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Die Spaziergangswissenschaft geht …

«Spaziergangswissenschaft» oder «Promenadologie» nannte der in Davos geborene Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt (1925–2003) seine Erkundungstouren, die ihn bekannt machten als vielseitigen Forscher, Denker, Aktivist und Kritiker des Automobilismus. Heute kollidiert sein Jubiläum ausgerechnet mit «100 Jahre Auto­mobil in Graubünden». Das Forum «Bau+Kultur» Davos feiert den intellektuellen Vordenker gemeinsam mit Künstlerin Marie-Anne Lerjen und Künstler Christian Ratti mit einem promenadologischen Spaziergang und künstlerischen Interventionen.

Davoser
Zeitung
15.09.25 - 07:00 Uhr
Kultur
Wissenschaftliche Schneckensammlung von Lucius Burckhardt.
Wissenschaftliche Schneckensammlung von Lucius Burckhardt.
zVg
Mit den Auswirkungen des Auto­mobils auf unsere Lebenswelt, unser Denken und Wahrnehmen hat sich Lucius Burckhardt zeitlebens auseinandergesetzt. In den 1980er-Jahren entwickelte er in Kassel zusammen mit seiner Frau Annemarie Burckhardt-Wackernagel und seinen Studierenden der Architektur und Landschaftsplanung die «Spaziergangswissenschaft», auch «Promenadologie» genannt. Die Wissenschaft wurde aus dem Vorlesungssaal geholt. Auch Kunstschaffende wurden beigezogen. Die Methode untersucht auf fussgängerisch-experimentelle Weise unsere Wahrnehmung der «Umwelt» und nimmt sich gängigen Problemlösungen der Stadtplanung kritisch an.

Von der Promenade zur Promenadologie

Geboren wurde Burckhardt vor 100 Jahren in Davos als Sohn des Arztes des Pro Juventute-Kindersanatoriums. Er kam zwischen zwei Volksabstimmungen zur Welt. Im Januar 1925 sagte die Mehrheit der Bündner Stimmberechtigten nochmals «Nein» zum Automobil, im Juni dann «Ja». Damit endete ein 25-jähriges Auto-Verbot und damit eine Besonderheit Graubündens. In anderen Regionen hatte der Widerstand in der Bevölkerung rascher abgenommen. Trotz der vom Ferienverkehr verstopften Dörfer bleiben die autokritischen Stimmen in Graubünden auch nach 100 Jahren Automobil marginal. Für Burckhardt waren Verkehrsprobleme keine unkontrollierbare Naturgewalt, er forderte ein Umdenken in der Planung: Städte sollen nicht bloss autogerecht, sondern für die Menschen gestaltet werden. Damit war er seiner Zeit voraus, und seine Pamphlete von damals wirken heute zeitgemässer denn je.

Schon anno-dazumal war die Promenade als Flaniermeile sehr beliebt.
Schon anno-dazumal war die Promenade als Flaniermeile sehr beliebt.
zVg

In Davos zum Forscher geworden

Im Nachlass von Lucius Burckhardt befindet sich auch ein «Cochlearium»: ein Holzschrank mit einer wissenschaft­lichen Schneckensammlung. In seiner Jugend in Davos widmete sich Burckhart vier Jahre der Schneckenforschung. Sie zeigt, dass seine Kritikpunkte an der ­Planungswissenschaft auf detailreichen Kenntnissen fussten. Er wies immer wieder darauf hin, dass die Welt so komplex ist, dass wir die Folgen unseres Handelns und Planens oft nicht abschätzen können, und propagierte den «kleinstmög­lichen Eingriff». Das Forum «Bau+Kultur» bringt mit den Kunstschaffenden Marie-Anne Lerjen und Christian Ratti am 20. September die burckhardtsche Forschungsmethode zurück nach Davos. Kann man die Davoser Promenade promenadologisch erkunden?

Im Schneckentempo über die Promenade

Zusammen mit einem Schneckenhaus aus Burckhardts Sammlung und den Teilnehmenden des Spaziergangs nehmen Lerjen und Ratti Geschwindigkeit raus. Im «Schneckentempo» geben sie dem kritischen Denken Zeit und Raum, wieder mitzukommen. So ergeben sich unterwegs Debatten und Einsichten, die das Auto weit hinter sich lassen. So sehr gewöhnt haben wir uns an die «autogerechte» Stadt, dass es überrascht und verstört, wenn man Autoparkplätze plötzlich anders nutzt. Die Burckhardts verlegten in Kassel den Unterricht mit ihren Studierenden auf die Parkplätze der Innenstadt. Heute sind solche Parkplatz-Umnutzungen ein internationales Anliegen. Erstmals werden zum internationalen «Park(ing) Day» am 19. September auch in Davos Parkplätze als Trottoir-Stammtisch genutzt. Die Auto Frei AG eröffnet zu diesem Anlass in Davos ihre erste Auto-Abgabestelle. Sie lädt alle Kinder von Davos ein, den Erwachsenen vorzuzeigen, wie einfach es wäre, ihre Autos abzugeben. Im Kulturplatz-Foyer installiert Christian Ratti ausserdem ein temporäres «Denk Mal» an den Schneckenforscher Lucius Burckhardt. Ein Projekt der Spazier-künstlerin Marie-Anne Lerjen und des Spaziergangswissenschafters Christian Ratti in Zusammenarbeit mit dem Forum «Bau+Kultur» Davos und dem Kulturplatz Davos.

Samstag, 20. September, 12 bis 16 Uhr: Promenadologische Begehung der Davoser Promenade

Treffpunkt: 12 Uhr am Bahnhof Davos Platz, Ende: 16 Uhr am Bahnhof Davos Dorf

Picknick mitbringen; Kosten: Vorverkauf über Eventfrog oder Kollekte

Am 20. September soll die Promenade im Schneckentempo zurückgelegt werden.
Am 20. September soll die Promenade im Schneckentempo zurückgelegt werden.
zVg
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