Im Museum der historischen Mühle erfährt man nicht nur viel über die Müllerei. Die Besucher dürfen auch selber Korn mahlen und Brot backen.
Eine weitere Möglichkeit, um alte Industrieanlagen zu erhalten, besteht in deren Umnutzung. Neuestes Beispiel ist das Projekt der Umnutzung der Cotlan-Fabrik in Rüti. Gemäss einem Bericht der «Südostschweiz» sollen in den leer stehenden Hallen ein Computerzentrum und Gewächshäuser für den Anbau von medizinischem Cannabis entstehen. Mit der Abwärme der Rechner werden die Gewächshäuser geheizt. An der Tagung vertreten waren auch die Landesplattenberg Engi GmbH mit Hansjürg Rhyner und der Glarner Industrieweg mit Jacques Hauser. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Interessengruppen soll weiter vertieft werden. Der Kanton Glarus bietet ein gutes Potenzial für die noch bessere Vermarktung der bestehenden Fabrikareale und Institutionen.
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