Jahresrückblick der Redaktion
Der Riss im Kontinuum
Eigentlich fing das ablaufende Jahr genauso gut an, wie das alte aufgehört hatte. Ich durfte spannende Menschen kennenlernen und hatte auch sonst einigen Spass am Leben. Ende August jedoch entzündete sich ein Zeh am rechten Fuss nach einem Schlag so stark, dass Anfang September den Arzt aufsuchen musste. Von da an ging alles sehr schnell: Ich landete wegen Verdachts auf eine Blutvergiftung im Notfall und bald darauf im Zimmer Nummer 222 des Spitals Davos. Gut einen Tag später verschlechterte sich mein Gesundheitszustand so stark, dass ich für die nächsten drei Tage auf die Beobachtungsstation verlegt wurde. Insgesamt verbrachte ich neun Tage im Spital und war danach rund sieben Wochen mit Stöcken unterwegs.
Mittlerweile hat sich mein Gesundheitszustand zwar wieder stabilisiert, trotzdem empfinde ich den «Betriebs-unfall» und seine gesundheitlichen Folgen als Riss in meinem Lebens-Kontinuum. Nahm ich vorher nur Tabletten, so spritze ich nun jeden Morgen Insulin. Auch meine Essgewohnheiten musste ich radikal umstellen, und die Termine bei Ärzten, Diabetesberatung, Podologin und Spezial-Schuhfachgeschäft sind häufiger als zuvor. Ansonsten kann ich ein mehr oder weniger normales Leben führen und bin dankbar dafür – im Wissen, dass es mit dem Wohlbefinden sehr schnell bergab gehen kann. So wünsche ich mir für das neue Jahr, dass es nicht so verläuft wie das ablaufende und bin dankbar, dass ich weiterhin mein Bestes geben darf, um für die Davoser und Klosterser Bevölkerung spannende Zeitungsberichte verfassen zu können.
Pascal Spalinger
Davoser und Klosterser Zeitung
Und täglich grüsst das Murmeltier
Den Filmtitel kennen Sie bestimmt; er ist unterdessen zum geflügelten Wort geworden und beschreibt etwas, das sich immer wiederholt und sich nicht ändert. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre unser Leben so. War das letzte Hotschrennen nicht erst kürzlich? Und der 1. August – gefühlt erst Wochen her.
Andererseits, denke ich, wie privilegiert wir unseren ewig gleichen, «langweiligen» Lebensstandard eigentlich geniessen dürfen: In den letzten Wochen haben mich die Vorkommnisse in Syrien beschäftigt: Der Folterknast Saidnaja, worüber immer noch mehr und mehr düstere Geheimnisse enthüllt werden, steht im krassen Gegensatz zu unseren Wohlfühl-Gefängnissen, die mit Delinquenten gefüllt werden, die sich grösstenteils auf Wohlfühl-Urteile verlassen können. Und es hört nicht auf: Immer öfter werden Täter zu Opfern gemacht und die eigentlichen Opfer vergessen. Sie sind aber nicht in einem Knast, sondern mitten im Leben und müssen damit klarkommen, was ihnen angetan wurde. Auch Graubünden bleibt davon nicht verschont: So wurde das Urteil für einen Fahrer, der unter Drogeneinfluss eine junge Frau totgefahren hatte, in mehreren Prozessen immer wieder reduziert. Schön für ihn, aber die Frau bleibt tot – ihr «Urteil» kann nicht revidiert werden.
Hier fühle ich mich ähnlich machtlos wie der Reporter im Film, der jeden Morgen am selben Tag aufwacht und nichts dagegen tun kann.
«Meine eigenen Angelegenheiten langweilen mich zu Tode, ich bevorzuge die anderer Leute», sagte schon Oscar Wilde. Das ist ja immerhin ein Trost. So weit muss ich aber nicht gehen, denn wenn ich meine eigenen Angelegenheiten betrachte, bin ich sehr zufrieden – keine Spur mehr vom grüssenden Murmeltier. Das heisst, ein bisschen Mungg ist auch hier vorhanden; so schoss doch unsere jüngere Tochter, die bei den eisernen Murmeltieren (Iron Marmots) Unihockey spielt, kurz vor Jahresende ihr erstes Tor. Wenn das keine Erfolgserlebnisse sind, weiss ich nicht, was denn sonst.
Conradin Liesch
Redaktor Klosterser Zeitung
Ein unvergesslicher Start
Es war das Jahr des Drachen. Glück, Güte, Intelligenz und Reichtum soll dieses der chinesischen Mythologie nach versprechen. Und es hat definitiv nicht viel damit zu tun, in welchem Jahr wir uns befinden, mich die Menschen mit etwas Glück für reich, gütig und intelligent halten.
Niemals werde ich den, ich glaube stupidesten, Start in ein Jahr vergessen. Wie schon die Jahre zuvor durfte ich das neue Jahr in der Bolgenschanze begrüssen. Pünktlich um eins nach zwölf schütte mir jemand einen Gintonic über den Rücken. Unabsichtlich, doch war das neue Jahr definitiv eingeläutet. Als gütiger Mensch liess ich mich mit dem Reichtum des Anderen auf einen Schnaps einladen. Ja, war nicht wirklich intelligent, denn der erste Kater des Jahres hatte es in sich. Es war also ein Jahr, welches schon nach nur einer Minute viel Verbesserungspotenzial vorzuweisen hatte. Und ja so kam es dann glücklicherweise auch.
Als ich am 1. Januar noch viele Entscheidungen des letzten Abends und Jahres bereute, wusste ich noch nicht, mit wie viel Glück mich das Jahr noch beschenken würde. Im Verlauf der Saison durfte ich die Entscheidung treffen, meine geliebte Bolgenschanze langsam an einen motivierten, interessierten Nachfolger abzugeben. Und ja, wenn Gott oder wer auch immer eine Tür schliesst, öffnet dieser oder diese ein Fenster. So geschehen im Sommer. Nach der wichtigen Erholungsphase nach der Wintersaison stiess ich mit mehr Glück als Verstand zur Davoser Zeitung. Eine glückliche Wendung, wie ich finde. Ich durfte in meinen ersten Monaten viele interessante Menschen und Projekte kennenlernen und konnte mich so schnell einleben. Vielleicht nicht gerade die Gintonic-Dusche zu Beginn des Jahres, aber sicher das restliche Jahr durfte ich viele schöne Entscheidungen treffen und viele glückliche Fügungen miterleben.
Wenn ich objektiv auf das Jahr des Drachen zurückblicke, dann hat mich dieses definitiv mit dem beschenkt, was es der Mythologie nach verspricht. Ich hoffe, dass dies nicht nur mir so ging, und das nächste Jahr des Holz-Drachen verspricht ja wiederum viel Glück, Wohlstand und Energie. Diese Dinge wünsche ich natürlich allen Menschen auf unserer schönen blauen Kugel.
Yves Weibel
Redaktor Davoser Zeitung
Da klapperten mir die Zähne
Mein näheres Umfeld hatte dieses Jahr einiges zu erdulden. Mein gesamtes Interesse und meine Freitzeit galten einem einzigen Thema, mein gesamtes Jahr war einem einzigen Ziel untergeordnet. Entsprechend schlecht war ich für Anderes zu motivieren.
Lassen Sie mich dazu etwas ausholen: Seit Kindsbeinen streife ich ab August durch die Wälder und sammle Pilze. Da- bei hatte ich das Glück, dass meine Grossmutter neben Eierschwamm und Steinpilz ein paar Arten mehr kannte. So blieb mein Korb niemals leer. Mit der Zeit entstand aber auch das Bedürfnis, mehr zu wissen. Das reiche Geschenk der Natur besser kennen zu lernen. Ich wollte mehr, als mich nur an der Schönheit der Pilze erfreuen, ich wollte ihnen auch einen Namen geben können. Vielleicht sogar wissen, ob und wie sie sich für die Küche eignen. Kurz, ich wollte meine Artenkenntnisse erweitern. Als sich schliesslich die Gelegenheit ergab, einen Pilzkurs zu besuchen, griff ich zu und stellte fest, dass ich eigentlich nichts weiss. So gross und vielfältig ist das Thema. Doch ich hatte Blut geleckt und wollte es nun wirklich wissen. Das gipfelte darin, dass ich mich mit einem Jahr Vorlauf für einen Kurs bei der Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane der Schweiz (VAPKO) einschrieb. Die Prüfung zur Pilzkontrolleurin sollte an dessen Ende stehen. Und so kam es, dass ich mich fast nur noch im Wald herumtrieb – Pilze gibt es im Unterland
schon ab März – und daneben die gefundenen Exemplare zu identifizieren suchte. Im September fand ich mich dann mit 25 anderen Hoffnungsvollen zum Kurs in Landquart ein. Das Programm dort hatte es in sich, und von einer Zwischenprüfung zur nächsten hangelten wir uns alle in Richtung Abschlussprüfung. Dann war es soweit, und ich war so nervös wie wohl kaum je im Leben. Für eine Prüfung von der nichts, aber auch gar nichts abhing, stand ich in der Ecke und klapperte mit den Zähnen. Ich hatte zwar Zeit und Geld in das Projekt inves- tiert, doch ändern würde sich mein Leben mit oder ohne Diplom kaum. Nun, um eine lange Geschichte kurz zu ma-chen, ich bestand und darf mich nun offiziell Pilzkontrolleurin nennen. Doch nun fängt die Arbeit erst richtig an, denn so Vieles gibt es noch zu lernen und zu entdecken. Ob mich mein Umfeld auch in Zukunft noch erträgt?
Barbara Gassler
Redaktorin Davoser Zeitung
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