«Wir sind inzwischen alt geworden»
28-mal campierte ein Team um den Zürcher Paläontologen Heinz Furrer in den Gesteinshalden unterhalb des Ducan-gletschers, erlebte sein Abschmelzen mit und machte wertvolle Entdeckungen. Finanziert wurden die Grabungen jeweils vom Kanton Graubünden und unterstützt vom Bündner Naturmuseum sowie der Gemeinde Davos. Machte sich Furrer zuerst noch als Kurator des Paläontologischen Instituts der Universität Zürich auf, ist er inzwischen seit zehn Jahren pensioniert und als ehrenamtlicher Mitarbeiter tätig. «Wir waren uns schon 2023 im Team einig, dass es jetzt gut sei, die jährlichen Grabungen aufzugeben.» Denn mit Furrer waren auch die anderen regelmässigen Teilnehmer an den Grabungen älter geworden.
Am längsten dabei war Christian Obrist. Er war es, der die Fundstelle einst entdeckt hatte. Zwar wusste man schon von früheren Zufallsfunden und systematischen Aufsammlungen, dass es im Ducangebiet interessante Fossilien gibt. Intensiv gesucht hatte aber erst der Hobbypaläontologe. So kann er auf 33 Jahre mit längeren und kürzeren Aufenthalten auf 2740 m ü. M. zurückblicken. Dabei lernte er vor allem Demut «Wir sind einfach ein Nichts und nehmen uns viel zu wichtig.» Vom Einsatz profitierte die Wissenschaft. «Wir haben viel erreicht und sowohl geologisch wie paläontologisch wichtige neue Erkenntnisse gewonnen. Jede Grabung hat neben schon bekannten Fossilien auch ausserordentliche Funde gebracht», setzt Furrer die Fundstätte in Perspektive. 33 verschiedene Arten von Fischen wurden in den mehr als 240 Millionen Jahre alten Ablagerungen eines tropischen Meeres gefunden. 11 von ihnen war schon von der leichter zugänglichen, weltweit wichtigsten Fundstelle für marine Fossilien aus der Mitteltrias (vor 247 bis 237 Millionen Jahren) am Tessiner Monte San Giorgio bekannt. 8 wurden erstmals im Ducangebiet entdeckt, und weitere 14 harren noch ihrer wissenschaftlichen Beschreibung. Auch wertvolle Reptilienfunde gab die als Fossil-Lagerstätte bedeutende Prosanto-Formation preis. Ausgezeichnet erhaltene Skelette von Prosantosaurus scheffoldi, Macrocnemus obristi und Eusaurosphargis dalsassoi hätten wichtige Belege gebracht, erzählt Furrer und erwähnt daneben noch drei nicht genauer bestimmten Arten. Noch in Bearbeitung befänden sich weitere interessante Funde von Krebsen und Insekten.
Nachbearbeitung noch im Gang
Auch wenn die Grabungen nun eingestellt werden, die Forschungsarbeiten sind damit noch nicht zu Ende. Denn im Anschluss an den Fund gilt es, das Lebewesen aus seinem steinernen Grab heraus zu präparieren, bevor die wissenschaftliche Beurteilung erfolgen kann. Eine zeitintensive und peinlich genau auszuführende Arbeit, die oft nur mithilfe eines Mikroskops gelingt. Eine Aufgabe, die neben anderen Spezialisten vor allem vom bereits erwähnten Christian Obrist geleistet wird. Für bereits geborgene, aber noch nicht präparierte interessante Stücke wurde daher noch einmal eine Finanzierung von der Stiftung Bündner Naturmuseum genehmigt. Es sind also noch immer wissenschaftliche Entdeckungen möglich, wie es etwa beim bereits erwähnten Eusaurosphargis dalsassoi der Fall war. Das kleine Reptil wurde erst 15 Jahre nach seinem Fund wissenschaftlich beschrieben und stellte sich dann als kleine Sensation heraus (DZ 7.7. 2017). Oder der Quastenflosser Foreyia maxkuhni, bei dem es ebenfalls Jahre dauerte, bis die Forschung seine Bedeutung würdigen konnte (DZ 16.1.2018). «Ich arbeite an der Auswertung der geologisch-sedimentologischen Profile, um die Ablagerungsbedingungen der mehr als 240 Millionen Jahre alten Schichten der Prosanto-Formation weiter zu verstehen. Auch der Vergleich mit den etwa gleichaltrigen Fossilhorizonten des UNESCO-Welterbes Monte San Giorgio geht weiter», berichtet Furrer.
Viele unvergessliche Erinnerungen
Für die stillen Schaffer an den Hängen des Ducans ging 2024 eine wichtige Ära zu Ende. «Diese 28 Grabungen im Hochgebirge mit vielen Kollegen und einigen Kolleginnen, darunter meiner Partnerin Hanna, gehören auch nach dem Abschluss zu den einprägsamen Erinnerungen. Die Zusammenarbeit, aber auch das Leben, Kochen, Essen und Übernachten mit der Gruppe im Camp auf 2740 Metern Höhe, bei schönem, regnerischem bis stürmischem Wetter, einige Male auch im Neuschnee, werde ich sicher nicht vergessen», sagt Furrer. Erschöpft sei die Lagerstätte sicherlich noch nicht, doch um erfolgreich weiterzugraben, müsste wieder eine grössere Fläche freigelegt und dazu mehrere Wochen Feinarbeit investiert werden. Doch eigentlich hätten sie schon 1997 zu Beginn der Forschung nicht geplant, so lange dabei zu bleiben. Nun seien sie alle in einem Alter, da es Zeit sei, aufzuhören. «Weitere Grabungen in der Umgebung von Davos sind möglich, müssten aber wohl von einer neuen Generation organisiert und finanziert werden.»
Täglich rauf und runter
Auch für Obrist bleiben unvergessliche Eindrücke, welche er in diesen tollen Jahren und Jahrzehnten seines Lebens erleben durfte. Er erzählt vor allem von der wunderbaren Gastfreundschaft von Annalies Biäsch, die damals noch Conrad hiess. Das war ganz zu Beginn der Fossiliensuche von 1991 bis 1996. Damals verbrachte Obrist die Nächte noch nicht am Berg, sondern wohnte im Kurhaus, dem Vorgänger des heutigen Walserhuus. «Morgens früh rauf zur Ducanfurgga, nachmittags wieder voll bepackt runter», bringt er die Plackerei auf einen kürzesten Nenner. Von der Wirtin hatte Obrist den Schlüssel zur Gaststube erhalten, wo er sich vor dem Aufbruch um 5.30 Uhr einen Kaffee machen konnte. «Abends war die Zeit am Stammtisch für mich als Jüngling etwas Besonderes. So lernte ich viele Einheimische kennen.» Das brauchte er, denn Mitte der 1990er-Jahre traf er oberhalb des Wasserfalls auf dem Weg ins Ducantal auf einige abgestürzte Rinder. Also machten er und seine Freundin kehrt und erstatteten Meldung. Als kurz darauf der Helikopter herbei schwebte, bat ihn Ham Hartmann, Besitzer der Rinder und des Kurhauses, mitzukommen und den Standort der Rinder zu zeigen. «So kam ich zu meinem ersten nicht-militärischen Heliflug», schmunzelt Obrist. «Die Rinder mussten wir übrigens erst einfangen und dann an Gurten geschnallt runterfliegen. Sie haben sich gut erholt.» Bei diesem einen Heliflug sollte es übrigens nicht bleiben.
Lebensretter
Mit der Zeit wurde der Transport per Helikopter zum und vom Ducan zu einer grosse Erleichterung bringenden Routine. Einmal wurde er auch zum Lebensretter, als Obrist notfallmässig evakuiert und via Helikopter über Arosa nach Chur gebracht wurde. «Ursache war ein Hirnschlag. Ich meine, dass ich doch viel Glück hatte und es einfach noch nicht an der Zeit war.» Das war bei schönstem Sommerwetter. Doch der Berg kann auch anders. Er habe dort oben viele Unwetter, Schneefall, stürmische Winde erlebt, erzählt Obrist weiter. «Nur geschützt durch einen ultradünnen Zeltstoff.» Doch selbst dieser kann den Unterschied ausmachen. «Ganz zu Beginn der regelmässigen Grabungen gab es einmal ein heftiges Unwetter mit Blitz, Donner und starkem Wind über uns», erzählt Obrist. Damals hätten sie noch das alte Familienzelt von Heinz Furrer dabei gehabt, das dem stürmischen Wind eine grosse Angriffsfläche geboten habe. «Wir hielten uns jeder an einer Ecke fest. Draussen zuckten die Blitze, und es krachte der Donner. Derweil lief im Radio eine Sendung über die Statistik der Blitztoten in der Schweiz». Doch auch an schönen Tagen habe nicht eitel Sonnenschein geherrscht. «Das bedeutete grosse Hitze und Arbeit in praller Sonne ohne Möglichkeit für Schatten.»
Kein Freibrief
Zurück bleiben nach 28 Jahren ein Wust an wissenschaftlichen Erkenntnissen, schönen Freundschaften. So lernte Obrist am Ducan Rico Stecher kennen. Der Churer Hobbypaläontologe hatte sich in der Szene durch Funde im Ela-Gebiet, darunter ein Flugsaurier und Saurierspuren, bereits einen Namen gemacht. Um die 2000er-Jahre tauchte er einfach an der Fundstätte auf. «Inzwischen gehört er zu meinen besten Freunden», sagt Obrist und erzählt von der Verbindung unter den Beteiligten und der Dankbarkeit für die andauernde Unterstützung durch die Gastgeber im Walserhuus. Viele Fossilien stecken vermutlich noch hoch oben im Berg. «Doch Achtung, sie gehören der Öffentlichkeit, genauer dem Kanton Graubünden», warnt Furrer. Wer auf einer Schutthalde ein Fischchen entdecke, dürfe das sicherlich einstecken. Verboten seien jedoch Grabungen im Fels. «Grössere Funde müssen auf jeden Fall dem Bündner Naturmuseum in Chur gemeldet werden, wo viele der hier gefundenen Fossilien ausgestellt sind.» Denn das Gebiet sei weiterhin wissenschaftlich wertvoll und werde daher regelmässig auch aus der Luft kontrolliert.
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