Gigerwald-Stausee: Ob Bad Ragaz befindet sich eine Baustelle mit Superlativen
Leerer Stausee, fliegende Toi Tois und geheizter Beton: Beim Gigerwaldsee ob Bad Ragaz befindet sich derzeit die wohl aussergewöhnlichste Baustelle der Südostschweiz.
Leerer Stausee, fliegende Toi Tois und geheizter Beton: Beim Gigerwaldsee ob Bad Ragaz befindet sich derzeit die wohl aussergewöhnlichste Baustelle der Südostschweiz.
Von Andri Dürst
Stille Wasser sind tief, sagt man. Auch der Gigerwald-Stausee in Pfäfers (SG) ist tief – normalerweise. Doch im Moment ist vom Gewässer praktisch nichts zu sehen. Und auch still ist es dort nicht. Auf der Mauerkrone – einem beliebten Ausflugsziel im Sommer – ist emsiges Treiben zu beobachten. Denn beim Bauwerk herrscht derzeit eine Grossbaustelle.
Grund für die umfangreichen Arbeiten ist die Höherlegung der beiden Abflüsse des Sees. Diese wurde nötig, da sich seit dem Bau der Staumauer in den 70er-Jahren Sedimente abgelagert haben und nun die beiden Abflüsse zu verstopfen drohten. Zum einen handelt es sich dabei um den sogenannten Grundablass, sprich die unterste, verschliessbare Öffnung der Stauanlage. Sie dient dazu, den Stausee komplett zu entleeren. Zum anderen ist die Triebwasserfassung betroffen. Durch sie wird Wasser zu den Turbinen des Kraftwerks Mapragg geleitet. Die beiden sogenannten Einlaufbauwerke werden nun rund 20 Meter nach oben versetzt, um das Abfliessen des Wassers längerfristig zu garantieren.
Um aber überhaupt an die betroffene Stelle zu gelangen, musste der See zuerst entleert werden. Dies geschah im letzten Herbst. Projektleiter Erich Schmid erklärt, dass man den See anfänglich stufenweise abgesenkt habe. Die Entleerung an sich habe neun Tage gedauert. «Eigentlich sollte die Leerung bis Ende September fertig sein. Jedoch war der Einlauf schon verstopft. Schlussendlich war das Wasser erst Mitte Oktober ganz abgeflossen.» Zu Verzögerungen habe dies aber nicht geführt. «Wir waren mit den Bauarbeiten nie im Rückstand», erklärt Erich Schmid nicht ohne Stolz. Doch lange wird der See nicht leer bleiben: Im Frühling führen die Zuflüsse infolge der Schneeschmelze viel Wasser. Bis dahin müssen die Sanierungsarbeiten fertig sein. Die Arbeiten an der Stauanlage dauern voraussichtlich bis Ende April. Und im Frühsommer soll sie wieder in Betrieb gehen. Dieser Zeitdruck ist nur eine von vielen Besonderheiten dieser Baustelle. Doch dazu später mehr.
Für alle Fälle gerüstet
36 Bauarbeiter seien gegenwärtig auf der Baustelle, weiss Chefbauleiter Thomas Arn. Unter ihnen seien viele Portugiesen, aber auch viele Polen. Gearbeitet wird hier übrigens sechs Tage die Woche, zwanzig Stunden am Tag. Da es nur an rund acht Stunden Tageslicht gibt, wird in den übrigen zwölf Stunden mit Scheinwerfern gearbeitet. Solch harte Arbeit, und das mitten im Winter – welche besonderen Schutzmassnahmen braucht es da? Neben allen üblichen Suva-Richtlinien sei insbesondere eine gute Kleidung wichtig, sagt Thomas Arn. Erich Schmid ergänzt, dass auch für Rettungen ein aufwendiges Konzept erarbeitet worden sei: «Sofern es die Verhältnisse zulassen, würden wir bei einem Notfall einen Transport per Helikopter veranlassen. Könnte dieser aber nicht fliegen, werden wir in zweiter Linie den Strassenweg wählen. Sollte aber auch dies wegen Lawinengefahr nicht möglich sein, werden wir die Betroffenen über den Druckstollen von der Baustelle fahren und bis nach Mapragg transportieren.» Man habe dies getestet und eigens ein Fahrzeug angeschafft, das durch den Stollen fahren könne.
Apropos Bauarbeiter: Diese logieren in einem Personalcamp unweit der Staumauer. Verpflegt werden sie im Berggasthaus, das derzeit – wie schon beim Bau in den 70er-Jahren – als Kantine dient. In dieser Mini-Siedlung könnten die Angestellten zwei Wochen leben, auch wenn sie von der Umwelt abgeschnitten wären. «Die beauftragte Baumeisterfirma hat die Auflage erhalten, dass sie während mindestens 14 Tagen den Baustellenbetrieb autark weiterführen können muss. Dies, falls die Zufahrtsstrasse durchs Calfeisental wegen Lawinengefahr gesperrt wäre.» Das bedingt nicht nur genug zum Essen für die Angestellten, sondern auch genügend Baustoffe und wintersichere Wege innerhalb der Baustelle. So ist auch eine Verbindung vom Bauplatz vor der Staumauer durch das Bauwerk hindurch bis rauf zur Mauerkrone möglich.
Eine Baustelle mit Superlativen
Kein Wunder entfallen von den 25 Millionen Franken Gesamtkosten rund 10 Millionen auf die Installationen auf Platz. Dazu zählen auch zwei Kräne. «Der eine kann in einem Radius von 30 Metern stolze 30 Tonnen heben. Von diesem Typ gibt es im deutschsprachigen Raum nur drei Stück», sagt Erich Schmid. Als wäre dies nicht schon rekordverdächtig genug, kommt ein weiterer Superlativ dazu: Der eine Kranführer vor Ort sei Europameister seines Fachs, weiss der Projektleiter. Ebenso eindrückliche Dimensionen hat eine Baggerschaufel, die derzeit auf der Mauerkrone deponiert ist. Mit ihr wurde zu Beginn um die Einlaufbauwerke Schlamm abgetragen. Bevor aber die Aufstockung dieser Abflüsse beginnen konnte, mussten noch gewisse Teile der alten Konstruktion herausgeschnitten werden. «Auch das war nicht einfach, denn immerhin ist die Betondecke zwei Meter dick.»
Fliegend durch die Lüfte
Doch zurück zum Hier und Jetzt. Ein Besuch der eigentlichen Baustelle auf dem Seegrund ist gerade nicht möglich, da intensive Betonierungsarbeiten am Laufen sind und der Personenlift, der senkrecht entlang der Staumauer nach unten führt, nicht fahren kann. Die Bauarbeiter werden daher mittels eines Transportkorbes an einem der Kräne nach unten gelassen. Auf die gleiche Art und Weise fliegt auch gerade ein «Toi Toi»-WC durch die Lüfte. Auch an das wurde gedacht.
Einen weniger beschwerlichen Weg zur Baustelle nimmt der Beton, der für den Aufbau an den Einlaufbauwerken verwendet wird. Gemischt wird er auf dem grossen Vorplatz vor der Staumauer. Da der Baustoff aber eine gewisse Temperatur haben muss, um eingebaut zu werden, wird er auf 15 Grad geheizt. Vom Betonmischer wird er durch ein kleines Loch in der Staumauer zum Bauplatz befördert. Dort wird er mit einem Verteilmast – scherzhaft auch Betonrüssel genannt – eingebracht. «Derzeit betonieren wir rund 300 Kubikmeter pro Tag», informiert Erich Schmid.
Doch nicht das ganze Bauwerk wird «frisch» betoniert. Der neue Schacht für die Triebwasserfassung besteht aus 19 vorgefertigten Elementen, die in nur drei Tagen montiert wurden. Auch die Haube, die auf das Einlaufbauwerk aufgesetzt werden wird, ist vorproduziert. Derzeit stehen diese Elemente aber noch auf dem Vorplatz. «Die Baufirma wurde beauftragt, das Zusammensetzen auf diesem Platz vorab zu üben. So senken wir das Risiko, dass es auf dem Bauplatz selber – wo es sehr eng ist – zu Komplikationen kommt», erzählt der Projektleiter. Wie schon erwähnt, läuft derzeit aber alles wie am Schnürchen – «wir sind sogar im Vorsprung».
Riesige Batterie
Man könnte dem Treiben vor, auf und hinter der Staumauer noch lange zusehen. Doch es ist kalt und wir gehen zum Aufwärmen ins Wärterhaus direkt neben der Mauerkrone. In den Räumlichkeiten hängen viele Fotos vom Bau des Kraftwerks. «Eigentlich wollte man die Mauer höher bauen, doch dann wäre die Walsersiedlung St. Martin unter Wasser gesetzt worden», sagt Erich Schmid. Obschon das Thema Staumauererhöhungen in der Schweiz derzeit sehr virulent ist, sei dies beim Gigerwaldsee nie in Erwägung gezogen worden. Dennoch: Das Kraftwerk ist für die Kraftwerke Sarganserland AG und deren Muttergesellschaft, die Axpo Power AG von grosser Wichtigkeit. Denn es handelt sich um ein sogenanntes Pumpspeicherkraftwerk. Aus dem kleineren Mapraggsee weiter unten im Tal kann Wasser in den Gigerwaldsee hochgepumpt werden. «Früher wurde klassischerweise während der Mittagszeit, wenn alle Kochherde eingeschaltet waren, Wasser turbiniert, und am Abend, wenn alle im Bett waren, wieder hochgepumpt. Heute ist dies ganz anders», umreisst der Projektleiter die aktuellen Herausforderungen, die wegen des grossen Ausbaus von Solar- und Windenergie zunehmen würden. Pumpspeicherkraftwerke würden dabei nämlich wie sehr grosse Batterien funktionieren.
Über den Schweizer Strommarkt könnte man noch seitenfüllend weiter berichten. Und wohin es in Zukunft gehen soll, ist wohl selbst für viele Akteure noch unklar. Klar hingegen ist, dass die Staumauer und damit das Kraftwerk Mapragg bald wieder fit für die Zukunft ist.
Auf buendnerwoche.ch finden Sie eine kommentierte Diashow mit weiteren Fakten zur Baustelle.
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