Elsbeth Kasser – Menschlichkeit im Ausnahmezustand
Der Weltfrauentag lenkt den Blick auf Frauen und ihre Geschichte. Elsbeth Kasser gehörte zu jenen, deren Wirken grosse Wirkung entfaltete, ohne laut aufzutreten. Sie hinterliess Zeugnisse des Zeitgeschehens aus dem Internierungslager Gurs.
Der Weltfrauentag lenkt den Blick auf Frauen und ihre Geschichte. Elsbeth Kasser gehörte zu jenen, deren Wirken grosse Wirkung entfaltete, ohne laut aufzutreten. Sie hinterliess Zeugnisse des Zeitgeschehens aus dem Internierungslager Gurs.
Zwischen 1940 und 1943 passieren rund 22 000 Menschen das Lager, etwa 17 000 davon sind jüdisch. Mehrere Tausend werden ab 1942 in Vernichtungslager deportiert, vor allem nach Auschwitz. Gurs wird zu einem Ort des Wartens auf Gewalt, zu einer Zwischenstation auf dem Weg in den Tod. Das Lager ist notdürftig errichtet, die Versorgung mangelhaft. Kälte, Hunger, Krankheiten, Seuchen, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung prägen den Alltag.
Würde im Lageralltag
Mit dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) kommt die Krankenschwester Elsbeth Kasser nach Gurs. Sie ist für Pflege und soziale Betreuung zuständig, unter anderem für die Verteilung von Milchpulver. Doch sie erkennt rasch, dass Hilfe mehr sein muss als Nothilfe und medizinische Versorgung.
Kasser kümmert sich um das, was in Gurs fast vollständig verloren gegangen ist: um Selbstwahrnehmung, um Würde und um Ausdruck. Sie bleibt, wo andere nur kurz helfen. Sie schafft Nähe, wo Distanz zur Regel geworden ist. Für viele Internierte bedeutet das erstmals seit Langem, wieder als Person wahrgenommen zu werden. Für viele wird sie zu einer der wenigen verlässlichen Bezugspersonen im Lageralltag. Innerhalb des engen Rahmens sucht sie nach dem, was möglich bleibt, und nutzt jeden Handlungsspielraum. Ihr Einsatz bedeutet für viele mehr als Versorgung, er bedeutet Anerkennung.
Hilfe zur Selbsthilfe
Elsbeth Kasser organisiert Papier, Farben und Stifte. Sie eröffnet damit einen einfachen, aber wirksamen Handlungsspielraum für Menschen, denen jede Selbstbestimmung genommen wurde. Neben dem Zeichnen unterstützt sie gemeinschaftliche Aktivitäten, Gespräche und kleine Alltagsstrukturen, die dem Lagerleben für kurze Zeit etwas Normalität entgegensetzen. Sie ermöglicht den Internierten, wieder selbst tätig zu sein und Gedanken und Gefühle festzuhalten.
Unter widrigsten Bedingungen beginnen Internierte zu zeichnen und zu malen. Die Bilder zeigen Lageralltag und Erinnerungen an ein Leben ausserhalb des Stacheldrahts. Sie erzählen von Angst und Enge, aber auch vom Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen. Für die Internierten ist das Zeichnen kein Zeitvertreib, sondern ein Mittel, sich selbst nicht vollständig zu verlieren. Aus einer pragmatischen Entscheidung schafft Kasser etwas, das über den Moment hinausreicht.
Humanität als Lebensweg
1943 endet der Einsatz von Elsbeth Kasser in Gurs. Sie kehrt traumatisiert in die Schweiz zurück und arbeitet weiter im sozialen und humanitären Bereich. Nach dem Krieg engagiert sie sich unter anderem bei der Evakuierung gefährdeter Kinder aus Frankreich und wirkt in Kinderhilfsorganisationen mit.
Von 1953 bis 1973 ist sie als Ergotherapeutin am Waidspital in Zürich tätig. Für ihren humanitären Einsatz wird sie 1947 mit der Florence-Nightingale-Medaille des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ausgezeichnet.
Die Zeichnungen und Gemälde verlassen das Lager auf inoffiziellen Wegen. Elsbeth Kasser bewahrt sie über Jahrzehnte in einer Schachtel auf, ohne diese zu öffnen. Erst lange nach ihrer Zeit in Gurs beginnt sie, sich vorsichtig mit dem Erlebten auseinanderzusetzen und öffnet die Schachtel mit den Arbeiten aus dem Lager. Heute gelten diese Werke nicht nur als Zeugnisse individueller Erfahrungen, sondern als Mahnmal gegen das Vergessen der Internierung, der Deportationen und des Holocausts.
Elsbeth Kasser, 1907 in Bern geboren, stirbt 1992 in Steffisburg. Ihr Wirken bleibt lange kaum bekannt. Erst nach ihrem Tod wird sichtbar, welche Spuren ihr Handeln hinterlassen hat.
Mit ihrem Einsatz gab sie Menschen nicht nur die Möglichkeit, sich auszudrücken, sondern auch ihr Erlebtes sichtbar zu machen. Sie bewahrte Stimmen, die sonst verstummt wären. Damit wurde aus ihrer persönlichen Hilfe ein bleibender Beitrag zur Erinnerungskultur.
Die Sammlung Elsbeth Kasser mit über hundert Werken aus dem Internierungslager Gurs wird vom 5. August bis 17. September im katholischen Pfarrzentrum an der Oberen Strasse gezeigt.
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