Der Abschied fällt leicht
Zum letzten Mal berichten die DZ-Leser Lotti und Werni Bitterli von ihrer Reise von der kanadischen Ostküste aus quer und längs über den amerikanischen Kontinent. Die Tour hat inzwischen ihren Abschluss gefunden und die Bitterlis sind wohlbehalten wieder zurück in Davos.
Zum letzten Mal berichten die DZ-Leser Lotti und Werni Bitterli von ihrer Reise von der kanadischen Ostküste aus quer und längs über den amerikanischen Kontinent. Die Tour hat inzwischen ihren Abschluss gefunden und die Bitterlis sind wohlbehalten wieder zurück in Davos.
Die Ostküste Argentiniens ist bekannt für ihre vielfältige Tierwelt. Mehrere Pinguinkolonien, See-Elefanten, Seelöwen und eine Riesenvielfalt an grossen und kleinen Vögeln beleben die Küsten. Selbstverständlich machen wir uns auf die Suche nach den Urtieren des Meeres, aber die furchterregenden Machos der See-Elefanten mit ihren unmöglichen Rüsselnasen sind leider schon weggezogen, zurück bleiben nur die Jungen und die Teenager, die nun auf sich selbst angewiesen sind und einfach nur faul herumliegen. Weiter nördlich besuchen wir den argentinischen Fleischmarkt am Strand. So ungefähr 500 Seelöwen kuscheln sich eng aneinander, beschliesst einer in der Mitte er wolle jetzt ins Wasser, robbt er sich grummelnd einfach über all die bulligen Körpermassen.
Siesta in der Sonne
Langsam ändern sich nun auch die Einrichtungen auf den Campingplätzen, vieles verlottert still vor sich hin, was bis anhin nicht unbedingt so war. Was auch nicht verwunderlich ist, die Argentinier leiden unter einer gewaltigen Inflation, mehrere 100 Prozent in den letzten drei Jahren, da bleibt nicht mehr viel Geld übrig zum Sanieren. Wir fahren zu der nächsten Seelöwenkolonie, die liegen grunzend grölend dem Hafengemäuer entlang, den Kopf auf der Mauer und halten an der warmen Sonne Siesta, dabei bereichern sie die Luft mit einem eher etwas zu starkem, bestialischem Parfum, das dann noch lange in den Geruchsnerven hängen bleibt. Die Verlockung ist gross, dem friedlich dreinschauenden Koloss hinter dem Ohr zu kraulen, aber das lassen wir dann doch lieber bleiben. Weiter geht es zu einer Papageiensiedlung, den Loris, die in Sandsteinhöhlen nisten, leider sind wir auch hier zur falschen Jahreszeit. Die letzten Gruppen versammeln sich laut kreischend auf den Telefondrähten, bereit zum Abflug in den Norden an die Wärme.
Endlose Strassen und Gedanken an daheim
Wir realisieren, dass wir unserem Endziel immer näherkommen. Nicht nur die Gelenke fangen an einzurosten, sogar die Stimmbänder sind nicht mehr so geschmeidig. In den endlos langen, fadengeraden Strecken hängt jeder still seinen Gedanken nach, was erwartet uns zu Hause, mit was fangen wir daheim an, neue Pläne werden insgeheim schon geschmiedet und so ziehen sich die Kilometer dahin. Ziemlich unverhofft kommen wir zu den Pampas raus, um aber in eine andere Unendlichkeit einzutauchen, wieder an ebenso weiten und horizontlosen landwirtschaftlichen Betrieben vorbei. Der Bauer auf der Maschine sieht wahrscheinlich nicht einmal mit dem Feldstecher seinen Wendepunkt.
Ein letzter Grenzübertritt
Es wird touristischer, wir sind bereits im Einzugsgebiet von Buenos Aires. Nach so viel einsamer Landschaft staunen wir in Mar del Plato über den 20 Kilometer langen, komplett mit Strandkörben überbauten Strand mit einer Allee Wolkenkratzer dahinter. Mit viel Respekt halten wir auf Buenos Aires zu, aber auf der sicheren Autobahn gelangen wir problemlos zum Hafen, wo wir am nächsten Morgen mit der Fähre nach Montevideo hinüber schaukeln werden. Die Einreise nach Uruguay ist wie üblich ein kleiner Papierkrieg, das beherrschen wir mittlerweilen mit der nötigen Geduld. Welch freundlicher Empfang in Uruguay, lange Palmenalleen entlang der gut ausgebauten Strasse begleiten uns an sauberen Bauernhöfen und sauberen Dörfern vorbei. Obwohl es eher ein kleines Land ist (immer noch vier Mal grösser als die Schweiz), verschwinden die Sojafelder weit hinten im Niemandsland. Heimatliche Gefühle kommen auf, Siedlungen und Campingplätze sind fest in europäischen Händen, im Moment hausen wir an der Calle Berna, Paraiso Suizo, selbstverständlich neben einer grossen flatternden Bernerfahne. Wir versuchen nun unsere Gedanken zu sammeln, die rotierenden Hirnströme runterzufahren und uns aufs Organisieren zu konzentrieren. Wir sind nicht die Einzigen, die hier gelandet sind. Bei Silvia, einer Bernerin, rüsten sich die modernen Zigeuner zur Heimfahrt. Einige lassen ihre Wohnmobile hier stehen und kommen zurück, andere putzen und packen endgültig zusammen.
Erinnerungen an Trauriges ...
Erst nach der Drogenhundinspektion im Hafen von Montevideo können wir sicher sein, dass das Wägeli (wir sind die Kleinsten von Allen) verladen wird und wir den Rückflug buchen können. Bis dahin machen wir es uns im Hotel gemütlich und haben genügend Zeit, die letzten Monate aus der hinteren Schublade hervorzuholen. Wir hätten nie gedacht, dass uns die Armut in Südamerika so zu schaffen macht. Auch die unzähligen reich dekorierten Grabstätten der Strasse entlang, die vielen toten Guanacos über den Zäunen hängend (ein tägliches Bild), all die heimatlosen Strassenhunde, das allgegenwärtige Abfallproblem, all die bettelnden Kinder mit den schwarzen, traurigen Augen, das trostlose Leben in den Bruchbuden beschäftigen uns bis ins Innerste.
... und Schönes
Ein grosses Lob verdient unser Womo, es erduldete tagelang kräftige Schläge ans Fahrgestell, spulte immer zufrieden schnurrend seine Kilometer ab, trotz brütender Hitze, und nahm sogar all die kräftigen Ohrfeigen vom Wind entgegen. Nicht mehr lang und es bekommt den verdienten «wohlfühl» Service in Davos. Landschaftlich gab es viel Schönes und Eindrückliches zu erleben, und sogar die wochenlangen zermürbenden, trostlosen Strecken durch Patagonien haben im Nachhinein tiefen Eindruck hinterlassen, wir werden noch des Öftern sagen «weisch no». Sicher nie vergessen werden wir all die spannenden Begegnungen mit den fahrenden Gleichgesinnten und die herzliche und fröhliche Freundlichkeit der südamerikanischen Bevölkerung, zwar spricht hier fast niemand Englisch, aber mit Händen und Füssen gestikulierend, begleitet mit viel Lachen haben wir uns meistens verstanden.
Vom Hotelzimmer aus können wir beobachten, wie unser rollendes Zuhause zum Schiff manövriert wird und so steht der Reise mit dem Schnellboot zurück nach Buenos Aires nichts mehr im Weg. Diese Stadt ist mehr als erstaunlich, eine 13 Millionenstadt mit bis zu 20-spurigen Autobahnen, unterteilt mit üppigen Grünstreifen, unzählige Parks, Oasen mit wunderschönen Bäumen, überall stehen Monumente und Statuen, die über die Jahrhundert alte Geschichte von Buenos Aires erzählen, kaum eine Strasse ohne übergrosse Fassadenbilder in blau/weiss mit Maradona und Messi. Leicht müde von den letzten Tagen steigen wir mit ziemlich Herzklopfen in den Jumbojet, der Wind über dem Atlantik hat leider kein Verständnis für den Angsthasen, er rüttelt und schüttelt fast bis Frankfurt an dem Riesenvogel.
Das Verlassen des amerikanischen Kontinents fällt uns leicht, wir haben mehr denn je gelernt, wie privilegiert wir in der Schweiz leben. Mit einem vollbepackten Rucksack voller Eindrücke und Emotionen möchten wir uns von euch Allen verabschieden und sagen ein herzliches Dankeschön fürs Mitreisen, uf Wiederluege.
Lotti und Werni Bitterli
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