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Bestatter schafft in der Region ein Novum für Tierfreunde

Bestatter schafft in der Region ein Novum für Tierfreunde

In Rapperswil-Jona steht neu der erste Tierfriedhof im Linthgebiet. Bei einer Waldlichtung können Tierliebhaber ihre Vierbeiner bestatten. Ein Friedhof im Wald? Das hat im Kanton Fragen aufgeworfen.

Fabio
Wyss
25.10.21 - 20:20 Uhr
Ereignisse
«Ein Ort der Stille»: Bei dieser Joner Waldlichtung von Bestatter Christian Büsser finden Tiere ihre letzte Ruhe – ausser Biker stören sie dabei.
BILD FABIO WYSS

Ein paar Sonnenstrahlen dringen durch das Herbstkleid der Bäume. Das Rascheln von Laub ist zu hören. Sonst nichts. «Ein Ort der Stille», bezeichnet Bestatter Christian Büsser die Waldlichtung im Joner Herrenhölzli. Vom Parkplatz des Cevi-Hauses führt ein schmaler Pfad gut 50 Meter zur Lichtung. Hier steht seit letzter Woche der erste Tierfriedhof der Region. Büsser hat dafür einen kleinen Teich angelegt und Holzbalken als Sitzgelegenheit aufgebaut. Wobei – die Balken dienen auch der Absperrung. «Ich will nicht, dass Biker die Ruhe stören», sagt er mit ernster Miene.

Denn fortan sollen hier alle möglichen Arten von Haustieren ruhen. Aiden und Rocky, eine Katze und ein Hund, liegen bereits da. Beziehungsweise ihre Asche. «Es gibt keine Erd- oder Urnenbeisetzung, sondern es ist ein Ort, an dem die Asche verteilt werden kann», erklärt Büsser. Um Aiden und Rocky zu gedenken, dient ein grosser Grabstein. Darauf angebracht sind Schilder, auf denen ihre Namen eingraviert sind. Weitere sollen folgen: «Es hat auf dem Stein fast unbegrenzt Platz für weitere Namenstäfelchen», sagt er. Ein zweiter Stein stünde bei Bedarf auch schon bereit.

Coronaeffekt bei Haustieren

Interesse sei da. Deshalb hat der 56-Jährige letzten Winter das Waldstück erworben. Seit 30 Jahren führt er in Jona einen Bestattungsdienst. «In letzter Zeit kam immer öfter die Frage auf, ob ich auch Tiere bestatte.» Corona und das dadurch gestiegene Bedürfnis nach Vierbeinern habe seinen Teil dazu beigetragen, sagt Büsser. «Tiere erhalten einen immer grösseren Stellenwert. Von daher verdienen sie auch einen Ort, wo man sich an sie erinnern kann – wie bei anderen Familienmitgliedern auch.»

Einsprache wegen Tierfriedhof

Allerdings brauchte Büsser etwas Geduld. Eine Einsprache verzögerte den Bewilligungsprozess bei der Stadt Rapperswil-Jona. Gemäss Bauverwaltung waren die Bedenken gegenüber dem Tierfriedhof vielfältig: Möglicherweise kontaminierte Asche, die Erschliessungsfrage und der Standort Wald per se warfen Fragen auf. Darum wurde eine Vorprüfung mit den kantonalen Stellen durchgeführt.

Gleich vier Ämter prüften das Vorhaben, wie Jakob Ruckstuhl vom St. Galler Baudepartement auf Anfrage sagt. «Gebaut wird eigentlich nichts, denn die Asche darf jeweils nicht mit dem Urnenbehälter vergraben werden, nur lose», sagt der Leiter der Abteilung Bauen ausserhalb Bauzonen. Dennoch brauchte es Abklärungen. «Ist das Waldstück für einen Friedwald geeignet und stehen keine überwiegenden öffentlichen Interessen entgegen, wird in der Regel die Zustimmung erteilt.» Öffentliche Interessen wären etwa betroffene Schongebiete oder Gewässerräume, aber auch ein Kinderspielplatz in der Nähe.

Erst der zweite im Kanton

Monatelang dauerte es, bis St. Gallen grünes Licht gab. Büsser zeigt Verständnis: «Acht Monate nachdem ich das Waldstück kaufte, steht nun der Tierfriedhof. Das ist gar nicht mal so lange für etwas Neues.» So ganz neu ist ein Waldfriedhof indes für den Kanton nicht. 2008 nahm die Gemeinde Degersheim ebenfalls einen solchen in Betrieb. Gemäss Baugesuchsunterlagen dient der grössere Teil des Friedhofs der Asche von verstorbenen Menschen. Der Platz für Tiere liegt knapp 100 Meter davon entfernt.

«Ob der Tierfriedhof dann in Betrieb genommen wurde oder noch in Betrieb ist, entzieht sich meiner Kenntnis», sagt Ruckstuhl vom Kanton. Weder eine Internetrecherche noch eine Anfrage bei der Gemeinde Degersheim schafften Klarheit, ob es dieses Angebot gibt oder nicht. Gewiss ist: Tierfriedhöfe sind selten. Viel Konkurrenz hat Büsser nicht.

Der Bestatter gedenkt mittels Internetauftritt auf seinen Friedhof aufmerksam zu machen. Ein Platz auf dem Grabstein kostet für fünf Jahre 500 Franken, für zehn 950 Franken. «Wie viele das Angebot wahrnehmen, werden wir dann sehen. Aber es ist wichtig, dass es überhaupt etwas gibt», sagt Büsser, der im Einzugsgebiet von Rapperswil-Jona von keinem anderen Tierfriedhof weiss.

In der Stadt Zürich können neu Tiere im Gemeinschaftsgrab erdbestattet werden (siehe Box). Das bietet der Joner Waldfriedhof nicht an. Dafür liegen hier fernab von Strassenlärm morgens oft Nebelschwaden. Mit dem Lichtspiel des Sonnenaufgangs ergeben sich «mystische» Momente, wie sie Büsser beschreibt. Sie sollen des Menschen bestem Freund helfen, seine letzte Ruhe zu finden.

Das eigene Grab mit dem Haustier teilen
Nach der Jahrtausendwende haben erste Zeitungen angefangen, Todesanzeigen für Haustiere zu publizieren.
Nun gibt es einen neuen Trend: Tierfriedhöfe. Bis anhin war es üblich, tote Tiere in der Kadaverstelle zu entsorgen. Aktuell werden dagegen in der Deutschschweiz mehrere Hundert Tiere wöchentlich kremiert. Seit genau einem Monat können in Zürich Mensch und Tier im gleichen Grab bestattet werden. Auf dem Friedhof Nordheim – zwischen Affoltern und Unterstrass – gibt es 120 solche Mietgräber. Neben Herrchen oder Frauchen hat es Platz für bis zu drei Tiere pro Grab. Diese liegen örtlich abgetrennt von den üblichen Gräbern. Es ist der erste Friedhof im Stadtgebiet, der das ermöglicht. Der erste Friedhof, der schweizweit ein solches Angebot schaffte, liegt im Kanton Baselland. Auch der letzten Herbst verstorbene Hellseher Mike Shiva ruht dort neben seinen Hunden Wanchai und Chocolat. (wyf)

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Ganz so neu ist die Idee nicht. Die tierwald.ch betreibt seit rund zwei Jahren zwei Tierwald Friedhöfe in Erlenbach Kittenmühle und in Fällanden Pfaffhausen. Bei tierwald.ch darf die Asche auch bei den Wurzeln des Baumes in die Erde gebracht werden. Der Baum nimmt die Asche auf und das Haustier wird wieder in den Kreislauf der Natur zurück geführt.

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