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Mit über 60 noch ein Diplom geschossen

Beat Angerer ist leidenschaft­licher Jäger. Schon sein Leben lang. Nun hat der pensionierte Büchsenmacher gar noch ein Studium abgeschlossen, welches nur die wenigsten Jägerinnen und Jäger in Europa in ihrem Repertoire haben.

Davoser
Zeitung
06.12.25 - 12:00 Uhr
Menschen & Schicksale
Beat Angerer lebt für die Jagd.
Beat Angerer lebt für die Jagd.
zVg
Hätte man Angerer früher gefragt, ob er irgendwann eine akademische Laufbahn einschlagen wird, hätte er sicher mit «Nein» geantwortet. Schon in jungen Jahren ging er mit seinem Vater auf die Jagd. «Mein Leben drehte sich schon früh 24/7 ums Jagen. Das habe ich schon seit der Kindheit von meinem Vater mit auf den Weg bekommen, und das hat sich bis heute nicht geändert. Da war wenig Platz für ein Studium», erinnert sich Angerer. «Der logische Schritt war, dass ich in jungen Jahren eine Lehre als Büchsenmacher absolvierte und den Beruf auch bis zu meiner Pension ausübte. Natürlich habe ich mich in diesem Bereich immer wieder weitergebildet.» Dass er aber irgendwann ein Studium abschliessen würde, hätte selbst er nicht gedacht.

Ein Studium als Demenzprophylaxe

«Ich war schon immer fasziniert von der Jagd, konnte das Hobby zu meinem Beruf machen und stets etwas dazulernen. Ich durfte auf diversen Kontinenten auf die Pirsch gehen», so Angerer. Auf den vielen Reisen begegnete der Davoser verschiedensten Jagdkulturen, was ihn nur noch mehr begeisterte.

«Als ich die Ausbildungsmöglichkeit zum Jagdwirt sah, wusste ich, das muss ich probieren», erklärt Angerer und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: «Ich dachte, da ich pensioniert bin, habe ich ja Zeit für so was. Dazu ist es noch sehr gut als Demenzprophylaxe.» Wenn er aber ganz ehrlich sei, habe er nicht damit gerechnet, die Aufnahmekriterien zu erfüllen. Schliesslich sei er noch nie wirklich der «akademische Typ» gewesen.

Mit über 60-Jahren nochmals die Schulbank drücken

Glücklicherweise wurde er aber angenommen und durfte die zweijährige Ausbildung in Angriff nehmen. «Im Studium habe ich gemerkt, dass ich gar nicht so viel weiss, wie ich dachte. Aber die Themen haben mich dermassen fasziniert, dass ich gerne gelernt habe, auch wenn es teils sehr schwierig war», so der Alumnus, «das akademische Schreiben und generell die Sprache musste ich erst lernen. Und das ist in meinem Alter nicht immer ganz einfach. So hatte ich ab und zu Phasen, in welchen ich das Handtuch werfen wollte. Umso glücklicher bin ich, habe ich die Ausbildung durchgezogen und darf mich jetzt Jagdwirt nennen.»

Was genau ist ein Jagdwirt?

Der Abschluss als Jagdwirtin oder Jagdwirtin ist in der Schweiz nicht allzu geläufig. So ist Angerer einer von zwei im Kanton Graubünden. Der Universitätslehrgang Jagdwirtin beziehungsweise Jagdwirt ist ein innovatives akademisches Weiterbildungsangebot für Jägerinnen und Jäger im deutschsprachigen Raum, der eine ganzheitliche forschungsgeleitete Betrachtung auf die moderne Jagdwirtschaft widerspiegelt. Der Lehrgang wird vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Universität für Bodenkultur in Wien (BOKU) angeboten. Das Ausbildungsangebot verbindet die Jagdpraxis und das Wildtiermanagement mit aktuellen interdisziplinären wissenschaftlichen Ansätzen. Das komplexe Zusammenspiel von ökologischen, ökonomischen sowie gesellschaftspolitischen Faktoren wird umfassend analysiert. Zusätzlich wird Hintergrundwissen zu ­Herausforderungen wie Landnutzungsänderungen, Freizeitwirtschaft, Dialog mit nicht jagender Bevölkerung, Klimawandel und vieles mehr vermittelt.

Den Dialog rund um die Jagd fördern

Wer jetzt allerdings denkt, Angerer habe sich nur aus Jux und Prophylaxe durch das Studium gekämpft, der irrt. «Mir liegt die Jagd sehr am Herzen, und ich bin überzeugt, dass sich nicht nur Jägerinnen und Jäger stets weiterbilden sollten. Aber gerade bei einem emotionalen Thema wie der Jagd kann man nie genug wissen. Ich meine, es geht um nicht weniger als Tierleben. Da gehören Respekt, Achtung und Ethik an die oberste Stelle. Sei es vor dem Tier oder anderen Jagenden. Mit dem Studium durfte ich gerade in diesen Themenfeldern viel dazulernen», erklärt der Jagdwirt. Nun habe er noch mehr Werkzeuge, um einen zielgerichteten Austausch mit den Menschen zu führen. Für Angerer ist klar: «Der Austausch zwischen Jägerinnen und Jägern, der Bevölkerung und der Politik ist essenziell. Denn nur wenn man die verschiedenen Ansichten konstruktiv diskutiert, fördert man das Miteinander. Da hilft mir das Studium nun sehr gut weiter.»

Jägersektion ist stolz auf den Akademiker

Mit seiner Leidenschaft und viel Willen hat es der vielleicht älteste Student also geschafft, noch ein Diplom zu schiessen. Und auch die Jägersektion gratuliert: «Interessiert und begeistert vom Angebot, hat sich der Davoser Jäger und Ehrenmitglied des Bündner Kantonalen Patentjägerverbandes zur Absolvierung des akademischen Lehrgangs Jagdwirt entschieden. Beat konnte sowohl die Prüfungen als auch die erforderliche Abschlussarbeit bestehen und somit das ersehnte Diplom ‹Akademischer Jagdwirt› entgegennehmen. Die Jägersektion Davos freut sich über diese grossartige Leistung und gratuliert Beat herzlich.»

So wurde aus der frühen Leidenschaft, die ihn 24/7 das ganze Leben begleitete, halt doch noch ein akademischer Weg. Einer, der zeigt, dass man fürs Lernen genauso Feuer fangen kann wie fürs Jagen.

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