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Die Solidaritätswelle erfasst See-Gaster

Privatpersonen und Gewerbetreibende im Linthgebiet versuchen aus der «ausserordentlichen Lage» das Beste zu machen. Mieten werden erlassen, Lieferdienste ins Leben gerufen und solidarische Organisationen gegründet.

Fabio
Wyss
Mittwoch, 18. März 2020, 08:21 Uhr Hoffnung in schwierigen Zeiten
Verteilaktion: Das «Kaffee Klatsch» am Rapperswiler Hauptplatz um Geschäftsführerin Viviana Cappiello (2.v.l.) geben nicht mehr verwertbare Lebensmittel gratis heraus – anstatt sie zu entsorgen.
PASCAL BÜSSER

Es ist eine alte Weisheit: Nach dem Chaos kommt die Ordnung. Das passiert derzeit überall in der Region. So zum Beispiel in der erst seit wenigen Monaten eröffneten «Werki-Bar» auf dem alten Zeughausareal in Rapperswil-Jona. Die Verantwortlichen schlossen ihren Betrieb als eines der ersten Lokale in der Region. «Wir hatten die Situation letzten Freitag überhaupt nicht im Griff», gibt Nik Heer zu.

Alkoholisierte Gäste tranken aus ein und demselben Bierkrug; die Beschränkung auf 50 Personen stiess bei den unterschiedlichsten Bevölkerungskreisen auf Unverständnis. Auf die mangelnde Sensibilität für die Situation reagierte die Bar mit der umgehenden Schliessung - obschon am Samstag noch ein ertragreicher Abend gewinkt hätte. Überschüssige Waren verschenkten die Barbetreiber – und weitere Pläne existieren: zum Beispiel ein Lieferdienst für Craft-Bier oder Bagels. «Untätig bleiben wir sicher nicht», sagt Heer.

Gratis-Lieferdienst organisiert

Solche Pläne umgesetzt hat bereits die Metzgerei Jud in Benken. Sie liefert Fleischwaren und Mittagessen in die umliegenden Gemeinden – kostenlos. Der Profit sei nicht mal zweitrangig, sagt Inhaber Nik Jud: «Es geht jetzt darum, dass die ältere Generation und andere Betroffene versorgt werden.» Die Mitarbeiter könnten überdies beschäftigt bleiben.

Der Benkner Metzger Nik Jud stellt kurzfristig einen Gratis-Lieferservice auf die Beine.
MARKUS TIMO RÜEGG

An die ältere Generation dachten auch die Betreiber des «Kaffee Klatsch» am Hauptplatz in Rapperswil. Geschäftsführerin Viviana Cappiello wollte die Backwaren und Lebensmittel, die wegen der verordneten Schliessung hätten weggeschmissen werden müssen, einem Altersheim oder dem Spital spenden. «Doch war dies wegen den strengen Hygienevorschriften in den umliegenden Institutionen nicht möglich», sagt Cappiello. Weshalb das Team gestern die Kuchen und anderen Leckereien draussen auf dem Hauptplatz an einer improvisierten Theke an interessierte Schleckmäuler verteilte. Natürlich ebenfalls gratis. Für die bis zu 15 Mitarbeitenden sieht die nahe Zukunft weniger süss aus. Für sie muss Kurzarbeit beantragt werden.

Reges Interesse bei der «Waldegg»

Beim Restaurant «Waldegg» am Ricken sah das gestern Vormittag ganz anders aus: Auf die Schliessung der Restaurants reagierten die Betreiber mit einer Verteilaktion. Überschüssige Lebensmittel wurden herausgegeben. Rund 80 Leute kreuzten auf. Sie durften selber wählen, was für einen Betrag sie dem Restaurant dafür spenden wollten.

Um möglichst nahe Kontakte zu vermeiden, fand die Aktion auf dem Parkplatz statt. Vom Andrang sei man fast etwas überrumpelt worden, lässt das Restaurant ausrichten. Das Interesse an solchen Verteilaktionen steht im krassen Gegensatz zu der Beobachtung von Sabine Leu. Sie koordiniert Einkäufe im Joner Quartier Spitzenwies: «Ich glaube, die ältere Generation erledigt die Einkäufe gerne noch selber. Es scheint, als wäre noch nicht allen klar, welchem Risiko sie sich dabei aussetzen.»

Grosse Nachfrage: Rund 80 Personen decken sich auf dem Parkplatz beim Restaurant «Waldegg» mit Lebensmitteln ein, die der Betrieb nicht mehr benötigt.
MARKUS TIMO RÜEGG

Neben der überschaubaren Anzahl gefährdeter Personen, die Hilfe in Anspruch nehmen wollen, stellt Leu noch etwas anderes fest: «Es fehlt an einem einheitlichen Kanal, wo die Möglichkeiten aufgeschaltet werden.» Ein solcher Kanal betreibt der Zivilschutz. Unter dieser Adresse bietet er seine Dienste an: www.zso-zuerichseelinth.ch/helfen

Ebenfalls neu gegründet wurde am Samstag die Facebook-Seite: Corona – Wir helfen im Linthgebiet. Über 300 Mitglieder folgen dieser Seite. Gründer Silas Trachsel kam auf die Idee, weil er privat betroffen ist: Seine Stiefmutter arbeitet in der Pflege und müsste gleichzeitig noch ein schulpflichtiges Kind betreuen. In anderen Regionen habe es solche Seiten bereits gegeben, deswegen fand der 27-Jährige: «Das müssen wir im Linthgebiet auch haben.»

Auf der Facebook-Seite werden offene Fragen geklärt, Gewerbetreibende machen auf ihre Angebote in der Krisenzeit aufmerksam, aber auch Probleme mit der Betreuung von Schulkindern werden gelöst. Eine daraus entstandene Lösung findet Trachsel besonders erwähnenswert: Für ein Kind, das einer Risikogruppe angehört, holen nun Facebook-User beim Kinderspital Zürich Medikamente ab. Die Eltern können dies nicht mehr erledigen, da sie zu Hause bleiben und ihr Kind so schützen müssen.

Es gibt aber auch in der Gruppe weit mehr Personen, die Hilfe anbieten, als solche, die sie in Anspruch nehmen. «Vielleicht trauen sich nicht alle, ihre Bedürfnisse zu melden, oder sie sind auf sonstige Weise vernetzt», sagt Trachsel. Damit sich Bedürftige nicht der Öffentlichkeit aussetzen müssen, richtete er folgende Email-Adresse ein: corona.hilfe.linthgebiet@gmail.com.

Mieterlass geht viral

Die Solidarität der Privaten und des Gewerbes kennt fast keine Grenzen. So erlässt der Eschenbacher Ivo Kuster seiner Mieterin die Kosten für ihr Kosmetikstudio. Dieses bleibt wegen der vom Bund verhängten «ausserordentliche Lage» bis auf Weiteres geschlossen. Kuster ruft auf Facebook andere Vermieter ebenfalls dazu auf, in solchen Situationen Mieten zu erlassen. «Nach all den Jahren des Nehmens wär jetzt Geben angesagt», schreibt der SP-Politiker. Sein Aufruf geht viral: Über 4500 Nutzer teilten Stand gestern Abend seinen Beitrag.

Spital Linth sucht Studierende
Um dem drohenden Anstieg an Patienten gerecht zu werden, ist das Spital Linth in Uznach auf der Suche nach Studierenden. Einsätze können auf Abruf oder ab sofort vereinbart werden. Zu den Aufgaben gehören sowohl einfache klinische und pflegerische Tätigkeiten als auch administrative, logistische oder organisatorische Arbeiten. Neben studierten Humanmedizinern braucht das Spital auch Arbeitskräfte mit Bachelor-Abschluss in anderen Studienrichtungen. Die Suche sei bereits überraschend gut angelaufen, wie es auf Anfrage beim Spital Linth hiess. (wyf)

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