«Schreiben ist Blut und Tränen»
An den Alpensagen- und Märchentagen in Chur tritt dieses Wochenende der Münstertaler Autor Tim Krohn auf. Im Interview erklärt er, wie aus einer Idee zur kurzfristigen Geldbeschaffung inzwischen eine Lebensaufgabe geworden ist.
An den Alpensagen- und Märchentagen in Chur tritt dieses Wochenende der Münstertaler Autor Tim Krohn auf. Im Interview erklärt er, wie aus einer Idee zur kurzfristigen Geldbeschaffung inzwischen eine Lebensaufgabe geworden ist.
Herr Krohn, Sie erwarten jeden Moment die Geburt ihres dritten Kindes. Was ist das für eine menschliche Regung?
Geduld.
Mit dem Projekt «menschliche Regungen» wollen Sie eine Enzyklopädie menschlicher Regungen schreiben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Das hat zunächst einen ganz unliterarischen Grund: Meine Mutter kann nicht mehr alleine leben. Und damit sie in unser Haus in der Val Müstair ziehen konnte, brauchten wir ein ebenerdiges Bad für 40 000 Franken. Ich brauchte 2015 also schnell viel Geld. So kam ich auf die Idee, ein Crowdfunding-Projekt zu lancieren. Das Thema des Projekts hat aber einen literarischen Grund: Ich führe schon lange eine Liste mit menschlichen Regungen, die ich mir als Alterswerk aufsparen wollte. So hat sich ein schönes Experiment ergeben, das mir auch noch Spass macht.
«Ich habe Respekt vor Regungen, die ich selbst nicht kenne oder erfahren habe.»
Was für eine menschliche Regung gefällt Ihnen persönlich am besten?
Als Gefühl an sich Neugierde und Verspieltheit. Auch die Geduld. Die brauche ich nicht nur wegen der Schwangerschaft meiner Frau, sondern auch für dieses Projekt: Vermutlich werde ich damit nie fertig. Nach dem ersten Crowdfunding-Aufruf hatte ich plötzlich 130 Unterstützer, die von mir eine Geschichte erwarteten. Da habe ich mich schon gefragt, wie ich das schaffen soll. Und jetzt habe ich schon 250 von ungefähr 1000 Regungen geschrieben, die auf meiner Liste stehen.
Hat Ihnen das Verschreiben einer bestimmten Regung besonders viel Kopfzerbrechen bereitet?
Ich habe Respekt vor Regungen, die ich selbst nicht kenne oder erfahren habe. Ich bin nicht homosexuell, darum fällt es mir schwer, darüber zu schreiben. Oder Hass: Ich habe noch nie jemanden gehasst.
Sie haben es schon angedeutet: Die Regungen hätten ihr Alterswerk werden sollen. Was für eine Bedeutung haben sie jetzt?
Jetzt ist es mein Lebenswerk. Da ist viel Demut dabei: Diese Aufgabe ist zu mir gekommen. Natürlich habe ich manchmal Sehnsucht, wieder etwas anderes zu machen. Ich habe einen halb fertigen Roman in der Schublade, den ich nicht vollenden kann. Aber ich habe versprochen, das Spiel zu spielen, solange jemand mit mir spielt.
Das Crowdfunding ist ein grosser Erfolg. Wie erklären Sie sich das?
Als ich das Projekt gestartet habe, hatte ich keine Erwartungen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass dieses Experiment eine glückliche Konstellation hat: Viele Unterstützer lesen ihren Text wie ein Orakel: Sie beziehen ihn auf ihr Leben. Das spüre ich auch an den vielen schönen und verrückten Rückmeldungen, die ich erhalte.
Was passiert, wenn ein Kunde mit dem Text nicht zufrieden ist. Gibt es eine Geld-zurück-Garantie?
Nein, man kauft sich ja den Text nicht, sondern unterstützt meine Arbeit. Ich lasse mich nicht kaufen. Wenn jemand die Regung Harmonie wählt und dazu Worte wie Kerzenlicht und Chopin-Musik, kann er sicher sein, dass ich die Geschichte nicht so schreibe, wie er sich das vorgestellt hat. Wenn negative Rückmeldungen kommen, empfehle ich den Leuten, das Kapitel im Kontext des Buchs zu lesen. Fast immer braucht es nur etwas Zeit, bis sich die Leute mit dem Text anfreunden können.
Sie sprechen mit diesem Projekt ungewöhnlich offen über ihre Finanzen. Macht Sie das für ihre Kundschaft fassbarer?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich finde es aber wichtig, auch über Geld zu sprechen. Der Buchmarkt darbt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: «Vrenelis Gärtli» war auf der Beststellerliste, davon habe ich vor zehn Jahren 20 000 Stück verkauft. «Herr Brechbühl sucht eine Katze», der erste Band der menschlichen Regungen, war auch auf der Bestsellerliste. Verkauft wurden aber nur 8000 Exemplare. Pro Exemplar erhalte ich vom Verlag gut zwei Franken Tantiemen. Sie können sich selber ausrechnen, dass man davon nicht lange leben kann. Ich finde es wichtig, dass die Öffentlichkeit wahrnimmt, dass Literatur nicht einfach gratis sein kann. Ich persönlich identifiziere mich nicht über Geld, darum kann ich auch so offen darüber sprechen.
Für Ihre Romane «Quatemberkinder» und «Vrenelis Gärtli» haben sie mit einer Mischung aus Dialekt und Hochdeutsch fast schon eine eigene Sprache erdacht. Für die Bücher zu den menschlichen Regungen sind Sie auf eine ungewöhnliche Art der Finanzierung gekommen: Sind Sie ein Schriftsteller, der die Literatur 2.0 erfinden will?
Nein, ich bin ein ganz normaler Autor, aber ein verspielter Mensch. Beide Ideen sind ganz pragmatisch entstanden. Die Form wurde durch die Umstände bestimmt. Ich bin einer, der einfach macht, und nicht einer, der sich ein Image aufbauen will. Schreiben ist Blut und Tränen, dazwischen will ich auch etwas Vergnügen haben.
Sie waren 20 Jahre lang ein Stadtmensch, lebten in einer Genossenschaftswohnung in Zürich. Warum verschlug es Sie dann ausgerechnet in die abgelegene Val Müstair?
Dass wir in die Val Müstair zügelten, war Zufall. Eigentlich wollten wir nach Vals, das für mich fast schon eine zweite Heimat geworden war. Dort war das Bauen aber zu teuer. Nach Zürich suchten wir nach einem Ort, wo es noch richtig Schnee gibt. Auf die Val Müstair sind wir gekommen, weil wir einen alten, grossen Garten wollten. Und Häuser mit solchen Gärten bekommt man hier für beschämend wenig Geld.
Die «Südostschweiz am Wochenende» hat eine Redaktion in Chur und auch eine in Glarus. In Chur gelten Sie als ein Bündner Autor, weil Sie dort wohnen. Die Glarner reklamieren Sie für sich, weil Sie dort ihre Kindheit verbrachten. Sie dürfen entscheiden: Wer hat recht?
(lacht) Es ist ja noch schlimmer: Ich bin Bürger von Zürich und habe auch noch einen deutschen Pass. Die Bündner haben mich auf sehr sympathische Weise vereinnahmt, seit ich in der Val Müstair wohne. Ich habe nichts dagegen, wenn man mich als Bündner Autor bezeichnet. Aber im Herzen bin ich ein Glarner. Das sieht man an meiner Arbeit: Die Glarnerinnen und Glarner sind und waren etwas schräge und utopische Menschen in einem positiven Sinne. Diese Eigenschaften habe ich aus dem Glarnerland mitgenommen.
Ihr aktuelles Buch ist eine nahtlose Fortsetzung des ersten Bandes der menschlichen Regungen. Haben Sie den Verlauf des Romans jeweils schon vor dem Schreiben im Kopf?
Genau ist das nicht möglich, weil ich die Regungen in der Reihenfolge bearbeite, in der sie bei mir ankommen. Im Kopf habe ich aber die Weltgeschichte. Der erste Band war geprägt vom Jahrtausendwechsel, die Aufregung im Angesicht der Zukunft. Für den zweiten, aktuellen Band ist 9/11 das zentrale Thema, die Frage, wie lange es uns als Gesellschaft überhaupt noch gibt. Die Aufregung kippt in Angst. Und im dritten Band geht es um alternative Utopien, um die Frage, wie man eine Gesellschaft so gestalten kann, damit sie mit der Welt verträglich ist.
Die vielleicht wichtigste Frage: Der Kiosk für menschliche Regungen ist im Moment geschlossen. Ab wann ist er wieder geöffnet?
Ich schwanke. Ich merke, dass immer noch viele Leute ein Gefühl unterstützen wollen. Ich will aber auch, dass sie danach nicht zu lange auf die fertige Geschichte warten müssen. Zwei Bände sind jetzt erschienen, zwei weitere habe ich schon abgeschlossen. Wenn ich jetzt neue Regungen aufnehme, dauert es Jahre, bis die Geschichte erscheint. Ich warte sicher noch die Geburt meines Kindes ab, dann schaue ich weiter. Grundsätzlich ist es aber ein gutes Gefühl, dass ich mir solche Gedanken überhaupt machen kann.
Tim Krohn liest im Rahmen der Alpensagen- und Märchentage heute Samstag, 23. September, um 14 Uhr in der Kantonsbibliothek in Chur aus «Quatemberkinder». Am Sonntag, 24. September, um 18 Uhr stellt er im Theater Chur seine neue Geschichte «Pippin, der Nichtsnutz» mit Musikbegleitung vor.
Zur Person: Tim Krohn
Tim Krohn ist 1965 in Nordrhein-Westfalen geboren worden, wuchs ab seinem zweiten Lebensjahr im Glarnerland auf und wohnte dann gut 20 Jahre lang in Zürich. Inzwischen lebt er mit Frau und Kindern in Santa Maria im Val Müstair. Er ist freier Schriftsteller. Er schrieb zuletzt die Romane «Quatemberkinder» (1998), «Irinas Buch der leichtfertigen Liebe» (2000), «Vrenelis Gärtli» (2007) und «Ans Meer» (2009), die Erzählbände «Aus dem Leben einer Matratze bester Machart» (2014) und «Nachts in Vals» (2015) sowie Theaterstücke, so auch die Vorlage zum «Einsiedler Welttheater 2013». Er gewann unter anderem das Berliner Open Mike, den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung und den Kulturpreis des Kantons Glarus.
Sebastian Dürst ist Redaktionsleiter der «Glarner Nachrichten». Er ist in Glarus geboren und aufgewachsen. Nach Lehr- und Wanderjahren mit Stationen in Fribourg, Adelboden und Basel arbeitet er seit 2015 wieder in der Heimat. Er hat Religionswissenschaft und Geschichte studiert. Mehr Infos
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