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Die Burg des Schoggi-Chemikers

Die Burg des Schoggi-Chemikers

Das eigentümliche Haus an der Masanserstrasse heisst «Villa Svea», und Carl Georg Bernhard baute es für seine schwedische Frau. Möglich machte das sein Erfolg mit der ersten und einzigen Bündner Schokoladenfabrik. Mehr als 100 Jahre blieb das Haus in der Familie. Das ändert sich jetzt.

Ruth
Spitzenpfeil
vor 3 Jahren in
Kultur & Musik

Eine Woche lang hat Lilian Giubbini das Haus noch für sich. Sie will ihr Werk noch etwas geniessen und schauen, dass auch die letzten Handwerksarbeiten perfekt erledigt sind. Dann wird sie die Schlüssel übergeben, und neues Leben wird sich regen in der prächtigen Villa an der Masanserstrasse 114, in der es sehr lange sehr ruhig gewesen war. Wer da wohl wohnt, mag sich in der Vergangenheit so mancher gefragt haben, wenn er vor der Ampel an der Kreuzgasse stand und hinaufblickte zu den Zinnen dieser weissen Burg.

Umbau mit Respekt

Es werden Mieter sein, die im Oktober einziehen. Damit werden erstmals seit 112 Jahren keine Nachkommen des stolzen Erbauers Carl Georg Bernhard mehr hier wohnen. Seine Urenkelin Dina Casparis, die bei Zürich lebt, hatte sich vor einiger Zeit zum Verkauf entschlossen. Jetzt hat sie offenbar grosse Freude daran, was das Architekturbüro Giubbini aus Chur daraus gemacht hat. Lilian Giubbini nahm die Restaurierung des Hauses im Team mit der Architektin Corinna Welp an die Hand und liess drei höchst individuelle Wohnungen entstehen, da, wo früher jahrzehntelang Casparis’ Onkel, Rico Casparis, allein gelebt hatte.

Sie Villa Svea kurz nach ihrem Bau 1905

Giubbini und Welp packten es mit viel Feingefühl an und mit grossem Respekt für die historische Bausubstanz. Immerhin handelt es sich bei der Villa Svea um eines der wenigen grossen Privathäuser Churs, deren Ausstattung echter Jugendstil ist. Dieser zeigt sich in vielen zauberhaften Details, die nun wieder in zurückhaltender Eleganz strahlen. Auch die neuen Einbauten sind keine 08/15-Lösungen für Mietobjekte, sondern sorgfältig auf das Alte abgestimmt. «Die Villa Svea war für uns von Anfang an eher Herzensangelegenheit denn Renditeobjekt», erklärt Giubbini.

Doch was hat der Jugendstilbau mit Schweden zu tun, und wer waren die früheren Bewohner? Die Villa Svea hat noch ein Schwesterhaus, die geheimnisvolle Villa Sumatra an der Engadinstrasse. Auch sie, von der wir demnächst berichten wollen, geht nämlich auf die erste und einzige Bündner Schokoladenfabrik zurück, die 1893 von Charles Müller und Carl Georg Bernhard gegründet wurde. Die spätere Chocolat Grison AG bestand bis 1997.

Inga (rechts), die Tochter des Erbauers, mit zwei Tanten im Garten. Sie trägt das Hochzeitskleid ihrer Mutter.

Bernhard, studierter Chemiker, war bei verschiedenen Zuckerbäcker-Verwandten in Riga und Malmö mit dem süssen Handwerk in Kontakt gekommen. In Schweden hatte er auch seine Frau Stine Andersson kennengelernt. Nachdem er 1904 seine Anteile an der Schokoladenfabrik an Müller verkauft hatte, widmete er sich dem Bau seines Schlosses, das er nach der schwedischen Nationalfigur benannte. Speziell der schwarz-rote Salon zeigt schwedischen Stil aus der Vor-Ikea-Zeit.

 

Zeitungsartikel von 1986 zu der von Bernhard gegründeten Schokoladenfabrik.

Der unermüdliche Zeichner

Im Atelier oben im Turm ging er seiner grossen Leidenschaft nach, dem Experimentieren mit der frühen Farbfotografie. Seine Autochrome (Vorgänger der Dias) sind heute im Rätischen Museum archiviert.

Bilder entstanden im Turm später noch sehr viele. Hier fertigte ein Sohn von Bernhards einziger Tochter, Rico Casparis, seine unzähligen Porträtzeichnungen an. Der langjährige Zeichenlehrer des Quaderschulhauses lebte die allermeiste Zeit seines nun bald 100-jährigen Lebens in der Villa. Er zeichnet immer noch, allerdings seit rund drei Jahren in seinem Zimmer im Altersheim Bodmer. An den Grossvater erinnert er sich noch gut – an das, was gerade eben geschah, weniger.

Ein Autochrome von 1911 zeigt die Villa Svea schon in Farbe.
Carl Otto Bernhard

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