Ein Weihnachtsmärchen
Nun war er da. Der Weihnachtsmorgen. Der Schädel dröhnte Nicolai noch von seinem Back- und Bastelversuch vom letzten Wochenende. Verdammt. Die Zeit ist rum. 365 Tage hatte er Zeit. Zeit, ein Weihnachtsfest vorzubereiten. Zeit, es besser zu machen als im letzten Jahr.
Nun war er da. Der Weihnachtsmorgen. Der Schädel dröhnte Nicolai noch von seinem Back- und Bastelversuch vom letzten Wochenende. Verdammt. Die Zeit ist rum. 365 Tage hatte er Zeit. Zeit, ein Weihnachtsfest vorzubereiten. Zeit, es besser zu machen als im letzten Jahr.
Schon die letzten Tage hatte er das Gefühl jede und jeder auf der Strasse sah ihn irgendwie vorwurfsvoll an. Als ob die so viel besser sind. Immer mehr verstand er den Grinch. Wäre es doch einfacher, aufs Jakobshorn zu ziehen. Dahin wo die Stille der Nacht nur ab und zu von einem Pistenfahrzeug gestört wird. Einfach weit oberhalb von Davos. Als Einzelgänger mit zweifelhafter Hygiene aber einer klaren Abneigung gegen Weihnachtsmärkte. Während unten im Dorf Lichterketten montiert werden und Chöre Weihnachtslieder misshandeln, würde er seine Lieblingsdisziplin – die kulturelle Totalverweigerung – zelebrieren.
Einfach wärs. Allein. Oben auf dem Gipfel. Nur vereinzelt würde er ins Tal kommen. Leise. Unbemerkt. Der Grinch wäre nichts gegen ihn. Er würde zu einer Stadtlegende. Zu einer Gruselgeschichte. Eltern würden ihren Kindern drohen, dass er sie holen kommen würde, wenn sie nicht brav wären. Menschen würden Glühwein, Weihnachtsguezli und Selbstgemachtes vor die Tür legen, um ihn zu besänftigen. Den Weihnachtsmann hätte man im Landwassertal schnell vergessen. Er überlegte sich, ob er sich nicht vielleicht ein Ticket auf den Berg kaufen sollte.
Tief in Gedanken versunken. Träumend vom Leben als Stadtgespenst sass er also da. Bestaunte das Wirrwarr aus Menschen. Alle auf der Jagd nach dem letzten Schnäppchen vor dem Fest. Der letzten Platte für das Fondue Chinoise. Dem letzten doch vergessen gegangenen Geschenk. Ein unüberhörbares Gebimmel riss ihn aus den Gedanken. Dieses verdammte Glockenspiel wird ihn noch lange in seinen Albträumen heimsuchen. Doch schlimmer als das Klanggewirr war das Bewusstsein, welches wieder zurückkam. Noch vier Stunden bis zum Fest.
Noch vier Stunden. Nicolai liess den Blick über den Platz schweifen. Das Glockenspiel verstummte. Endlich. Stille. Zumindest für einen kurzen Moment. Und in dieser Stille passierte etwas Seltsames. Zum ersten Mal seit Wochen dachte er nicht an Geschenke. Nicht an Rezepte. Nicht an das, was er das ganze Jahr hätte tun sollen. Sondern an die Menschen. Und plötzlich war da kein Druck mehr. Wurde ihm doch klar, dass eigentlich alle wussten, dass er eine Pfeife war. Zumindest was Weihnachten angeht. Vier Stunden. Das reicht. Nicht für Perfektion. Aber für eine Feier, wie sie es nur bei ihm geben kann. Er stand auf und ging guten Mutes in Richtung Coop.
Da war es voll. Zu voll. Menschen schoben sich die Einkaufswagen in die Waden. Kämpften um die letzte Packung Raclettekäse. Beinahe apokalyptisch schienen die Szenen. Als ob es nach heute nie mehr was einzukaufen gäbe. An der Selbstbedienungskasse herrschte Anarchie. Körbe flogen durch die Luft. Schkoladen-Samichläuse lagen zertreten auf dem Boden. Die arme Frau, die heute die Aufgabe an der Selbstbedienung aufgebrummt bekam, hatte alle Hände voll zu tun. Nein, diese Schlacht wollte er sich nicht zumuten. Hatte er zu Hause ja noch Wienerli und Brot, Dosenbier und Wein aus dem Tetrapack. Als Geschenke eignen sich Gutscheine.
Geht es doch an Weihnachten ums Zusammensein. Nicht um Materielles. Nicht darum sich zu verstellen. Nicht darum das teuerste Geschenk präsentieren zu können. Das werden auch seine Liebsten verstehen. Und im nächsten Jahr wird er sie dann überraschen. Immerhin hat er ja jetzt ein Jahr Zeit, die nächsten Weihnachten vorzubereiten.
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