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3000 Kilometer Sand

Davoser
Zeitung
30.03.25 - 12:00 Uhr
Schweiz und Welt
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Über den Ursprung der Nascalinien gibt es keine gesicherten Erkenntnisse.

Wir sind immer noch in Peru unterwegs, dieses Land zieht sich hin. Armselige Strassendörfer wechseln sich mit Wüstenabschnitten ab. Zusammen mit vielen Lastwagen bewältigen wir Sanddüne um Sanddüne, bis 2200 m ü. M. hoch, um kurvenreich ins nächste Tal abzutauchen. Flüsse hoch aus den Anden bringen genügend Wasser, um im Talboden Olivenfelder, Fruchtbäume und vieles mehr gedeihen zu lassen. Die Hauptstadt Lima umfahren wir weiträumig, uns ist der ­Riesenstadtverkehr nicht geheuer. Mitten im Wüstengebiet begegnen wir den Ausserirdischen, die Nascalinien, die noch heute die Forscher beschäftigen. Skurile Striche formen sich zu Figuren, die weitläufig übers Land ziehen. Auch Erich von Däniken liess sich von denen inspirieren. Um den ganzen Überblick zu bekommen, gibt es organisierte Flug­touren. Wir nähern uns auf der Autobahn Chile und planen zwei Stunden ein, um die Grenzformalitäten zu erledigen. Wir verpassen die Zufahrt zum Ausreisezoll, um nicht einen riesigen Umweg unter die Räder zu nehmen, rät uns ein zufällig parkierter Polizist, die zwei Kilometer einfach langsam auf dem Pannenstreifen rückwärts zu fahren! Die Einreise Chiles wickelt sich normal kompliziert ab, ein offensichtlich wichtiges Dokument be­nötigt sechs Stempel, also sechsmal den Schalter wechseln, währenddessen sich das Womo auf Backofentemperatur aufheizt. Die Früchte/Gemüsekontrolle klappt auch, nur meine verdorrten Geburtstagsblumen und ein halber Lauchstengel werden konfisziert, wir könnten losfahren aber … auf der Ausfahrt wird doch tatsächlich nochmals alles kontrolliert und die Stempel gezählt.

Bewässerte Landwirtschaftsgebiete inmitten der Trockenheit.

Chile präsentiert sich von Anfang an sauberer als Peru und Kolumbien. Die Baracken sind stabiler gebaut, meistens hinter hohen Bretterwänden, wie wir bald merken als Windschutz, sogar der Abfall wird ziemlich zentral aufgetürmt. Es sind Putzequipen unterwegs, die von Hand den Müll der Strasse entlang einsammeln, mit einem Besenwagenmann hinterher, der den Pannenstreifen mit einem Palmenwedel noch sauber streichelt.

Wenn wir schon in Peru genug von der heissen Wüste hatten, ahnten wir noch nicht, was auf uns zukommt. Wir fahren durch die trockenste Wüste der Welt, die Atacamawüste, tagelang Sand, Sand und nochmals Sand, es gibt weniger als nichts zu beobachten. Was sogar schwierig würde, da sich weiterhin Schweissbächlein den Weg unter der Sonnenbrille durch suchen und die Sicht verschleiern. Die faden­geraden, heissen Strecken sind sehr zermürbend, und so geht denn auch der Gesprächsstoff langsam aus. Da helfen nur Gedächtnisübungen wie zum Beispiel: wie heissen unsere Bundesräte schon wieder, in welchem Kanton sind sie zu Hause, ist da nicht ein Neuer dabei? Ab den zuständigen Departementen geben wir forfait. Zum Übernachten verlassen wir die Hauptstrasse und fahren auf Stichstrassen jeweils steil und holprig zu kleinen Buchten mit Fischerhafen hinunter, zu kleinen rustikalen Campingplätzen. Das Schauspiel der grossen, saltoschlagenden Fische und der spielenden Seelöwen vor unserer Nase nehmen wir als Belohnung des durchgelittenen Tages.

Nun lernen wir die Herzlichkeit der Chilenen kennen, meistens sind wir die einzigen Gringos, wir werden mit Namen, Handschlag und Umarmung begrüsst und es gibt das Gefühl, als ob wir uns schon seit Jahren kennen. Wir werden auch immer wieder beschenkt, Brot, ­Aperitif (kurz nach dem Frühstück), Bier und dann eben auch noch das: die lieben Nachbarn holen sich täglich frisch aus dem Meer Muscheln und sonstiges Meeresgetier, kochen und grillieren es und haben dabei natürlich Wernis Stilaugen gesehen. Prompt wird er eingeladen, das lässt er sich selbstverständlich nicht entgehen und verzehrt genussvoll sechs von den schlüpfrigen Muscheln: mit nachhaltig verheerenden Folgen. Trotz intensiver Pflege von Doktor Lotti dauert es sechs Tage, bis die letzte Muschel verdaut und entsorgt ist.

Staubige Strassen ziehen sich endlos dahin.

Chile rühmt, sich die längste Küste der Welt zu haben, riesige Salzabbauminen,  die trockenste Wüste der Welt und die grösste Kupfermine der Welt. Der Abbau der Minen verursacht ein emsiges Hin und Her der mit Material gefüllten Lastwagen, jeder überquert in einer Riesenwolke Staub die Strasse zu der Verarbeitungsanlage, und die ganze Landschaft wird mit einer dicken Schicht sandge­pudert. Die Kupfer-Ausbeute eines gefüllten Lastwagens beträgt gerade mal 5 Prozent. Glücklicherweise gibt es doch ab und zu Abwechslung, die Sandwüste verwandelt sich in eine schwarze Steinwüste mit aufgetürmten Felsen und wilden Couloirs Richtung Ozean, oder hinter einer hohen Düne aus dem Nichts geht es in eine Riesenstadt hinunter, wie eine mit dem unmöglichen Namen Iquequi. Wie sagt man so schön, man lernt nie aus: Wir beobachten, wie der Mond zunimmt, aber halt, der füllt sich doch auf der falschen Seite? Schulwissen wird hervorgekramt, um uns das Sonnensystem vorzustellen, es bleibt beim Fragezeichen, erst dank Nachhilfestunden durch unsere Kinder löst sich der Knoten. Endlich wechselt langsam die Landschaft und es wird grün, niedrige stachelige Kakteen bedecken nun den Sand und nicht mehr lang, begleitet uns eine Eukalyptusallee bis zum Camping. Jeden Tag erleben wir irgendein Openairkonzert, sei es der gemischte Hundechor gemeinsam mit dem Gezwitscher der vielen unbekannten gefiederten Sänger, sei es das fordernde Gekreische nach Futter der Jungmannschaft der Sturmmöwen, begleitet mit dem Donnern der Wellen des Pazifiks oder der Willkommenssong der Minipapageien mit ihrem markdurchdringendem Gekrächze, dies allerdings eher eine Zumutung an die Ohren.

Mitten in der Atacama-Wüste winkt dieses Kunstwerk.

Auf dem ganzen Kontinent kreist allgegenwärtig eine kleine Geierart, schwarz mit einem nicht sehr hübschen roten Kopf, die fast flächendeckend die Luftüberwachung unter sich hat. Nach insgesamt fast 3000 Kilometern sandigen Zeiten wird es wieder üppig grün, dichter Pinienwald wechselt sich mit Tannen und Buschwerk ab, herrlich fürs Gemüt und hebt sofort den Stimmungspegel.

Damit wir nicht nur Autobahn fahren, verlassen wir die Panamericana wenn immer möglich und profitieren von der Küstenstrasse, die einiges interessanter ist. Wir staunen immer wieder über die Campingplätze. Fast immer sind sie sauber, mit elektrischen Anschlüssen, ­Tischen und Grillstellen und vorallem für unsere Sicherheit einbruchsicher ver­barrikadiert. Eigentlich sind wir im Tal der Vulkane, aber wir sehen nur schemenhaft durch den Nebel die kegelförmigen Erhebungen, und so ziehen wir bis Osorno und werden von dort aus die Anden nach Argentinien überqueren.

Lokale Spezialitäten verursachen bleibende Erinnerungen.
Truthahn-Geier sind in ganz Amerika zu Hause.
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