×

Eine sehr harmonische Familie

Im Glarnerland ist der Name «Oertli» untrennbar mit der Harmoniemusik Glarus (HMG) verbunden. Jetzt sogar noch mehr. Denn zu den Drillingen Peter, Werner und Reto Oertli, die der HMG seit über 35 Jahren die Treue halten, sind drei weitere Oertlis hinzugekommen: Retos Frau Gabi und die Söhne Pascal und Noël.

Südostschweiz
Samstag, 12. August 2017, 05:00 Uhr Generationen erzählen
In der musikalischen Familie Oertli geben alle den Ton an.
BILD SUSANNE PETER-KUBLI

von Susanne Peter-Kubli

Eltern und ihre Teenager-Söhne im selben Verein: Geht das gut? «Doch, doch», beteuert Pascal für Letztere. «Denn bei Proben oder Auftritten sind sie nicht mehr unsere Eltern, sondern einfach Musikerkollegen.» Das gilt im Übrigen auch für die beiden Onkel, Werner und Peter. Zwar geben die Jungs gerne zu, dass sie es mit Üben zu Hause hie und da etwas locker nehmen, aber selbst Vater Reto muss gestehen, dass er sich da nicht gerade ein Bein ausreisse.

Um alle zu motivieren, entschied die Familie, ein Vierer-Orchester zu bilden und bei Familienfesten gemeinsam zu musizieren. In den Genuss solcher Oertli-Ständchen kommt aber nicht nur die erweiterte Familie, sondern wie zum Beispiel an Weihnachten auch das Quartier, in dem die vier wohnen. Das tun sie seit der Geburt des älteren Sohnes Pascal in Mollis. Ein Wechsel in die Harmoniemusik Mollis war nie ein Thema. Fehlt hingegen einer anderen Musik ein Waldhorn oder eine Tuba, so helfen sie gerne aus.

Von den Heugümpern zur HMG

Retos Weg zur Harmoniemusik war nicht ganz der übliche, denn die meisten wechseln von seriösen klassischen Musikformationen zu leichteren, unbeschwerten. Während seine beiden Brüder bereits der Harmoniemusik Glarus angehörten, musizierte er zu Hause auf seiner Hammond-Orgel. «Als in Ennenda die Guggenmusik Heugümper gegründet wurde, wurden wir Drillinge angefragt, ob wir da auch mitmachen möchten», erinnert sich Reto. «Weil eine Hammond-Orgel ungeeignet war, drückte man mir eine Baslertrommel in die Hände, mit der ich aber gar nichts anzufangen wusste.» Im Probelokal sei jedoch auch eine alte, zerbeulte Tuba herumgelegen. «Also versuchte ich es eben damit.»

Notenlesen bereitete Reto keine Mühe, und die wichtigsten technischen Kniffe brachte ihm sein Bruder Peter bei, der Trompete spielte. Nach einem zweijährigen Gastspiel beendeten die drei Oertli-Brüder ihre Guggenmusik-Karriere, und ein halbes Jahr später trat auch Reto in die HMG ein. Mittlerweile hatte er sich mit seiner «Blech-Hüpi» angefreundet, und so ist die Tuba bis heute sein Hauptinstrument geblieben.

Musik verbindet

In der HMG fand Reto seinen Stammverein – und auch seine Frau Gabi. Bis zu seinem Rücktritt aus dem Vorstand im Januar gehörte er diesem während 25 Jahren an und erlebte fünf Dirigenten von Franz Regli bis zu Dominik Uehli.

Gabi steht dem Verein seit einem Jahr als Präsidentin vor. Beide schätzen das grosse Altersspektrum der Mitglieder. Ihr Sohn Noël Oertli ist mit 15 Jahren der Jüngste, Hans Aebli mit 79 der Älteste. Und was allen besonders gefällt, erklärt Reto: «Gehen wir nach einer Probe noch etwas trinken, so sitzen junge, mittelalte und ältere Semester bunt gemischt zusammen.»

«Bei Proben oder Auftritten sind sie nicht mehr unsere Eltern, sondern einfach Musikerkollegen.»

Mit Blasmusik aufgewachsen

Da Reto und Gabi im selben Verein musizieren, war es naheliegend, dass sie ihre Kinder bereits als Knirpse an Anlässe mitnahmen, wenn immer das möglich war. Während an den Sonntagsproben vorne im Probelokal eifrig geübt wurde, spielten die zwei hinten friedlich mit ihren mitgebrachten Spielsachen. Die ausgeprägten Musikergene der Eltern – Gabi stammt ebenfalls aus einer Musikerfamilie – haben sich dann auf die Söhne übertragen. Sowohl Pascal als auch Noël spielen Blasinstrumente; Trompete und Klarinette.

Selbstverständlich seien sie stolz darauf, dass ihre Söhne die elterliche Freude an der Blasmusik teilten, erklärt Gabi. So sei es ein besonderer Moment für sie gewesen, als sie an ihrer ersten Hauptversammlung als Präsidentin ihren Jüngsten als Mitglied in die HMG aufnehmen durfte. Die Kunst bestehe aber darin, die Jungen auch ihre übrigen Interessen ausleben zu lassen und ihnen den nötigen Raum zu geben, damit sie ihre eigene Musikrichtung finden und verfolgen könnten.

Im Moment zumindest scheinen Gabi und Reto die richtige Mischung aus Fordern, Ansporn und Seinlassen, gefunden zu haben. Pascal und Noël sind voll bei der HMG-Sache. Sie erzählen begeistert vom Besuch im Vatikan und vom Auftritt ihres Glarner Jugend-Projektorchesters in Rom 2016.

Auch die Musik wandelt sich

Etwas schade sei es bloss, dass die Blasmusik von Gleichaltrigen immer noch als etwas Traditionelles, fast Altertümliches betrachtet werde und vorwiegend an Anlässen wie der Landsgemeinde oder der Näfelser Fahrt präsent sei, erklärt Noël.

Er ist der einzige in seiner Schulklasse, der einer Blasmusik angehört, Pascal hat immerhin noch einen Kollegen. Wenn sie vor einem Konzert Flyer verteilen, lässt sich kaum eines ihrer «Gspänli» zum Besuch bewegen. Die Hemmschwelle scheint recht hoch zu sein, obwohl sich gerade in der Blasmusik in den letzten Jahrzehnten viel getan hat: Neben traditioneller Blasmusik werde, wie Reto erzählt, vermehrt moderne Unterhaltungsmusik gespielt, sei es ein Stück von Robbie Williams, ein Rock-Medley von Bon Jovi oder Filmmusik wie jene zu Pirates of the Caribbean.

Das könne auch damit zusammenhängen, dass heute leichter Arrangements zu finden seien als noch vor 20 oder 30 Jahren. «Wird heutzutage ein Lied oder ein Musikstück in einem Film ein Hit, so dauert es nicht lange, bis auch für Blasmusiken ein Arrangement vorliegt», erklärt Gabi. Überhaupt sei man in der Instrumentierung heute freier, und so legt Reto, wenn Bedarf besteht, seine Tuba schon einmal beiseite und spielt stattdessen die Bassgitarre – ein Relikt aus seiner Zeit als Mitglied der Tanzmusikband Obersee-Quintett, der er zusätzlich zur HMG für 13 Jahre angehörte.

Erwartungen dämpfen

Die Musikalität der Drillingsbrüder sei für ihre Söhne manchmal auch ein Handicap, sagt Gabi. Die Erwartungshaltung sei hoch, und da gelte es, ein bisschen Gegensteuer zu geben, damit die Söhne sich davon nicht bedrängt fühlten und ihren eigenen musikalischen Weg beschreiten könnten. In diesem Sinn halten Gabi und Reto Oertli nach wie vor ein wachsames Auge auf ihre «jungen Musikerkollegen».

Ihr nächstes Konzert gibt die Harmoniemusik Glarus an der Chilbi in Ennenda am Sonntag, 3. September, um 11 Uhr.

Kommentar schreiben

Kommentar senden