Gegen die Wegwerf-Architektur
Der Anlass «Weiterbauen?» des Bündner Heimatschutzes und des Forums Bau+Kultur zog ein grosses Publikum nach Davos, darunter auch zahlreiche namhafte Vertreter der Bündner Architekten- und Ingenieurgilde. Im fast vollen Kulturplatz-Saal machte man sich mit dem Planungstheoretiker Lucius Burckhardt (1925–2003) und seinem Wirken vertraut.
Der Anlass «Weiterbauen?» des Bündner Heimatschutzes und des Forums Bau+Kultur zog ein grosses Publikum nach Davos, darunter auch zahlreiche namhafte Vertreter der Bündner Architekten- und Ingenieurgilde. Im fast vollen Kulturplatz-Saal machte man sich mit dem Planungstheoretiker Lucius Burckhardt (1925–2003) und seinem Wirken vertraut.
Köbi Gantenbein eröffnete den Anlass mit der Lesung eines humorvollen Textes aus der Feder von Lucius Burckhardt. Die Glosse über die von der Planung vergessenen, unprogrammierten Restflächen zwischen Bauten und Strassen, von Burckhard «Niemandsland» genannt, liess das Publikum schmunzeln. Nur hier kann die Stadtlandschaft noch paradiesisch wuchern. Aber auch die Halbwüchsigen finden hier willkommene Tummelplätze. «Aber wehe, wenn die Planer merken, dass sie Niemandsland geplant haben, dann ist es aus mit dem Niemandsland.» Dann bestellt man die Stadtgärtnerei und beraubt die Stadt mit disziplinierter Bepflanzung ihres letzten echten Freiraums.
Kinderspital der Zukunft erfunden
Lucius Burckhardt kam 1925 in Davos zur Welt. Seine Familie stammte aus dem Basler Grossbürgertum, sein Vater Jean Louis Burckhardt war Arzt und seit 1919 an der Basler Heilstätte in Davos tätig. Papa Burckhardt unterstützte Annie Langs Idee zur Gründung eines Kindersanatoriums, amtete als Chefarzt und trommelte dafür im Basler «Daig» das nötige Geld zusammen. Auch brach er mit den Sanatoriums-Vorstellungen seiner Zeit. Statt einen Neubau mit striktem Kurregime nach den Vorgaben von Dr. Turban zu bauen, mietete sich die Kinderheilstätte in bestehenden, von Gaudenz Issler zu Wohnzwecken errichteten Häusern am «Tschuggen» ein. Mit Architekt Rudolf Gaberel baute man die Häusergruppe sanft zum Sanatoriumsdörfli für die kleinen Patienten um. Die Kinder wurden je nach Schweregrad ihrer Krankheit unterschiedlichen Häusern zugeteilt, es gab auch ein Haus für fremdsprachige Kinder und sogar ein Schulhaus. «Die Kinder sollten sich hier keinesfalls wie im Spital fühlen, sondern eher wie in einem Ferienlager», erklärte Markus Ritter von der Burckhardt Stiftung. Damals ein revolutionär neuer Ansatz, der aktuell mit dem neuen Zürcher Kinderspitalbau von «Herzog&deMeuron» wiederbelebt wurde. Dass die beiden Hauptbauten fast 100 Jahre lang im Originalzustand in Betrieb waren, zeigt, wie gut Gaudenz Isslers Bauten und Gaberels Umbauten gemacht waren, erklärte Jürg Grassl vom Forum Bau+Kultur. Die gegenwärtigen Abrisspläne stiessen beim Publikum auf grosses Unverständnis.
Ausgezogen, um zu verändern
Ludmila Seifert vom Bündner Heimatschutz führte aus, wie Burckhardt nach dem Tod seines Vaters loszog und an all seinen Lebensstationen für Furore sorgte. Während seiner Studienzeit führte er den Kampf um eine autogerechte Umgestaltung der Basler Altstadt an, 1955 schlug er mit Max Frisch und Markus Kutter vor, statt einer Landesausstellung «selber» eine neue Stadt zu bauen. Die Schweiz, die damals noch in der geistigen Landesverteidigung gefangen war, stiess er damit vor den Kopf. Er unterrichtete Soziologe an der Hochschule für Gestaltung in Ulm und später an der Architektur-Abteilung der ETH Zürich. Mit den aufständischen 1968er-Studenten sprengte er die Grenzen zwischen den verschiedenen Disziplinen auf. Doch Zürich goutierte sein antiautoritäres Experiment auf Dauer nicht. So zog er weiter an die Reform-Hochschule Kassel. Als Professor bricht er aus dem Hörsaal aus und unterrichtet draussen, seine Spaziergangswissenschaft bereichert er mit performativen Kunstaktionen. «Er wollte den Studenten kein Ziel vorgeben, aber die Werkzeuge, um dahinzukommen», erinnert sich ein ehemaliger Burckhardt-Student aus dem Publikum.
Der Politikwissenschaftler Philippe Koch hat ein Buch über Burckhardts «Soziologie des Weiterbauens» geschrieben. «Weiterbauen» verstand Burckhardt als Prozess ohne Anfang und Ende. Es ist neben einer baulichen Aufgabe vor allem eine organisatorische: Gebäude und Nutzende ergeben ein neues System und neue Bedürfnisse. Statt Vollendung in der Architektur zu suchen, machte er auf Möglichkeiten und Grenzen aufmerksam.
Der Wert des Bestandes
Stefan Kurath, Städtebau-Professor der ZHAW Winterthur, schloss den Anlass ab, indem er die Handlungsanweisungen aus seinem Buch «Baukultur mit Bestand» vorstellte. Der Wert des Bestands geht weit über dessen allfällige kulturhistorische Bedeutung oder die durch einen verhinderten Abbruch eingesparte graue Energie hinaus. Bestand schafft Permanenz in Planung und im Stadtraum, bildet generationenübergreifend wichtige Orientierungspunkte und dient der Identifikation mit dem Ort. Seit Jahrtausenden bauen die Menschen an ihren Städten weiter, uralte Städte, aber auch die gewachsenen Dörfer der Alpen zeugen davon. Erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts kam die Wegwerf-Mentalität im Bauen auf. Dass Lucius Burckhardt schon vor 50 Jahren davor gewarnt hat, zeigt, wie sensibel er neue Phänomene ergründete und kommentierte. «Hätte man damals auf Lucius Burckhardt gehört, sähe die Schweiz heute ganz anders aus», resümierte Kurath.
Spaziergang mit Burckhardt
Die Sendung «Schauplatz» des Schweizer Fernsehens begleitete Lucius Burckhardt 1985 auf einem Spaziergang durch Basel. Entstanden ist ein eindrückliches Zeitzeugnis über die Planungskritik des schrulligen Professors mit Davoser Wurzeln.
Man sehe selbst: https://tinyurl.com/luciusburckhardt
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