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Berufsschüler wollen heim – teils wird gar gestreikt

Berufsschüler wollen heim – teils wird gar gestreikt

Die Berufsschüler und -schülerinnen in Rapperswil-Jona wollen wieder Fernunterricht. An anderen Schulen im Kanton wird gar dafür gestreikt. Der Kanton dürfte bald entscheiden. Einfach wird das nicht.

Fabio
Wyss
vor 1 Monat in
Ereignisse
Egal, wen man fragt: Die Schüler des BWZ Rapperswil-Jona können nicht verstehen, dass sie wieder vor Ort unterrichtet werden.
BILD FABIO WYSS

Sie ziehen seit dieser Woche wieder durch die Altstadt: die Berufsschüler vom Berufs- und Weiterbildungszentrum Rapperswil-Jona (BWZ). Unfreiwillig. Egal, wen man fragt – die Meinungen sind gemacht. Ein «Witz» sei der Präsenzunterricht, sagen viele Schülerinnen und Schüler. Der Ernetschwiler KV-Lehrling Lario erklärt: «Im Betrieb gelten strenge Massnahmen – Einzelbüros und Homeoffice. An der Schule sitzen 25 Schüler in einem Raum. Wenn einer davon den Käfer hat, ist klar, was passiert.» BWZ-Rektor Werner Roggenkemper zeigt Verständnis für die Irritationen unter den Schülern. «Es ist für sie schwierig nachvollziehbar, dass die Schulen aufgehen, während alles andere zugeht.»

Unfreiwillig schlechtes Timing

Das Timing ist mehr als unglücklich. Der Kanton St. Gallen startete das Jahr auf der Sekundarstufe II im Fernunterricht. Eine Vorsichtsmassnahme; die Kantonsregierung befürchtete über die Festtage einen Anstieg an Corona-Infektionen. Schon länger war geplant, dass die Gewerbe- und Kantonsschulen auf diesen Montag hin in den Präsenzbetrieb zurückkehren. Just an diesem Tag führte der Bundesrat wegen der Virusmutation den Teil-Lockdown ein – mitsamt Homeoffice-Pflicht.

Seitdem hagelt es im Kanton Kritik am Präsenzunterricht. Der Andwiler CVP-Kantonsrat und Berufsschullehrer Peter Boppart reichte eine einfache Anfrage ein: «Selbst wenn die Zahlen im Moment rückläufig seien, widerspreche dies der Sorgfaltspflicht gegenüber Lehrpersonen, Lernenden und auch gegenüber Unternehmen.»

Die Regierung antwortete in Rekordzeit. Am Dienstag – fünf Tage nach dem Vorstoss – begründete sie die Wiederaufnahme mit den sinkenden Fallzahlen. Zudem befänden sich alle anderen Kantone auch wieder im Präsenzunterricht. Würde der Bundesrat Fernunterricht einführen, würde man sich dem nicht widersetzen, hiess es aus St. Gallen. Der Bundesrat verzichtete darauf, teilte aber am Mittwoch mit, die Kompetenz für Schulschliessungen liege bei den Kantonen. Aargau oder Solothurn beschlossen nun bereits wieder Fernunterricht.

Der Druck auf die St. Galler Regierung nimmt weiter zu. So streiken beispielsweise Kantons- und Berufsschüler in der Kantonshauptstadt. Nicht aber beim BWZ in Rapperswil‑Jona. Trotzdem wollen die Schüler auch hier nach Hause. Sie sind in den letzten Wochen auf den Geschmack gekommen. «Ich war effizienter», sagt Tizian. «Ich sehe keine Nachteile», fügt Simone an.

Notenschnitt sank teils drastisch

Auch Rektor Roggenkemper sagt, dass der Fernunterricht im Grundsatz funktioniert: «Gerade bei guten Schülern geht das ohne grössere Probleme. Aber die Schwächeren verlieren, das schleckt keine Geiss weg.» Er belegt das mit einer BWZ-Umfrage, welche nach der ersten Welle durchgeführt wurde. Bei einer Berufsmaturitätsklasse sank der Notenschnitt während der längeren Fernunterrichtphase im Frühling um fast eine Note auf eine 3,5. «Ich bin darum froh, dass wir gewisse Schüler vor Ort unterrichten können», sagt der BWZ-Rektor.

Für ihn ist klar: «Es liegt keine Schwarz-Weiss-Lösung parat – nur eine graue.» So hätte er gerne zum Beispiel Klassen, welche Brückenangebote absolvieren, im Präsenzunterricht. Bei anderen wiederum würde es auch im Fernunterricht gehen. Diese Entscheidungskompetenz fehlt Rektor Roggenkemper aber. «Entweder ist Distanz-unterricht oder Präsenzunterricht.» Einen Mittelweg hält er aber für gangbar. Also zum Beispiel Distanzunterricht mit Ausnahmen. Rektoren können über diese entscheiden. Roggenkemper weiss aber, dass auch sein Vorschlag Nachteile nach sich zieht. Das führe dazu, dass einzelne Betriebe Lernende in der Schule und andere im Distanzunterricht hätten, sagt er, der seit bald 18 Jahren beim BWZ tätig ist.

Ein Blick über die Kantonsgrenzen zeigt: Die von Roggenkemper propagierte Lösung gibt es so nicht. Es gibt nur entweder oder: Unweit vom BWZ bleiben die Pforten des Bildungszentrums Zürichsee in Horgen und Stäfa komplett zu. Andere Zürcher Gewerbe- und Kantonsschulen wiederum unterrichten alle Klassen vor Ort. Die Zürcher Bildungsdirektorin und oberste Schweizer Erziehungsdirektorin Silvia Steiner plädierte heute im «Tages-Anzeiger» dafür, dass es «lokale Lösungen für lokale Problemstellungen» brauche.

Das würde dem BWZ helfen. Schon länger platzt es aus seinen Nähten. Weil die Restaurants geschlossen sind, müssen die Schüler im Klassenzimmer essen – zu klein ist die Aula. «Wir versuchen unser Bestes. Die Mauern des BWZ-Gebäudes werden wir aber nicht verschieben können», sagt Roggenkemper (siehe auch Interview unten). Diese Problematik dürfte sich mit schlechtem Wetter noch akzentuieren. In der ersten Woche Präsenzunterricht blieb es trocken. Die hart gesottenen Schüler konnten sich so trotz winterlicher Temperaturen draussen verpflegen.

Gewerkschaft fordert Fernunterricht

Was auch immer das Wetter macht, dunkle Wolken für die St. Galler Regierung ziehen derzeit von allen Seiten auf. Das Festhalten am Präsenzunterricht stört etwa die Gewerkschaft VPOD, welche öffentliche Berufe wie jene der Lehrer vertritt. Sie forderte gestern den Kanton auf, den Fernunterricht auf der Sekundarstufe II wieder einzuführen: «Das Risiko, das die Lehrpersonen im Präsenzunterricht eingehen müssen, ist erheblich. Corona-Spätfolgen treten bei allen Volksgruppen, auch bei jüngeren auf.» Die Regierung kommuniziert heute Freitag über das weitere Vorgehen.

Kanti-Rektor will "Corona-Generation" verhindern

Schülerstreiks gibt es an der Kantonsschule Wattwil nicht. Rektor Martin Gauer lobt seine Schüler für den «reflektierten Umgang mit der aktuellen Situation». Wirklich Verständnis für die Rückkehr aus dem Fernunterricht zeigen diese aber nicht.
Seit dieser Woche pendelt Kantonsschüler Donat aus Rapperswil‑Jona wieder täglich nach Wattwil. «Wir kommen aus einem riesigen Einzugsgebiet zusammen. Die Schutzkonzepte funktionieren nur in der Theorie.» Es sei eine Frage der Zeit, bis das Virus in die Familien gebracht werde, welche jetzt im Homeoffice arbeiten. Laut dem 18-Jährigen sind alle seine Kollegen ähnlich kritisch gegenüber dem Unterricht vor Ort eingestellt.
Auch Donats Klassenkollege Elias kann nicht verstehen, dass sie die ganze Woche schon wieder Präsenzunterricht haben. Denn der Semesterstart im Fernunterricht sei sehr gut verlaufen – auch bei den Prüfungen. Die Lehrerschaft scheint diesbezüglich ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Der 18-Jährige meint: «Bei den Lehrpersonen im Bereich der Digitalisierung ist durch den Fernunterricht ein grosser Fortschrittswille entflammt.» Alle Lehrer hätten die Möglichkeiten erkannt und ergriffen.
Der Rektor der Kantonsschule, Martin Gauer, bestätigt: «Grundsätzlich können die Mittelschulen Fernunterricht mit bedeutend weniger potenziellen Kollateralschäden bewerkstelligen als die Volksschule.» Er ortet aber Hindernisse. Wenn die Eltern ebenfalls noch im Homeoffice seien, könne der Raum zu Hause rasch eng werden. «Die Schere zwischen Schülern, die ein solches Setting problemlos meistern, und solchen, die damit nicht über längere Zeit klarkommen, geht spürbar auf», so Gauer.
Kanti-Schüler Elias wiederum erachtet die aktuelle Situation als ungerecht. Es gebe die gesundheitlich vorbelasteten Schüler, welche zu Hause blieben aus Vorsicht. «Sie haben einen grossen Nachteil, wenn die Klasse im Präsenzunterricht ist, da es für die Lehrer unrealisierbar ist, Fern- und Präsenzunterricht gleichzeitig zu erteilen.»
Rektor Gauer entgegnet: «Das sind auf die ganze Schule gesehen ganz wenige Einzelfälle. Aufgrund der kleinen Zahl können sich Lehrpersonen und Klassenkameraden relativ gut um solche Mitschüler kümmern.» Im Fernunterricht werde das wegen der viel höheren Anzahl betroffener Schüler aber ungleich schwieriger.
Der Kanti-Rektor sagt das vor allem hinsichtlich der Abschlussklassen, die im Sommer zur Matura antreten. «Diese Klassen müssen sich vernünftig auf die Prüfungen vorbereiten. Eine Generation Corona mit Abschlusszeugnissen, die den üblichen Ansprüchen nicht genügen, wollen wir unbedingt vermeiden», sagt Gauer. Für ihn ist klar: Lernen funktioniere am besten, wenn man von und mit anderen lerne, vor allem über längere Zeiträume. (wyf)

Interview mit Werner Roggenkemper, Rektor 
BWZ 
Rapperswil-Jona

"Wir wollten sie wirklich mit ins Boot holen"

Wie haben Sie die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts empfunden?
Wir haben unsere Schüler vorab informiert und zur Vorsicht aufgefordert: Nicht nur im Unterricht, auch während des Wegs zur Schule oder in der Pause soll der Abstand gewahrt werden. Wir wollten sie wirklich mit ins Boot holen. Präsenzunterricht geht nur, wenn alle Abstand halten und Masken tragen. Wir sind da strikt: Wenn ein Schüler oder eine Schülerin die Maske nicht richtig trägt, gibt es eine Verwarnung, bei einer zweiten werden Fehlbare nach Hause geschickt. Wir haben keine andere Wahl wegen des mutierten Virus.
Das mit dem «ins Boot holen» misslang. Der Widerstand ist gross.
Ich kriegte Mails von Eltern, Klassensprechern, Schülern, Lehrbetrieben. Letzten Freitag habe ich bis um 23 Uhr die rund 20 bis 25 Mails beantwortet. Das Amt für Berufsbildung wurde stärker bombardiert. Ich habe mich grundsätzlich über jedes Mail gefreut. Es zeigte: Die Klassensprecher nahmen ihre Bürgerpflichten wahr. Einzelne schrieben detailliert auf, wer in der Klasse dem Präsenzunterricht kritisch gegenübersteht. Klar wurde: Nur einzelne befürworteten den Unterricht vor Ort.
Fällt die Kritik für Sie genügend differenziert aus?
Wir sind in einem Spannungsfeld. Es gibt viele verschiedene Meinungen zum Thema – auch bei der Taskforce des Bundes. Es muss überlegt werden, was die Situation für schwächere Schüler bedeutet. Gleichzeitig sind die Lernenden von den Schliessungen betroffen. Während der Mittagspause erlaubten wir darum, dass sie sich im Schulzimmer verpflegen können. Aber auch dort immer mit Abstand. Wir versuchen unser Bestes. Die Mauern des BWZ-Gebäudes werden wir aber nicht verschieben können. (wyf)

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