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Frisch von der Leber

Die Sieben Todsünden begleiten die Menschheit seit jeher und mahnen vor den Abgründen unseres Verhaltens. Hochmut, Völlerei, Wollust, Zorn, Trägheit, Habgier und Neid sind mehr als alte Geschichten.

Davoser
Zeitung
05.09.25 - 17:00 Uhr
Leben & Freizeit
Yves Weibel.
Yves Weibel.
zVg
Sie beschreiben nur zu oft ein gutes Wochenende an einem Festival oder in der Stammkneipe. In der biblischen Erzählung von Sodom und Gomorrha wurden diese Laster zur Gefahr für ganze Gemeinschaften. Es waren die verborgenen Zwiste, die das Fundament zerfrassen. Noch heute wirken diese ­Sünden leise und beständig, und besonders eine von ihnen ist allgegenwärtig und dennoch oft unsichtbar. Eine hat ein Davoser Unternehmen gar im Logo eingerahmt.

Der älteste Einwohner

Er steht in keinem Jahresbericht, ist kein lauter Skandal, und doch ist er die stille Konstante und wohl der älteste Einwohner von Davos – der Neid. Es gibt selten Davoserinnen oder Davoser, die mehr unterwegs sind als die wohl unnötigste der sieben Todsünden. Aber trotzdem gehört sie wahrscheinlich schon länger zum Ort als die Berge, der See oder der Kurpark. Aber ja, es gibt nicht nur in Davos vieles zu beneiden, ist doch die Wiese im anderen Garten immer grüner als die eigene. Der Neid ist ein steter Begleiter. Er fährt mit auf dem Sessellift. Nimmt an den Sitzungen teil. Trinkt mit uns das Feierabendbier. Neid ist das, was übrig bleibt, wenn man zu oft hinschaut, was andere haben – und zu selten, was einem selbst genügt. Kein Krawall, kein Donner. Mehr ein leises «Hmm», das in einem hochzieht. Man beneidet nicht nur den Besitz. Man beneidet den Stil. Die Mühelosigkeit. Die Art, wie jemand an einem Mittwochmorgen einfach Zeit hat. Man würde halt auch gerne. Aber darf nicht. Oder kann nicht. Oder weiss nicht wie. Und trotzdem. Neid ist nicht nur destruktiv. Er kann auch ehrlich sein. Wer neidisch ist, gibt zu, dass ihm etwas fehlt. Man kann den Neid also verurteilen oder verstehen.

Wenn man vieles richtig macht

Gerade in der Davoser Gastronomie zeigt sich der Neid immer wieder. Er schnuppert zwischen den Gängen, flüstert durch die Küchentüren, sitzt ungebeten an der Bar. Nur schon wenn ein neues Lokal aufmacht, hat man eigentlich schon die ersten Neiderinnen und Neider am Start. Der Neid ist aber nicht Hass, vielmehr ein diffuses Gefühl. Ein kleines Stechen. Er wächst in den stillen Momenten. Nach einer schlechten Woche. Wenn man hört, wie gut es anderen läuft. Der Neid macht uns unzufrieden – aber nicht zwingend schlechter. Und wer beneidet wird, hat – sind wir ehrlich – auch einfach vieles richtig gemacht.

Die schönen Seiten des Lebens

Doch der Neid bleibt selten allein. Wo er auftaucht, lassen sich oft auch seine sechs Geschwister blicken. So tanzen sie alle miteinander. Neid, Zorn, Trägheit und all die anderen. Mal laut, mal leise. Mal als Antrieb, mal als Belastung. Es wäre naiv zu glauben, sie hätten keinen Platz im Alltag. Aber vielleicht liegt genau darin der Schlüssel: sie nicht zu verteufeln, sondern zu erkennen. Und dann bewusst zu entscheiden, wem man Platz machen will. Die Sieben Todsünden sind wahrlich keine stummen Gespenster vergangener Zeiten, sondern für mich gern gesehene Gäste in jedem guten ­Wochenende. Gut, auf den Zorn darf gerne verzichtet werden. Aber sie sind alle hier, begleiten uns in unseren kleinen und grossen Momenten. Und trotz all ihrer Schattenseiten, sind sie Spiegel und Antrieb zugleich. Denn vielleicht ist Neid nicht nur das leise «Hmm», das uns wurmt, sondern auch der stille Wink, uns selbst mehr zu gönnen, mehr stolz zu sein. Und so öffnen sich die Türen für die leichten Genüsse, für ein bisschen mehr Wollust, für eine gehörige Portion Völlerei und, ja, auch für die köst­liche Trägheit. Denn das Leben ist zu kurz für ewigen Ernst. Geniessen wir es also, beneidet zu werden, aber gönnen uns auch gegenseitig alles, denn dann kann man sich auf die schönen Dinge des Lebens konzentrieren – Wollust, Völlerei und vielleicht ab und zu etwas Trägheit.

Yves Weibel

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