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Wie eine Seilbahn den Wintertourismus nach Sils brachte

Im Februar 1972 wurde die Seilbahn Furtschellas bei Sils eröffnet. Dank der Initiative von Gustav Maurer konnte das Projekt in nur drei Jahren umgesetzt werden. 

Südostschweiz
22.02.22 - 04:30 Uhr
Ereignisse

Nostalgisch ist es am vergangenen Samstag auf der Mittelstation Furtschellas zu und her gegangen. Mit Holzski, Lederschuhen und historischen Skitenues hat das 7. Silser Nostalgierennen stattgefunden – der perfekte Anlass, um gleich noch die Jubiläumsfeierlichkeiten durchzuführen. Vor 50 Jahren haben Pioniere die Furtschellas-Bahn gebaut – ein Meilenstein für Sils als Wintersportort. Im Restaurant «La Chüdera» erzählten Zeitzeugen von früher, Bilder wurden gezeigt und Geschichten geteilt. Immer wieder fiel der Name Gustav Maurer. Er ist der Gründer der Furtschellas-Bahn.

Im März 1969 war Maurer gemeinsam mit dem Hotelier und Skilehrer Arno Giovanoli aus Sils – dem Vater von Skilegende Dumeng Giovanoli – im Furtschellas-Gebiet mit den Ski unterwegs. «Es war ein Engadiner Bilderbuchtag, blauer Himmel, tolle Schneeverhältnisse», erinnert sich Maurer im Interview mit Radio Südostschweiz. Die beiden Herren sind die Hänge hinabgeschwungen und haben am Fuss des Chüdarun, dort wo heute die Bergstation steht, eine Rast eingelegt. «In meiner Begeisterung habe ich mein Unverständnis geäussert, dass zwölf Kilometer von St. Moritz ein so tolles Skigebiet nicht erschlossen ist», erzählt er. Giovanoli habe geantwortet, dass Bestrebungen dazu seit 30 Jahren im Sande verlaufen. «Und so habe ich entschieden: Das packe ich jetzt an», erzählt Maurer.

Eine gute Informationspolitik

Eine Orientierungsversammlung im Hotel «Waldhaus» wurde einberufen. «Ich habe dann festgestellt, dass die Silser diese Bahn tatsächlich wollen.» Zu diesem Zeitpunkt war Sils noch eine Sommerdestination, im Winter begann das Dorf mit zwei geöffneten Hotels erst zu leben. «Es war eine Zeit der Morgendämmerung», umschreibt Maurer die Stimmung in der Bevölkerung. «Die Idee, eine Bergbahn zu bauen, ist auf sehr guten Boden gestossen.» Hoteliers und Geschäftsleute hätten die Chance erkannt. Opposition gab es keine, nicht einmal von Umweltverbänden. Maurer führt dies auf die transparente Kommunikation sowie eine gute Argumentation zurück. Vom Präsidenten des Schweizerischen Alpenclubs bis zum Vorstand von Pro Fex hat Maurer alle direkt informiert. Durch sein Beziehungsnetz hat er auch die nötigen Geldgeber für das Projekt gefunden. Den Ankeraktionär hat Maurer im Tessin gefunden. Dann wurde die Furtschellas Bahn Projektierungs-AG mit einem Aktienkapital von 50 000 Franken gegründet. Im Verwaltungsrat hatten Vertreter der politischen und der Bürgergemeinde und des Verkehrsvereins von Sils Einsitz. «Das war strategisch ein sehr wichtiger Zug», so Maurer.

Richtig Gas gegeben

Die Finanzierung ist laut dem Gründer sehr einfach gelaufen. Es gab eine öffentliche Aktienemission. In einem Prospekt wurde Furtschellas als «das schönste Skigebiet zwischen Punt da Martina und Maloja» bezeichnet und sämtliche Prominenz der Region warb darin für das Projekt, sogar Ständeratspräsident Arno Theus. Innerhalb von nur 14 Tagen war das Aktienkapital von zehn Millionen Franken gezeichnet. Auch der Bau der Bahn verlief gut. «Wir haben richtig Gas gegeben», erzählt Maurer. Die erste Bahnfahrt im Februar 1972 hat er allerdings nicht einmal als besonders emotional empfunden, weil er bereits vorher bei einigen Probefahrten dabei gewesen war. Ausserdem verhinderte das Schneegestöber das Skifahren. «Was emotional gewaltig war, war dann der erste Billettverkauf.» Am ersten Betriebstag nach der Eröffnung stand Maurer morgens am Schalter und wartete auf Kunden. «Plötzlich habe ich mich gefragt: Kommt überhaupt jemand?» Eine Familie mit zwei halbwüchsigen Kindern sollte die Antwort mit dem Kauf der vier Tageskarten geben. Die Silser Schulkinder haben gegen ein Gedicht oder eine Zeichnung zu Furtschellas eine Saisonkarte erhalten. «Die sind mit der Saisonkarte nach Hause gegangen, als hätten sie eine Goldmedaille in der Abfahrt gewonnen.»

«Furtschellas ist mein Kind»

Im ersten Winter war erst der Rohbau der Furtschellas-Bahn fertiggestellt. Der Restaurantbetrieb fand in der Baubaracke statt. Maurer war Delegierter des Verwaltungsrats, bis die ganze Anlage fertiggestellt war. In den folgenden 50 Jahren ist viel passiert. Die Furtschellas-Bahn hat sich als Tourismusangebot im Oberengadin etabliert, in Sils gibt es im Winter keine geschlossenen Hotels mehr, die Silser Bevölkerung hat sich verdreifacht. Und der Zusammenschluss mit der Corvatsch-Bahn fand statt. Maurer blickt «mit Stolz, Freude und Genugtuung» auf das halbe Jahrhundert Furtschellas-Bahn zurück. Das Kapitel Furtschellas ist für ihn allerdings noch nicht abgeschlossen: Er möchte 100 000 Franken für den Bau eines Panoramawegs von der Bergstation in die Val Fex spenden. «Furtschellas ist mein Kind und ich will, dass es diesem Kind gut geht.»

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