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Prättigau und Engadin abgeschnitten: Historischer Lawinenwinter jährt sich zum 25. Mal

Vor 25 Jahren hat ein historischer Lawinenwinter die Schweiz in Atem gehalten. Auch Bündner Ortschaften wurden teilweise von der Aussenwelt abgeschnitten.

Agentur
sda
15.02.24 - 15:54 Uhr
Graubünden

Innert vier Wochen gab es im historischen Lawinenwinter 1999 in der Schweiz bis zu acht Meter Neuschnee, 36 Menschen starben in Lawinen. Strassen und Bahnlinien wurden unterbrochen. Zahlreiche Ortschaften wurden, teilweise von Stromausfällen begleitet, von der Aussenwelt abgeschnitten.

Nur in den Wintern 1950/1951 und 1969/1970 gab es in der Schweiz mehr Lawinentote.

Im Alpenraum gingen innert vier Wochen rund 1200 Schadenlawinen nieder, wie das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) am Donnerstag mitteilte. «In der letzten Woche war im Wallis durchschnittlich alle 20 Minuten eine Lawine niedergegangen», schrieb ein Redaktor der damaligen Nachrichtenagentur SDA am 28. Februar 1999.

Besondere Wettersituation als Auslöser

Auslöser war laut dem SLF eine besondere Wettersituation: Drei Mal kurz hintereinander traten niederschlagsreiche Nordweststaulagen auf: vom 26. bis 29. Januar, vom 5. bis 10. Februar und vom 17. bis 24. Februar. Sie führten zu intensiven Schneefällen. Erstmals seit der Einführung 1993 herrschte die höchste Lawinenwarnstufe fünf (sehr gross) grossflächig und für mehrere Tage hintereinander.

Sachschäden in der Höhe von rund 600 Millionen Franken wurden verursacht. Hinzu kamen laut dem SLF Verluste für die Tourismusbranche - in der Höhe von wohl mehr als 300 Millionen Franken.

Bis an den Rand gefülltes Schneenetz im Winter 1999 bei Davos.
Bis an den Rand gefülltes Schneenetz im Winter 1999 bei Davos.
Bild Stefan Margreth/SLF

Auch Graubünden betroffen

Im Wallis wurden mehr als 5000 Menschen aus abgeschnittenen Regionen ausgeflogen. Unter anderem wurden Armeehelikopter eingesetzt. Im Graubünden waren zeitweise über 50'000 Menschen von der Aussenwelt abgeschnitten. So unter anderem der Davoser Ortsteil Monstein. Auch war beispielsweise das Unterengadin aus der Schweiz nicht mehr direkt erreichbar.

Im Kanton Graubünden waren im Februar 1999 insgesamt 26 Hauptstrassen wegen Lawinengefahr gesperrt.

Wie es damals im Kanton aussah, darüber berichten SLF-Mitarbeitende in einem Video. Der heutige Leiter des Lawinenwarndiensts Thomas Stucki habe beispielsweise eigens bei einem Kollegen übernachtet, da die Strasse zu seinem Wohnort gesperrt war, schreibt das SLF auf ihrer Webseite. Permafrost-Expertin Marcia Phillips war eine Woche lang im Ortsteil Monstein von der Aussenwelt abgeschnitten. «Das war auch schön», sagt sie heute. 

Alle Stimmen im Video:

Auch im Berner Oberland sowie in den Kantonen Glarus, St. Gallen, Uri und Freiburg gab es Evakuationen. In der Nähe von Wassen UR wurde die Gotthard-Strecke der SBB am 22. Februar teilweise unterbrochen. Lawinenschäden wurden zudem auch aus den Kantonen Schwyz und Obwalden gemeldet.

Zwölf Tote in Evolène

Der folgenschwerste Lawinenniedergang in dem historischen Lawinenwinter ereignete sich in Evolène im Wallis in der Nacht auf den 22. Februar 1999: Zwölf Menschen starben, als ihre Häuser verschüttet wurden. Es handelte sich um den drittschwersten Lawinenniedergang in der Schweiz im 20. Jahrhundert.

Blick von Oben: Das Skiresort Evolène traf der Lawinenwinter vor 25 Jahren am heftigsten.
Blick von Oben: Das Skiresort Evolène traf der Lawinenwinter vor 25 Jahren am heftigsten.
Bild Keystone/Fabrice Coffrini

Laut einem damaligen Gemeindeverantwortlichen lag eines der zerstörten Chalets, in dem sich fünf der damals noch Vermissten aufhielten, in der weissen und damit eigentlich risikofreien Zone, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur SDA berichtete. Das Walliser Kantonsgericht verurteilte den damaligen Gemeindepräsidenten und den Sicherheitschef in der Folge zu bedingten Gefängnisstrafen wegen fahrlässiger Tötung. 2006, sieben Jahre nach dem Unglück, wurden die Urteile rechtskräftig.

Neue Schutzmassnahmen forciert

Als Folge des Lawinenwinters 1998/1999 wurden in der Schweiz neue, temporäre Schutzmassnahmen gegen Lawinen forciert, wie das SLF weiter mitteilt. Unter anderem wurde ein interkantonales Frühwarn- und Kriseninformationssystem entwickelt.

Eine weitere Erkenntnis war, dass Lawinen zu sprengen eine sinnvolle, kostengünstige Alternative zu Lawinenverbauungen ist. Gleichzeitig wurde aber auch die Bedeutung der Lawinenverbauungen klar: Einschätzungen zeigen, dass im Februar 1999 rund 300 Schadenlawinen durch deren Wirkung verhindert wurden.

Trotzdem: «Wenn eine solche Situation heute eintreten würde, dann wäre es bestimmt wieder eine Herausforderung, weil wir mit ausserordentlichen, seltenen Lawinenlagen grundsätzlich wenig Erfahrung haben», wird der heutige Leiter des Lawinenwarndienstes, Thomas Stucki, in der Mitteilung des SLF zitiert.

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