Ein Zauberer im Wald von Pontresina
Das Festival da Jazz ist in die Natur gezogen. Wo seit ewigen Zeiten die beliebten Kurkonzerte stattfinden, gab sich nun Meisterpianist Fazil Say die Ehre. Zwischen Lärchen und Arven erlebte man Grossartiges.
Das Festival da Jazz ist in die Natur gezogen. Wo seit ewigen Zeiten die beliebten Kurkonzerte stattfinden, gab sich nun Meisterpianist Fazil Say die Ehre. Zwischen Lärchen und Arven erlebte man Grossartiges.
Es gibt Momente, die kann kein noch so gewiefter Festivaldirektor programmieren. Die Magie, die sich gestern kurz vor Mittag im Taiswald entfaltete, sich zwischen Arven und Lärchen hängte und schliesslich alle, vom rüstigen Wanderer bis zur geübten Konzertgängerin, vom Baby bis zum Biker gefangen nahm, war nicht vorhersehbar. Auf einer Lichtung stand ein ausgewachsener Konzertflügel und darauf spielte Fazil Say. Der ist nun beileibe kein Wald- und Wiesen-Pianist, sondern wird gar als eines der Jahrhunderttalente auf diesem Instrument bezeichnet. Der 47-jährige Türke spielte schon in allen berühmten Konzertsälen der Welt, aber noch nie vor einer solchen Kulisse.
Ort für wunderbare Musik
Dass von dem bewaldeten Hügel bei Pontresina wunderbare Musik erklingt, ist allerdings nichts Neues. Bereits seit mehr als 100 Jahren gibt es hier im Sommer die Kurkonzerte eines kleinen Salonorchesters – täglich um 11 Uhr. Christian Jott Jenny, der rührige Erfinder des «erst» zehnjährigen Festival da Jazz im benachbarten St. Moritz hat die bei ihm gastierenden Jazzgrössen immer gerne auf eine kleine Wanderung nach Pontresina mitgenommen habe. «What the f... is going on here?», hätten sie dann oft ausgerufen, als sie plötzlich mitten im Wald Strauss, Lehár oder Chopin hörten. Und so reifte in Jenny die Idee, auch einmal diesen Ort zu bespielen. Dass er dann ausgerechnet ein feinstoffliches Musikgenie wie Say in den Wald schickte, damit forderte er das Schicksal ganz schön heraus.
Doch wie meistens bei Jennys tollkühnen Ideen ging alles gut. Say entpuppte sich als ein Zauberer, der den Wald von Pontresina für eine Stunde in ein musikalisches Wunderland von Oz verwandelte. Rund 250 Zuhörer wurden Zeuge, wie er die ersten Takte von Mozarts Klaviersonate Nr. 11 in A-Dur leicht wie Schmetterlinge in die Luft steigen liess, kristallklar wie ein Bergbach perlte das Menuett des zweiten Satzes, und beim berühmten «Türkischen Marsch» schien er selbst das Quietschen der nahenden Rhätischen Bahn zu dirigieren.
Klar wie die Bergluft
In den darauf folgenden «Gnossiennes» von Eric Satie wurde deutlich wie unfassbar präzis sein Spiel, klar wie die Bergluft jeder Anschlag ist. Im dritten Teil bewies Say mit einer Reihe von eigenen Variationen, warum er längst auch in der Jazzszene einen Namen hat. Auch sein «Summertime» perfekt angepasst an den Ort: ganz ohne die sonst übliche Schwüle des Südens, sondern ein sommerfrisches Vergnügen. Mit seiner eigenen Komposition «Kumru» durfte man schwelgen. Eine witzige Mozart-Abwandlung ging dann harmonisch über ins Läuten der Mittagsglocken.
Ruth Spitzenpfeil ist Kulturredaktorin der «Südostschweiz» und betreut mit einem kleinen Pensum auch regionale Themen, die sich nicht selten um historische Bauten drehen. Die Wahl-St.-Moritzerin entschloss sich nach einer langen Karriere in der Zürcher Medienwelt 2017, ihr Tätigkeitsfeld ganz nach Graubünden zu verlegen. Mehr Infos
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