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Der Turm ist eingeweiht

Er ist zehneckig, rot und steht auf dem Julierpass: Der Origen-Turm. Das besondere Bauwerk wurde am Montag von Bundesrat Alain Berset eingeweiht. Bis es aber soweit war, brauchte es Einiges.

31.07.17 - 17:35 Uhr
Kultur & Musik

Kunst hat wohl immer auch etwas Vergängliches. So ist auch der einsame rote Origen-Holzturm auf dem Julierpass vergänglich, denn in drei Jahren muss er bereits wieder verschwinden. Ansonsten hätte er gar nicht erst gebaut werden dürfen.

Bundesrat Alain Berste weihte am Montag den Turm ein (siehe Rede unten), am 3. August feiert dann die Oper «Grosse Apocalypse» von Gion Antoni Derungs Premiere im einzigartigen Bauwerk. Der Turm soll in den nächsten drei Jahren als Theaterhaus dienen. Alle Aufführungen sind restlos ausverkauft, wie das «Origen Festival Cultural» mitteilte. In Derungs Oper wird das «Ende der Welt, der Untergang der Stadt Babylons, die Trauer der Seeleute, die verklärte Himmelsstadt am Ende der Tage» besungen.

PRESSEBILD

Bis das Bauwerk schliesslich stand, war einiges an Eigensinnigkeit und Handwerkskunst nötig. Ins Leben gerufen wurde der Origen-Turm von Giovanni Netzer. «Es geht nicht darum, etwas Monumentales in die Landschaft zu bauen, sondern an diesem Ort die grossen Mythen der Menschheit spürbar werden zu lassen», sagte der Intendant, Gründer und unermüdliche Macher von Origen beim Spatenstich.

Michael Pfäffli, Giovanni Netzer und Leo Thomann beim Spatenstich.
Michael Pfäffli, Giovanni Netzer und Leo Thomann beim Spatenstich.
NADJA SIMMEN

Der Kanton unterstützte den Bau des Turms mit 700 000 Franken, insgesamt kostete er laut Netzer 2,5 Millionen Franken. 30 Meter ragt er nun in den Himmel, ist aus je 20 Quadratmeter grossen und 120 Millimeter dicken Massivholzplatten erbaut. Die Holzbaufirma Uffer in Savognin hatte sich der Aufgabe angenommen, diese riesigen Platten innert kürzester Zeit zu Elementen des Turms zusammenzubauen. Dafür räumten sie extra ihre ganze Lagerhalle leer.

Die Elemente mussten mit Schwertransportern auf die Passhöhe transportiert werden. Die riesigen, zwölf Tonnen schweren Module wurden durch mehrere enge Gassen an der Julierstrasse befördert. Das sah dann so aus:

MARCO HARTMANN

Nun, nach zwölf Wochen Aufbauarbeit, steht er also: Der Turm auf dem Julierpass. Bis zu 220 Zuschauer werden in den Bogenfenstern in ihren Logen sitzen, am Rand der freischwebenden Bühne, die an Stahlseilen aufgehängt ist. Der Turm von Origen ist definitiv ein Projekt, das seinesgleichen sucht.

Bundesrat Alain Berset kommt an. NADJA SIMMEN

Die Rede von Bundesrat Alain Berset:

Es ist mir eine Freude, heute - am Vorabend des 1. August - ein höchst bemerkenswertes Bauwerk zu eröffnen.

Dieser Turm wirkt robust, sogar massiv - und gleichzeitig zugänglich, durchlässig, transparent. Er steht für eine starke Identität - und atmet doch den Geist der Weltoffenheit und der Neugier auf alles, was es draussen zu sehen gibt.

Innenraum und Fernsicht sind ohne einander gar nicht denkbar. So wie die eigene Identität ohne die Identität der anderen nicht möglich ist, weil Identität immer in einer Dialektik von Aneignung und Abgrenzung entsteht.

Die Vereinigung von Widersprüchen - von scheinbaren Widersprüchen - gelingt auch, was die Statik angeht. Dieser Bau ist stabil - besteht aber aus fragilen Elementen. Aus zehn fünfeckigen Türmen entstand ein starker Turm. Er hält Windgeschwindigkeiten von bis zu zweihundertfünfzig Stundenkilometern aus. Der verantwortliche Holzbauingenieur bezeichnete seine Konstruktion, bei der die Einzeltürme einander stützen, als „soziales Tragwerk".

Dieser Turm versinnbildlicht Resilienz, Robustheit, Solidarität, Stabilität. Und er macht klar, dass Weltoffenheit kein fester Zustand ist. Sondern ein starkes Bewusstsein dafür, dass Identitätsfindung nie zu Ende ist. Nie zu Ende sein kann.

Insofern ist dieses erstaunliche Projekt hier auf dem Julier wirklich eine gelungene Metapher auf unser Land - denn die Schweiz ist ein Land der Pässe, ein Land der Vorbeiziehenden, die oft auch geblieben sind und unser Land bereichert haben, wirtschaftlich ebenso wie kulturell.

Dieser Turm auf dem Julierpass verweist nicht zuletzt auf den ganz besonderen Ort der Schweiz an der Grenze grosser Kultur- und Sprachräume in Europa. Der Julier ist eine Metapher für die Vielfalt der Schweiz, für den kulturellen Austausch, für Identität und Öffnung. Und dafür, dass Öffnung und Austausch Identitäten nicht gefährden müssen - sondern sogar stärken können.

In Bivio lässt sich das eindrücklich erleben, wo nicht weniger als 7 Sprachen, Dialekte und Mundarten gesprochen werden. Schriftdeutsch und Bündnerdeutsch, Italienisch und Bargaiot, Surmiran, Putér und Bivio-Romanisch.

A l'endroit de cette tour, qui rappelle celle de Babel, devrait régner, si l'on en croit le mythe, le chaos linguistique le plus total. Et pourtant, la cohabitation se passe bien. Peut-être parce que la tour Rouge a été terminée, contrairement à la tour de Babel.

Voilà peut-être le principal message de cet ouvrage incroyable. Clin d'œil au célèbre mythe, il le remet en question : Pourquoi faudrait-il stopper le travail parce qu'on ne parle pas la même langue ? Peut-être que les difficultés que nous avons parfois à nous comprendre ne sont pas insurmontables. Peut-être sont-elles même constructives, parce qu'elles nous obligent à faire plus pour aller vers l'autre.

Notre nation n'est pas issue de la seule volonté de ses citoyens. Non, la Suisse n'est pas qu'une Willensnation. C'est aussi et surtout une nation de traducteurs.

Une nation de traducteurs au sens large, politique du terme. Une nation de bâtisseurs, donc, de « jeteurs de ponts » entre les langues et les cultures.

Was ist schweizerisch? Die Skepsis gegenüber den grossen europäischen Ländern? Ja, gewiss, das ist ja auch verständlich für einen vielfältigen, eher kleinen Staat. Aber schweizerisch ist auch das Bewusstsein, dass Europa unsere kulturelle Heimat ist.

Die Schweiz liegt „mitten in Europa", sie ist „das europäischste Land", um den Schweizer Historiker André Holenstein zu zitieren. Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit unseren Nachbarn war schon lange vor der EU eine der Bedingungen für unseren Wohlstand. Und sie ist es selbstverständlich auch heute noch.

Die Schweiz ist - kulturell, nicht institutionell - ein Europa im Kleinen. Und gerade deshalb schwanken wir stets zwischen Verflechtung und Abgrenzung - ich betone: Abgrenzung. Von Abschottung kann keine Rede sein in einem Land, das auf den diversen Globalisierungs-Indices stets den Spitzenplatz einnimmt. Und das einen der höchsten Ausländeranteile der Welt hat und zudem eine der höchsten Zuwanderungsquoten.

Verflechtung und Abgrenzung: Dieses Wechselspiel - das sind wir. Eine Schweiz, die einfach nur die Schweiz ist, ist irgendwann nicht mehr die Schweiz. Unsere Identität steckt in unseren politischen Prozessen. Unsere Identität bemisst sich am hohen Stellenwert, den wir dem gesellschaftlichen Zusammenhalt einräumen. Unsere Identität stärken wir, indem wir sie als nicht-abschliessbar begreifen. Indem wir reformfähig bleiben, indem wir uns bewegen, entdecken wir uns auch immer wieder neu.

„In den Bergen denkt man über die Ewigkeit nach, in den Städten hat man dafür keine Zeit", hat der Initiator des Projektes, Giovanni Netzer, einmal sinniert. Und doch - eine weitere schlaue Doppelbödigkeit - ist der Turm eben nicht für die Ewigkeit gedacht. Er steht nur auf Zeit - drei, vielleicht vier Jahre. Das passt perfekt in unsere Zeit der dramatischen Veränderungen und der kurzfristigen Umdeutungen. Dieser Turm zeigt: Man soll bauen - auch und gerade wenn die Umstände schwierig sind. Und man soll gut bauen - auch und gerade, wenn das Bauwerk nur auf Zeit steht.

Vielleicht sehe ich das so, weil die Reform über die Altersvorsorge des Bundesrates im September an die Urne kommt. Die Altersvorsorge 2020 ist gut gebaut. Ein echter Kompromiss. Mit dem einen Ziel: Das Rentenniveau bleibt erhalten. Die Reform ist dringend nötig, denn die Altersvorsorge gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht.

Die Reform ist wichtig, weil sie ein Versprechen der Schweiz an ihre Bewohnerinnen und Bewohner einlöst: nämlich ein Alter in materieller Sicherheit. Die Vorlage ist aber auch deshalb so entscheidend, weil wir mit ihr auch beweisen können, dass die Schweiz nach wie vor reformierbar ist.

Wer reformiert, sitzt am Steuer. Wer reformiert, ist den Verhältnissen nicht einfach ausgeliefert. Sondern gestaltet diese Verhältnisse. Deshalb gehört die Steuerbarkeit politischer Themen zu den wichtigsten Voraussetzungen der Demokratie.

Reformfähigkeit ist eine gute Antwort auf die Identitätskrise, die alle westlichen Länder gegenwärtig durchleiden. Reformfähigkeit hilft, die grassierende Unsicherheit einzudämmen, die viele Industrie-Staaten derzeit umtreibt.

Noi svizzeri non dobbiamo inorgoglirci troppo guardando ai nostri vicini. Perché anche da noi la classe media è da tempo sotto pressione. Perché anche da noi i lavoratori più anziani hanno sempre più paura di perdere il posto. Perché anche da noi la globalizzazione distribuisce profitti a senso unico.

Ma come si può reagire efficacemente alla retorica del populismo? Non certo con una contro retorica. Ma migliorando la vita quotidiana della gente rafforzando la sicurezza sociale - riformando con successo settori politicamente complessi. Dimostrando coi fatti che il nostro sistema politico è in grado di gestire al meglio l'evoluzione demografica. E che immobilismo, disimpegno e difesa a oltranza dello statu quo non hanno alcun senso.

Welche Schweiz wollen wir? Eine Schweiz, die Stabilität mit Stillstand verwechselt? Oder eine Schweiz, die weiss, dass Stabilität das Resultat dynamischer Prozesse ist? Jede und jeder von uns muss diese Frage selber beantworten.

Er quest messadi intermediescha quest edifizi surprendent. Perquai ch'el è - tenor Giovanni Netzer - in cunterproject al teater da cuchera classic. Pia per ina situaziun, en la quala las aspectaturas ed ils aspectaturs sa pusan cumadaivlamain enavos per contemplar - cun giudiment u cun disgust - quai che vegn mussà sin tribuna. Cun quai èsi ussa a fin - e betg mo en il teater.

Dieser Turm ist deshalb vor allem eines: Eine sanfte Mahnung, dass es in unserer Welt keine Zuschauer mehr gibt - sondern nur noch Handelnde.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen schönen 1. August.

Mehrere Redner eröffnen den Turm. NADJA SIMMEN
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