Instagrammer – die neuen Stars der Berge?
Alpine Landschaftsfotos sind der neue Hype auf Instagram. Hunderte junger Fotografen strömen auch in die Bündner Berge auf der Jagd nach dem Super-Shot. Einige sind heute gefragte Influencer. Sind sie eine Konkurrenz für die etablierten Fotografen?
Alpine Landschaftsfotos sind der neue Hype auf Instagram. Hunderte junger Fotografen strömen auch in die Bündner Berge auf der Jagd nach dem Super-Shot. Einige sind heute gefragte Influencer. Sind sie eine Konkurrenz für die etablierten Fotografen?
Nachdem er um 22.45 Uhr seinen Computer im Büro in Rapperswil heruntergefahren hat, packt Boris Baldinger Schlafsack und Fotoausrüstung. Bald biegt sein Auto auf die A3 Richtung Chur ein. Sein Ziel heute Nacht ist der Malojapass. Hier wird er im Auto schlafen, damit es am Morgen gelingt: das perfekte Bild von dieser Passstrasse, wie sie sich in 13 Kehren hinabstürzt ins Bergell, das graue Band beleuchtet von den ersten Sonnenstrahlen – und ganz ohne Autos.
«Fantástico» kommentiert tags darauf Anamaria.gnvcar aus Rio de Janeiro, als das Bild auf Instagram erscheint, und «Holy Fuck» entfährt es Mamiloosh aus dem US-Staat Virginia. 3764 Likes hat die Aufnahme seither gesammelt. Das ist ein durchschnittlicher Wert für Baldinger, dessen Geschäftsfeld eigentlich die Business-Fotografie ist. Wann immer es seine Zeit erlaubt, macht sich der 37-Jährige auf in die Bergwelt, meistens nach Graubünden, mit dem einzigen Ziel: ein überraschendes, einzigartiges, überwältigendes Bild von der alpinen Landschaft aufzunehmen, um es dann unter @borisbaldinger (auf Instagram der Welt zu präsentieren. «Einen solchen Moment mit anderen teilen zu können, ist für mich Belohnung für all die Mühe», schwärmt er.
Er ist damit ganz und gar nicht allein. Betrachtet man den Output in diesem speziellen Genre auf dem Online-Foto-Dienst, dann werden die Schweizer Berge derzeit neu erobert. Junge Leute strömen zu Hunderten in entlegene Täler, erklimmen Aussichtspunkte oder jagen auf halsbrecherischen Abwegen nach dem idealen Blickwinkel. Selbstdarstellung gibt es anders als in der Mode kaum. Man sucht das grossartige Landschaftsfoto und dafür reicht den meisten das Smartphone für ihre Aufnahme schon lange nicht mehr. So wie die Zahl der Bergbilder unter einschlägigen Hashtags wie #mountains #naturelovers oder #wanderlust in den letzten zwei Jahren explodiert ist, so hat sich die fotografische Qualität auf Instagram in bemerkenswerter Art entwickelt. «Insta», also augenblicklich, ist auch das Veröffentlichen nicht mehr. Die Aufnahmen werden nach der Rückkehr aus der Natur am Computer sorgfältig ausgewählt, professionell bearbeitet und dann erst gepostet.
Eine neue Ästhetik?
Wächst hier eine Generation von Fotografen heran, welche das Bild vom Berg als Kunstform für sich entdeckt und ihm eine neue Ästhetik verschafft? Auf jeden Fall hatte es künstlerisches Wirken noch nie so einfach, zu seinem Publikum zu kommen. «Ich bin nur ein Mikro-Influencer» sagt Baldinger. Mit den 30 000 Abonnenten seiner Bildersammlung, dem sogenannten Feed, ist er zwar durchaus schon fürs E-Marketing interessant, aber die wirklich erfolgreichen Instagrammer spielen in einer anderen Liga. Der Deutsche Maximilian Münch (@muenchmax), der Schwede Christoffer Collin (@wisslaren) oder die Amerikanerin Alexandra Taylor (@alliemtaylor) sind Stars der Szene, die auch schon von hiesigen Tourismus-Werbern in die Bündner Berge gelotst wurden. Sie sind mit bis zu über einer Million Followern unterwegs und können diese Währung der Aufmerksamkeit auf Instagram in Aufträge und bezahlte Posts ummünzen.
Als eine der ersten Bündnerinnen hat Anfang Jahr die 35-jährige Martina Bisaz aus Latsch ihren Erfolg auf Instagram zum Hauptberuf gemacht. Ihre Landschaftsaufnahmen – oft garniert mit ihren zwei Jööh-Oldtimern VW-Bus und Fiat Cinquecento – sowie Lifestyle-Themen haben sie als @kitkat_ch mit mehr als 200 000 Abonnenten zu einer umworbenen Influencerin werden lassen. «Für Instagram muss man nicht Profi-Fotograf sein. Im Gegenteil, es gibt Super-Fotografen, die auf Instagram gar keinen Erfolg haben», weiss sie aus langjähriger Beobachtung.
Im Namen der Kunst
Vor einer Woche hatte Bisaz einen speziellen Auftrag. Für die Fondation Beyeler sollte sie im Rahmen der aktuellen Monet-Ausstellung zusammen mit drei anderen Schweizer Instagrammern ihre Sicht von den Landschaftsmotiven, die Claude Monet in seinen Gemälden verewigt hat, wiedergeben. Die Instagram-Fotografie ist also, so scheint es, bei der hohen Kunst angekommen.
Wer das verneint, ist Guido Baselgia Der in Malans lebende Künstler ist einer der Grossen der Schweizer Fotografie. Berge und alpine Landschaft sind nicht der einzige aber ein wichtiger Schwerpunkt seines bedeutenden Œuvres, wie es zuletzt in der Plattner & Plattner Art Gallery in Pontresina zu bewundern war. In vieler Hinsicht ist er die Antithese zu Instagram. Baselgia ist fest überzeugt, dass nur die analoge Arbeitsweise das ganze Potenzial der Fotografie zu erschliessen vermag. Jedes Bild von ihm ist das Ergebnis eines langen gedanklichen und handwerklichen Prozesses. Er nimmt mit einer Grossbildkamera auf und fertigt danach in seinem Labor einzeln die Abzüge auf Silbergelatine Barytpapier. Von jedem Werk gibt es eine nummerierte Edition von fünf Exemplaren.
Totale Demokratisierung
Für Baselgia ist die «totale Demokratisierung der Fotografie» eine Zeiterscheinung, die er notgedrungen akzeptiert. «Jede Hemmung ist weg. Die Bilderflut entwertet sich selber», sagt er. Der 63-Jährige sieht nichts Bleibendes in diesen digitalen Schnellschüssen, deren Halbwertzeit für ihn gegen Null geht.
In das gleiche Horn stösst der 45-jährige Natur-, Tourismus- und Sportfotograf Andrea Badrutt. Zu diesen schnellen Geschichten habe er keine Lust. Die Konkurrenz der Instagrammer fürchte er nicht. Er habe genug Aufträge. Im Fall des gut vernetzten Churers stimmt dies wohl auch, wobei die neuen Player schon auf sein angestammtes Terrain vorgedrungen sind. Die Tourismus-Organisation Engadin-St. Moritz hat ihre letzte Herbst-Plakatkampagne mit Fotos bestückt, die während eines von ihr organisierten Instameets entstanden sind.
Ein weitaus pragmatischeres Verhältnis zu dem Dienst hat der Churer Fotograf Ingo Rasp, dessen Fine-Art-Katalog «Alpine Strukturen» eine so moderne wie zeitlose alpine Bildsprache entfaltet. Für Rasp ist der sorgfältig bestückte Feed (@ingo_rasp_photography) auf Instagram ein notwendiger Bestandteil seines Gesamtauftritts. Wichtig ist der regelmässige Besuch der Plattform für ihn zur Inspiration und zum Informationsaustausch. Eines seiner faszinierendsten Bilder der jüngsten Zeit, eine Aufnahme aus einer Eishöhle im Roseggletscher, kam nur zustande, weil er durch Instagram auf die günstigen Verhältnisse vor Ort aufmerksam wurde. Grundsätzlich sei es «Wahnsinn, was da in den letzten Jahren passiert ist.» Es gebe 16-Jährige, die fantastische Sachen machten. Es sei eine eigene Kultur entstanden, die mit der Berufsfotografie wenig zu tun habe.
Sich dem Trend zu verweigern, ist auch für Gaudenz Danuser aus Flims keine Option. «Als Fotograf heute nicht auf Instagram zu sein, das ist so, wie wenn man sich vor 15 Jahren geweigert hat, ein Mobiltelefon in die Hand zu nehmen», sagt er. Man müsse sich bemühen, auf der Plattform präsent zu sein, auch wenn es immer schwieriger werde, Aufmerksamkeit zu bekommen. Danuser, dessen eindrückliche Bildsprache gut auf Instagram (@gaudenzdanuser) dokumentiert ist, geht davon aus, dass potenzielle Kunden ihn dort recherchieren. Besonders schön sei es, wenn der Auftrag darin münde, dass er sein Bild in einem 1.40 mal 1.60 Meter grossen Rahmen an der Wand hängen sehe. «Das ist schon viel cooler als die drei mal vier Zentimeter am Bildschirm».
36 000
So viele Fotos werden jede Minute von den Benutzern von Instagram hochgeladen. Beim Dienst registriert sind mehr als 500 Millionen Profile; die Zahl der Bilder beträgt 34 Milliarden.
Das Reich der Bilder
Die Smartphone-App Instagram ist im Jahr 2010 erfunden worden und war in ihrer ursprünglichen Form zum schnellen Verbreiten von Handy-Fotos gedacht. Inzwischen wurde Instagram das wichtigste Portal zur Publikation digitaler Bilder. Mit einem Klick kann man abonnieren, was ein bestimmter Akteur aufschaltet. Die Zahl der Abonennten (Follower) bestimmt dessen Wert für die Werbewirtschaft. Die beliebtesten Foto-Produzenten nennt man Influencer. Sie werden dafür bezahlt, dass sie bestimmte Dinge fotografieren oder sich mit den Produkten des Auftraggebers zeigen. Verschiedene Bündner Tourismusorganisationen haben schon Instagrammer engagiert.
Ruth Spitzenpfeil ist Kulturredaktorin der «Südostschweiz» und betreut mit einem kleinen Pensum auch regionale Themen, die sich nicht selten um historische Bauten drehen. Die Wahl-St.-Moritzerin entschloss sich nach einer langen Karriere in der Zürcher Medienwelt 2017, ihr Tätigkeitsfeld ganz nach Graubünden zu verlegen. Mehr Infos
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.