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Der Geist von Davos braucht keinen Badge

Der «Geist von Davos» wird während des WEF gerne beschworen – doch gelebt wird er selten dort, wo Davos tatsächlich zu Hause ist. Während die Promenade zur Kulisse wird und Einheimische auf Abstand gehen, setzen «Meerkämper Optik» und «Christoffel Spirit» ein bewusstes Zeichen. Zwischen Brillengläsern und Schnapsgläsern soll mit der «SehBar» täglich ab 16.30 Uhr ein ruhiger Ort der Begegnung entstehen.

Davoser
Zeitung
20.01.26 - 07:00 Uhr
Ereignisse
Ab 16.30 dient die Theke im Meerkämper diese Woche jeweils auch als Bar.
Ab 16.30 dient die Theke im Meerkämper diese Woche jeweils auch als Bar.
zVg
Gerade während des WEF hört man immer wieder viel vom «Geist von Davos». Ein doch sehr geflügeltes Wortgebilde, das gut über die Lippen kommt oder Texten eine Prise Poesie verleiht. Der Geist soll Zusammenhalt, Dialog und Offenheit suggerieren. Fragt man die KI, was es mit dem ominösen Gespenst auf sich hat, kommt folgendes raus: «Der ‹Geist von Davos› beschreibt die Ideale des Weltwirtschaftsforums: Dialog, Toleranz und globale Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zur Lösung weltweiter Probleme und zur Schaffung einer besseren Welt, basierend auf dem Stakeholder-Konzept, dass alle Interessengruppen berücksichtigt werden müssen, um nachhaltige Lösungen zu finden, entgegen dem reinen Aktionärsinteresse. Er steht für die Überzeugung, dass grosse Herausforderungen nur gemeinsam angegangen werden können, und fördert den Austausch in einer Atmosphäre des Vertrauens und der konkreten Lösungsfindung.»

Der Geist der Davoserinnen und Davoser

Eigentlich für sich eine gute Sache. Doch hat der «Geist von Davos» ironischerweise wenig mit der hier lebenden Bevölkerung zu tun. Viele müssen ihre Wohnungen räumen, Geschäfte sind praktisch nicht mehr vorhanden, und die meisten meiden das Gewusel an der Promenade, so gut es geht. Den «Geist von Davos» lebt man gemeinsam lieber die anderen 51 Wochen des Jahres.

Seit diesem Jahr haben sich aber zwei einheimische Geschäfte ganz im Sinne des Geistes zusammengeschlossen und wollen so bereits seit letztem Samstag und noch über die ganze Woche ein Ort der Begegnung schaffen. Ohne Hektik. Ohne Badges. Ohne Schauspiel. Dafür mit einer klaren Message: «Gemeinsam ein Zeichen für Eigenständigkeit, Zusammenarbeit und lokale Identität setzen und damit zeigen, dass Davos auch während des WEF ein bewohnter Ort ist.»

Anstossen zwischen Brillen und Kontaktlinsen

Es ist eine Zusammenarbeit, die auf den ersten Blick doch etwas suspekt anmutet. So hat der Optiker «Meerkämper» an der Promenade bewusst darauf verzichtet, sein Ladenlokal zu vermieten, während «Christoffel Spirit» seinen Laden räumen musste. So entsteht für die nächste Woche zwischen Brillengestellen und Kontaktlinsen die «SehBar».

Für Geschäftsführer und Teilhaber des Brillengeschäfts Denny Sprötge sowie Inhaber und Gründer der Schnapsmanufaktur Patrick Christoffel ist die Kooperation alles andere als unkonventionell. «Immerhin haben wir beide mit Gläsern zu tun», meinen sie ironisch. Etwas ernster erklären sie: «‹Meerkämper Optik› steht für Klarheit, Perspektive und den Blick auf das Wesentliche. ‹Christoffel Spirit› steht für Genuss, Herkunft und den bewussten Moment. Was auf den ersten Blick unterschiedlich wirkt, verbindet ein gemeinsames Verständnis von Wahrnehmung, Qualität und Haltung. Und gemeinsam sind wir schon Jahre Teil der Promenade, Teil der Gemeinschaft, Teil von Davos.»

Als Ort der Begegnung sichtbar bleiben

Die Verwurzelung ist den beiden spürbar wichtig. «Gerade während der WEF-Zeit, in der sich Davos stark verändert und viele lokale Stimmen in den Hintergrund geraten, möchten auch wir einheimischen Betriebe sichtbar bleiben. Die ‹SehBar› versteht sich nicht als Event oder Pop-up, sondern als Ort der Begegnung – für Einheimische ebenso wie für Gäste, die Davos jenseits temporärer Kulissen erleben möchten. Die ‹SehBar› soll zeigen, dass Davos auch während des WEF ein bewohnter Ort bleibt – mit Menschen, Geschichte und Betrieben, die hier verwurzelt sind», erklären die beiden Unternehmer.

Nicht gegen, sondern für etwas sein

Es gehe ihnen auch nicht darum, etwas verteufeln oder schlecht machen zu wollen. «Das WEF gehört auch zu Davos. Und mit diesem auch die jährlichen Umbauten. Das kann man nicht ändern. Auch wenn es unserer Meinung schön wäre, wenn mehr hier verankerte Geschäfte in ihren Lokalitäten bleiben könnten. Unser Ziel ist es einfach, gerade den Einheimischen eine kleine, vertraute Oase mitten im Getümmel bieten zu können», meinen sie weiter. So soll die «SehBar» ein ruhiger, offener Gegenpol zum hektischen WEF-Betrieb sein. Entspannt, überraschend und mit Charakter.

Schlussendlich ist der «Geist von Davos» wahrscheinlich aber eine Dreifaltigkeit aus Einheimischen, Gästen und dem Zusammenspiel von allen. Denn egal ob bei der Wirtschafts- oder Weltelite oder im lokalen Gewerbe, ohne Zusammenarbeit wird fast alles schwierig bis unmöglich. Sicherlich geistert er aber nicht wirklich in abgeschirmten Konferenzräumen umher, sondern dort, wo Menschen sich auf Augenhöhe begegnen – zwischen Brillen und Schnapsgläsern.

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