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Churer Forstwartlernende gehen steil

Am Churer Mittenberg findet eine besondere Ausbildungdirekt am Hang statt. Eine Reportage über Seilkrane, Bäume und die Leidenschaft für den Bergwald.

Bündner Woche
04.11.24 - 15:49 Uhr
Klima & Natur
Aufgepasst: Die Kursteilnehmenden und der Instruktor machen der Holzlast Platz.
Aufgepasst: Die Kursteilnehmenden und der Instruktor machen der Holzlast Platz.
Lara Buchli

Von Lara Buchli

Hoch oben über Chur am Mittenberg. Die Aussicht ist atemberaubend. Dazu kommt, dass auch noch ein schöner Tag ist. Der Herbst hat noch einmal alles gegeben. Die Sonne streckt ihre Strahlen aus und erwärmt das Churer Rheintal. Doch hier oben ist die Luft, nicht wie erwartet frisch, sondern sie riecht nach grillierten Würsten. Mittagspause für die Forstwartlernenden. Sie haben sich in den Schutz des Schattens zurückgezogen und ruhen sich aus. «Die Ausbildung hier oben ist recht anspruchsvoll und anstrengend», meint Toni Jäger, Leiter der Churer Wälder und Alpen, und nickt nachdrücklich. Die insgesamt 22 Lernenden, die diesem Kurs zugeteilt wurden, sind auf vier verschiedenen Objekte verteilt. Ausserdem gibt es vier Instruktoren und einen Kursleiter. Dieser ist Konrad Wyss, Fachvorsteher Seilkrantechnik vom ibW Bildungszentrum Wald Maienfeld. Er organisiert den Kurs in Absprache mit Toni Jäger und nach dessen Pensionierung mit seinem Nachfolger. Der Kurs findet grundsätzlich im fünften Semester der dreijährigen Lehre zum Forstwart oder zur Forstwartin statt.

Toni Jäger, scheidender Leiter Wald und Alpen der Stadt Chur (links), und Konrad Wyss, Fachvorsteher Seilkrantechnik.
Toni Jäger, scheidender Leiter Wald und Alpen der Stadt Chur (links), und Konrad Wyss, Fachvorsteher Seilkrantechnik.
Lara Buchli

Königsdisziplin

«Die Seilkrantechnik ist die Königsdisziplin der Holzernte», so Konrad Wyss und lacht. Er steht vor dem Abhang, der hinunter ins Tal führt. Neben ihm unterhält sich Toni Jäger mit einem Instruktor. Unter ihnen liegt die Stadt Chur und bekommt nichts von all dem mit. Obwohl man eigentlich sehen könnte, dass hier im Wald etwas geschieht. «Manchmal kann man leichte Schneisen im Wald erkennen, wenn man ganz genau hinschaut», erklärt Toni Jäger und deutet auf den Wald. Diese Schneisen weisen auf die Arbeit mit der Seilkrantechnik hin. Die gefällten Baumstämme werden an einem dicken Drahtseil entweder nach oben oder nach unten geführt. Heute geht die Last nach oben. Dies sei angenehmer, meint Toni Jäger. Doch wieso eigentlich? Würde es nicht viel mehr Sinn machen, die Last nach unten zu transportieren, wenn sie sowieso ins Tal gebracht werden muss? Der Förster begründet dies so: Man müsse die Masten bei dem Transport nach unten viel höher bauen, weil die Stämme je nachdem am Boden aufkommen und sich überschlagen. Ausserdem verläuft am Mittenberg gar keine Waldstrasse weiter unten. Die Groberschliessung wird im Zentrum des Waldstückes gebaut. Holz oberhalb der Strasse wird bergab geseilt, und jenes unterhalb der Strasse bergauf. Toni Jäger und Konrad Wyss entfernen sich vom Abhang und gehen den von Laub bedeckten Weg entlang. Sie bleiben vor einem gelben Mast stehen. Ein Teleskopmast. Er kann maximal auf zwölf Meter ausgefahren werden. Nach dem Arbeitseinsatz werden die Baumstämme abtransportiert und der Mast wird wieder abgeführt.

Doch wieso werden überhaupt so viele Bäume gefällt? «Wenn man nichts macht mit den alten, dicken Bäumen, werden sie gebrechlich und anfällig für Krankheiten wie ein alter Mann oder eine alte Frau.» Das Ziel vom Holzen sei es, auf einer möglichst kleinen Fläche viele einheimische Bäume mit unterschiedlichem Alter zu schützen.

 

Mit Blick auf Chur: Hier oben zu arbeiten, wirkt surreal.
Mit Blick auf Chur: Hier oben zu arbeiten, wirkt surreal.
Lara Buchli

Holzseilen: Die humanste Methode

«Diese Seilkrananlage ist 300 Meter lang», erklärt Konrad Wyss nun. Ab 100 Meter Transportweg weg von der Strasse mache es Sinn, einen Seilkran zu nutzen. «Den Churer Wald kennt niemand besser als ich», so Toni Jäger. Er wirkt ernst und bestimmt. Daran zweifelt niemand. Er und Konrad Wyss begeben sich in den steilen Abhang inmitten des Waldes und die «Büwo» folgt den beiden in das Revier von Toni Jäger. «Wenn andere nach der Arbeit mal den Kopf auslüften möchten, gehen sie in den Wald spazieren. Bei mir wäre das noch immer die Arbeit.» Toni Jäger lacht, während er weiter absteigt. «Meine Frau meint immer, dass es fast nicht möglich sei, mit mir im Fürstenwald eine Runde spazieren zu gehen. Ich würde immer irgendwo etwas sehen, was noch gemacht werden könnte.»

Ein paar Schritte und Bäume weiter unten bleibt er plötzlich stehen und geht in die Knie. «Dieses kleine Pflänzchen hier», Toni Jäger deutet auf ein faustgrosses, grünes Geflecht aus Blättern, «ist vier Jahre alt.» Man staunt nicht schlecht, als er nach und nach das Alter verschiedenster Jungbäume nennt, die sich am Hang angesiedelt haben. Für Leute, die sich nicht damit auskennen, kaum vorstellbar – oder gar ulkig.

Manche von den Pflänzchen hätten es aber schwieriger als andere. Denn einige von ihnen stehen auf der Speisekarte von anderen Waldbewohnern und -bewohnerinnen. «Die hier wurde zum Beispiel von einem Gämsli angeknabbert», erklärt Toni Jäger und hält die angefressenen Blätter behutsam zwischen Zeigefinger und Daumen fest.

Der gelbe König: Der Teleskopmast wird von allen Seiten festgespannt, damit er nicht umkippt.
Der gelbe König: Der Teleskopmast wird von allen Seiten festgespannt, damit er nicht umkippt.
Lara Buchli

Ein wertvoller und wunderbarer Rohstoff

Im Wald gibt es jedoch nicht nur hungrige Gämsli. «Letztes Jahr, in der ersten Kurswoche, war es einmal sehr knapp», blickt Konrad Wyss zurück. Einige Bäume seien durch die schlechten Wetterbedingungen umgefallen. Jedoch sei mit der Anlage zum Glück nichts weiter geschehen und es ist auch niemandem etwas passiert.

Die Seilkran-Ausbildung sei sehr anstrengend und brauche viel Kraft. Sie hätten jedoch viele Anfragen, darunter auch von Personen, die gerne einmal reinschnuppern möchten. «Ausserdem ist das Holzseilen die humanste Methode», erklärt Toni Jäger. Und das für Mensch und Natur. Es werden jedoch nicht nur Forstwarte und Forstwartinnen aus Graubünden und aus dem Fürstentum Lichtenstein in der Seilkrantechnik ausgebildet, sondern auch aus St. Gallen, aus dem Tessin und aus der Zentralschweiz. «Das sind jedes Jahr etwa 95 bis 100 Lernende.» Jedoch werde schweizweit nur knapp ein Drittel der jungen Leute in der Seilkrantechnik ausgebildet. Der Rest werde in der bodengestützten Bringung ausgebildet und arbeite von der Strasse aus.

«Für mich ist der Wald etwas ganz Besonderes», erklärt Toni Jäger und ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, während er darüber nachdenkt. «Klar, der Wald ist ein grosser Teil der Natur und diese brauchen wir Menschen, um zu überleben. Wir können froh sein, sie nutzen zu dürfen.» Deshalb sei es auch so unglaublich wichtig, sorgfältig damit umzugehen und den Wald nicht als selbstverständlich anzusehen. Konrad Wyss nickt einverstanden und fügt hinzu: «Das Holz ist ein wertvoller und wunderbarer Rohstoff.» Plötzlich grinst er.

Gute Vorbereitung: Konrad Wyss zeigt auf, wie die Strecke des Seilkrans geplant wurde.
Gute Vorbereitung: Konrad Wyss zeigt auf, wie die Strecke des Seilkrans geplant wurde.
Lara Buchli

«Es ist zwar ein anstrengender Job  und durch die Wetterumschwünge manchmal schwer, aber es ist und bleibt eine befriedigende und schöne Arbeit.» Jetzt ist Toni Jäger dran mit Nicken. Holz sei eine Ressource, die in der Schweiz effektiv genutzt werde. Da die Bäume jedes Jahr ein wenig mehr wachsen, sei die Ressource «quasi gratis», da sie natürlich sei. Deshalb sollte man auch mehr Holzprodukte  konsumieren, um so den Wald zu schützen. Bizarr, nicht? Wir sollen also mehr Holz brauchen, damit sich die Produktion des Waldes lohnt. Die Bäume sind mit ihrem Wurzelwerk nämlich sozusagen die Armierung des Waldes. Sie halten den Boden zusammen.

In den letzten Jahren hat sich jedoch einiges verändert. Aufgrund von zunehmenden Extremereignissen wie Starkregen und Dürreperioden sterben auch vermehrt resistente Baumarten ab. Ausserdem kann ein trockener Boden die Regenmengen nicht mehr richtig aufnehmen, wenn es plötzlich wie aus Eimern schüttet. Zudem sind einige Baumarten viel anfälliger auf Insektenbefall – dies betrifft vor allem die Fichte, die stark unter Borkenkäferbefall leidet. «Neben all den Veränderungen ist das Seilen hingegen relativ gleich geblieben.» Hier, wo die beiden Herren stehen, wurde dieses Jahr schon zwei Mal der Mast aufgestellt und geholzt. Dabei wurden circa 500 Bäume entfernt und 100 neue gepflanzt. Den Rest mache die Natur selbst. Es sei enorm wichtig, dass zum Beispiel nicht nur Buchen wachsen, sondern auch Lärchen. Denn das Laub der Buchen brauche viel länger, um zu verrotten, und sorge im Winter ausserdem dafür, dass der Schnee keine gute Unterlage habe und so schneller zu rutschen beginne.

«Dass sich unsere Lernenden mit der Seilkrantechnik auseinandersetzen können, ist natürlich eine riesige Chance für sie, aber auch für uns», so Toni Jäger. «Ich bin heilfroh, dass die Stadt Chur uns diese Chance überhaupt anbietet.»

Konrad Wyss macht den Schluss: «Die Praxis, die zwingend erlernt werden muss, kann nur funktionieren, wenn ein Praxisobjekt zur Verfügung gestellt wird. Und genau das bietet die Stadt Chur. Und dafür werden wir ihr immer dankbar sein.»

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