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In Kanada ein Zuhause aufgebaut

In Kanada ein Zuhause aufgebaut

Noch vor seinem 30. Geburtstag hat Pius Züger Kaltbrunner Boden und Tiere gegen die Weiten Kanadas eingetauscht. Einen Schritt, den er in den letzten knapp drei Jahrzehnten nie bereut hat. Eine landwirtschaftliche «Fernsicht».

Milena
Caderas
09.07.17 - 12:00 Uhr
Ereignisse
Pius Züger.
MARKUS TIMO RÜEGG

«Was, den Pius Züger wollen Sie sprechen?», sagt der ergraute Mann im Edelweiss-bestickten dunklen Hemd. «Der ist zurück nach Kanada gereist. Vor fünf Minuten ist er abgefahren.» Auf die Frage der Journalistin, ob er sie jetzt gerade hinters Licht führt, bleibt Pius Züger im Hauseingang todernst. «Das ist jetzt saudumm gelaufen. Der Pius ist jetzt wirklich gerade gegangen.» Letzten Endes muss der Landwirt aber doch noch loslachen, stellt sich als Pius vor und bittet die Besucherin fröhlich ins Haus. Zum 90. Geburtstag seiner Mutter ist er bei seinen Eltern im Linthgebiet zu Besuch.

Aufgewachsen ist der Landwirt auf einem Hof in Fischhausen, nahe der Ortsgrenze zwischen Kaltbrunn und Uznach. Zur Familie gehören zehn Kinder, sechs Buben und vier Mädchen. Pius wurde 1961 als Sechster geboren.

Zu ihren besten Zeiten versorgten die Zügers mehrere Hundert Stück Vieh, knapp die Hälfte davon Kühe, die andere Hälfte Jung-Vieh. Das viele Vieh machte die Mitarbeit von zwei Angestellten nötig.

Im Sommer bewirtschaftete die Familie drei Alpen. Der älteste Bruder käste. Pius’ Hauptaufgabe war das Heuen. Darum blieb er auch über die Sommermonate meist im Elternhaus zu Hause. Mühe bereitete ihm das Einbringen des trockenen Grases keine. «Ich habe viel lieber geheut, als dass ich zur Schule gegangen bin», erinnert er sich. Überhaupt hatte er keinen so guten Start im Schulsystem. «In Uznach haben sie mich für zu verspielt gehalten, und wollten mich erst ein Jahr später einschulen.». Die obligatorische Schule absolvierte er darum in Kaltbrunn.

Nicht alles an der Schule sei schlecht gewesen. Gerechnet habe er ganz gerne. Seine Sprachenlehrerin habe ihm übrigens geraten, Fremdsprachen zu lernen – allerdings ohne nachhaltigen Erfolg, bis er durch seine Auswanderung dazu gezwungen wurde.

Mit dem Heranwachsen gewann dann der Ausgang an Bedeutung. In Jugendjahren wurde an den Wochenenden regelmässig im «Rössli» in Uznach gefeiert. Tolle, fröhliche Feste mit viel Tanz und Fendant seien das gewesen, entsinnt sich Züger. «Schöne Zeiten waren das.»

Alles auf Neubeginn

Seit 1989 lebt Züger in Kanada. Damals hatte er eine schwierige Scheidung hinter sich und wollte mit seiner zweiten Ehefrau neu durchstarten. Es ging Schlag auf Schlag: im Januar die Scheidung, im Februar die Hochzeit und am 18. März die Ausreise. Der Kontakt zu den beiden Kindern brach ab. Für Züger keine leichte Erfahrung. «Ich bin froh, dass wir heute, wo die Kinder erwachsen sind, miteinander umgehen können», sagt er.

Ausserdem machte ihm der Neid unter den hiesigen Bauern schwer zu schaffen. Und der junge Pius Züger hatte noch so einiges vor. Von Eifersucht wollte er sich dabei bestimmt nicht ausbremsen lassen.

Sein neues Zuhause wurde die Farm in Marieville, etwa anderthalb Fahrstunden nördlich von Montréal gelegen. «Quebec allein ist 37 Mal grösser als die Schweiz», gerät er ins Schwärmen. Vermittelt hatte ihm das neue Zuhause Toni Späni aus Benken. «Als ich das Land zum ersten Mal sah, wusste ich sofort als wir um die Kurve kamen: Das ist meins», so Züger. Die Gegend müsse einem auf Anhieb gefallen. Gebäude könne man immer noch verändern.

In Kanada wartete viel Neues auf den jungen Kaltbrunner – etwa der Ackerbau. Er pflanzte Mais und Sojabohnen an. Säen, spritzen, ernten: Pius Züger hatte das noch nie zuvor gemacht. «Meine Devise ist immer gewesen: ‘lerne und luege’», sagt Züger. Er wollte einfach lernen und immer besser werden. Viel geholfen hat ihm dabei Ruedi Zimmermann, ein wenige Jahre früher nach Marieville ausgewanderter Schweizer Bauer.

Wirrungen und Entwicklungen

Bei der Ankunft umfasste die Farm eine Fläche von 142 Hektar, auf der sich Züger vom allerersten Moment an zu Hause fühlte. Mittlerweile bewirtschaftet er eine Fläche von knapp 250 Hektar. In den knapp 30 Jahren hat er immer wieder Land dazu gekauft, das Wohnhaus abgerissen und neu aufgebaut, einen Stall erbaut und zwei Silos errichtet. Das grösste der Silos ist über 30 Meter hoch. Es befindet sich sogar ein Lift darin.

Zurückschauen kann er mit Stolz. Auch in Sprachfragen hat der St. Galler Fortschritte gemacht. Mit der Zeit lernte er Französisch. «Mit den Kindern rede ich aber Deutsch», so Züger. In Kanada sei man aber immer auch aufs Englische angewiesen.

Marieville hat eine bemerkenswerte Entwicklung durchlebt. Bei seiner Ankunft lebten in Marieville nicht einmal 5000 Personen. Heute zahlt das Städtchen über 12 000 Einwohner. Nach Montréal zieht es Züger höchstens, wenn er zum Flughafen muss.

Privat lief es in Kanada richtig gut. Mit Gabriella Peier, seiner Schweizer Ehefrau, hatte Pius wertvolle Unterstützung gefunden. Die beiden haben vier gemeinsame Kinder. Sie brachte einen Sohn mit in die Ehe, für den Pius zur Vaterfigur wurde. Gabriella übernimmt die gesamte Buchhaltung – bis auf den Jahresabschluss, erzählt Züger stolz.

Nein, Heimweh habe er nie gehabt, meint der Landwirt. «Nicht eine Sekunde.» Und doch gibt es zwei Dinge, die ihm in Kanada, diesem grossen Land, manchmal fehlen. «Eine weisse Bergsilhouette im Hintergrund wäre schon schön», sagt Züger. Genau wie: So richtig «gäch» mit dem Traktor über die Hügel zu brettern. «Wenn ich heute zum Beispiel wieder 17 wäre, ich würde wieder gehen», sagt er trotzdem und zeigt dabei im Fotoalbum Bilder, wie der Container vor dem elterlichen Hof für den Übersee-Transport bereitsteht.

Das Nervensystem streikt

Sein arbeitsreiches Leben lang hat er seinem Körper viel abverlangt. Pius Züger leidet heute an MS und kann seit 2013 nicht mehr im Betrieb mithelfen. Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems und kann schwere Beeinträchtigungen hervorrufen. Die Krankheit ist nicht heilbar. Züger fällt das Gehen heute zwar schwer, davon abhalten lässt er sich aber nicht. Zwei seiner Söhne haben die Verantwortung in Marieville übernommen. Verzweifeln liegt ihm fern. «Ich habe so viel Glück gehabt in meinem Leben», sagt er. Ausserdem hat er von einer neuen Therapie in Russland gehört.

Über Distanzen hinweg

Neben Pius lebt ein weiterer Sohn der Familie Züger in Kanada: Alois. Er ist allerdings nicht in der Landwirtschaft tätig und lebt an die fünf Fahrstunden von Pius entfernt.

Schweizer Aktualität lässt den Kaltbrunner ziemlich kalt. Mit zwei Ausnahmen. Ein Auge hat der Bauer immer auf die Landwirtschaftspolitik gerichtet. Nicht ohne zu schmunzeln, weist er bei dieser Gelegenheit auf die Entwicklung des Milchpreises hin. Als er nach Kanada auswanderte, bekam ein kanadischer Bauer gerade mal 42 Rappen für einen Liter Milch. In der Schweiz gab es damals einen Franken. Heute liegt der Preis in Kanada bei 75 Rappen, hierzulande nur noch bei 65 Rappen oder weniger.

Sonst interessiert ihn aus der Heimat vor allem die Verbindungsstrasse A53 Gaster. Würde die Umfahrung nach alten Plänen realisiert, hätten Haus und Hof seiner Familie weichen müssen. «In Kanada gibt es Strassen unter dem Lorenz-Strom hindurch», meint Züger. Da müsste es doch auch für diese Verbindungsstrassen andere Lösungen geben. Inzwischen wurde eine neue Variante präsentiert, die Haus und Hof der Zügers nicht mehr tangieren würde (die «Südostschweiz» berichtete)

Einen kanadischen Pass hat er übrigens nicht. Warum auch? Die grosse Weltpolitik kümmert Züger wenig. Und doch kommt er am elterlichen Küchentisch auf den neuen amerikanischen Präsidenten zu sprechen. «Wenn ich Gerüchte höre, dass Trump nicht nur gegen Mexiko, sondern auch gegen Kanada eine Mauer bauen will, dann frage ich mich schon, was das soll», so der Auswanderer. Kanada und Amerika seien doch aufeinander angewiesen. «Ich habe einfach Angst, dass es zu einem grossen ‘Chlapf’ kommt», schliesst der seine geopolitische Analyse.

Länger als geplant bleibt er in der Schweiz bei seiner Familie. Dem Internet oder Smartphones verwehrt er sich. Aber bei seinen Eltern ruft er sonst jede Woche an. Meistens morgens früh um 6.30 Uhr. Dann ist es in Kaltbrunn bereits Mittag und die Mittagssonne scheint auf die vielen Bilder der kanadischen Farm von Pius Züger, die im Elternhaus an den Holzwänden hängen.

Fernsicht
In der Serie «Fernsicht» porträtiert die «Südostschweiz am Wochenende» in loser Folge Menschen, die ihre Heimat, das Linthgebiet, verlassen haben und heute im Ausland oder anderen Landesgegenden der Schweiz leben. Das können bekannte oder anderweitig interessante Personen sein, die in der Region aufgewachsen sind.

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