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Ein Weihnachtsmärchen

Es ist da, das letzte Wochenende vor Weihnachten. Die Verwandten und Freunde treffen langsam ein. Alle voller Vorfreude auf das bevor­stehende Fest. Auf das, was Nicolai übers Jahr vorbereitet hat. Wunderbare Geschenke, feinster Wein und bestes Essen.

Davoser
Zeitung
22.12.25 - 17:00 Uhr
Leben & Freizeit
Yves Weibel.
Yves Weibel.
zVg
Ja, schön wärs. Kein Geschenk ist gekauft. Kein Rezept getestet. Kein Plan, wie das am Weihnachtsabend klappen soll. Innerlich klopfte er sich auf die Schulter. Hat er wirklich stark gemacht übers Jahr. Da was mitgenommen. Dort was probiert. Ganz entspannt sein. Das mit dem entspannt sein ist so ne Sache.

Seit dem ersten Schneefall schläft Nicolai nicht mehr wirklich ruhig. Hat sicher was mit dem rückläufigen Merkur zu tun. Meinte zumindest eine Hobby Astrologin letztens im Ausgang zu ihm. Die hatte sicher Recht. Die kannte sich aus. Hatte sie ihm doch einen Kieselstein mitgegeben, der ihm Ruhe schenken sollte. Kieselsteine? Könnten auch als Geschenk für seine Entourage funktionieren. Gibt es ja auch wie Sand am Meer. Zu jedem könnte er eine schöne Geschichte erfinden. Jeder hätte eine ganz spezielle Funktion. Individuell würden sie Ruhe, Energie oder Gelassenheit versprechen. Schnell verwarf er diese Idee wieder. Würde ihm doch sowieso keiner abkaufen. Obwohl. Er könnte ja auch behaupten, über das Jahr hinweg spirituell geworden zu sein. Die grosse Erleuchtung gehabt zu haben.

Die grosse Erleuchtung kam dann aber schnell, als er die Heissleimpistole seiner Mitbewohnerin erblickte. So bisschen was zusammenleimen kann er doch auch. Fest entschlossen öffnete er Instagram. Haben immer gute Ideen, diese Lifestyleorakel. Ein Tannenbaum aus alten Eierkartons? Rosen aus altem Backpapier? Das kriegt er wohl noch hin. Gesagt getan. Im weihnachtlichen Übereifer kam ihm noch die Idee zum «Guezle». Wird super. Was Kleines zum Naschen findet ja jeder gut.

Und so wurden nach über 300 Tagen des Nichtstuns endlich Nägel mit Köpfen gemacht. Teig geknetet. Das Gebastel vorbereitet. Schön sah es aus, das Blech mit den Zimtsternen. Das klappt. Das wird gut. Also ab in den Ofen, und nebenan kann mit dem Basteln begonnen werden. Der Glitter stand bereit. Passt ja zu Weihnachten. Die Leimpistole heizte sich langsam auf. Sah ganz einfach aus im Selfieverse. So machte er sich an die Arbeit.

Ist doch noch verdammt schwierig. Dachte er sich, als er mit der Kinderschere hantierte. Aber das kommt gut. Muss ja. Die Einzelteile waren angefertigt. Die Pistole bereit. Nun gings ans Leimen. Voller Euphorie, bald die langersehnten Geschenke endlich fertig zu haben, machte er sich ans Werk. Verdammt klebrig das Zeug. Aber er leimte da. Fixierte dort. Richtete hin und wieder was. Bis schliesslich seine Finger dermassen aneinanderklebten, dass er sie nicht mehr auseinanderbrachte. Mit der Kinderschere versuchte er sich zu ­befreien. Ohne Erfolg. Mit dem Küchenmesser klappt das bestimmt. Gedacht, getan.

Klappte nicht schlecht. Bis auf einen tiefen Schnitt am Zeigefinger. Sein Basteltisch sah nicht mehr nach Spielgruppe, vielmehr nach Schlachthaus aus. Er sprang auf. Wollte ins Bad. Doch stolperte über seine zum Trocknen aufgestellten Weihnachtsbäume. Schlug mit dem Kopf an den Tisch. Glitter flog durch die Luft. ­Nicolai zu Boden.

Er wachte benommen in einem Nebelmeer auf. Lautes Gepiepse durchdrang jede Faser seines Körpers. So sehr, dass er sich das Glockenspiel am Postplatz zurückwünschte. Erst da fiel ihm auf, dass die gesamte Feuerwehr und Rettungssanitäter umherwuselten. Alle waren sie gekommen, um seine Backkünste zu bestaunen. Beruhigend sprach eine junge Sanitäterin zu ihm, er solle sich nicht bewegen, und sie würden ihn ins Spital bringen, um den Finger und die Platzwunde am Kopf zu nähen und weitere Abklärungen zu treffen. Dafür hat er jetzt wirklich keine Zeit. Muss er doch die Weihnachtsfeier vorbereiten. Nichtsdestotrotz wurde er blutend und glitzernd wie ein schlechter Stripper in den Krankenwagen verladen.

Im Spital meinte ein Arzt zu ihm, er dürfe am Montag wieder raus. Sehr gut. Noch zwei Tage Zeit bis Weihnachten. Das reicht locker. Kann man locker noch was backen und basteln.

Yves Weibel

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