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Alte weisse Männer, die sich an Schneeflocken stören

David
Eichler
16.02.22 - 16:30 Uhr
Nicht unbedingt beste Freunde: Alte, weisse Männer und Schneeflocken.
Nicht unbedingt beste Freunde: Alte, weisse Männer und Schneeflocken.
Bild Pixabay

«OK Boomer» versus «Wa hesch denn du scho erlebt du huere Banane?» Im Blog «Zillennials» beleuchten die Vertreterin der Generation Z, Nicole Nett, und der Millennial David Eichler in loser Folge aktuelle Themen. Im Idealfall sorgen die beiden damit für mehr Verständnis zwischen den Generationen. Minimal hoffen sie, für etwas Unterhaltung, Denkanstösse und den einen oder anderen Lacher zu sorgen.

Durch Reibung entsteht Wärme. So weit so akzeptiert. Ein physikalischer Sachverhalt, der bisher nicht widerlegt wurde und daher allgemein als Fakt gilt. Entfernen wir uns von der Physik und betrachten die Aussage als Metapher für unsern Umgang mit anderen Generationen als der Eigenen, tun sich viele weitere Aspekte auf.

Ich bin Anfang 40, männlich, heterosexuell und die ersten weissen Haare tauchen auf. Ich bin also auf dem besten Weg dazu, ein weisser alter Mann zu werden.

Die Verbindung dieser drei Attribute wird gerne hinzugezogen, wenn es darum geht, bildlich zusammenzufassen, was in vielen Bereichen unserer Welt falsch läuft: Rassismus, Sexismus und Unterdrückung. Entstanden ist das negativ konnotierte Bild des Triumvirates «alt, weiss, männlich» Anfang der 90er, wie die NZZ in einem Artikel von Anfang Januar beschrieb. Damals sei es mitunter darum gegangen, dass «weisse alte Männer» bestimmen wollten, was in Rap-Texten vorkommen dürfe und was nicht. Das Narrativ des weissen alten Mannes als Symbol für Unterdrückung und Machtausübung hat seither an Relevanz und Brisanz gewonnen. Ich habe mich schon dabei erwischt, mich über dieses verallgemeinernde Bild aufzuregen. Man sollte sich aber nicht persönlich angegriffen fühlen, sondern erkennen, dass das Bild als Symbol für patriarchalische Unfairness und Fehlverhalten steht

Die Klimabewegung hat ein jugendliches Gesicht. Sie kritisiert und stellt an den Pranger. Ihre Vorwürfe formuliert sie oft so, dass es vermeintlich keinen Boden für Diskussionen gibt. Die Rollen von Gut und Böse scheinen klar verteilt. Politiker wie Donald Trump verpassten dieser Generation daraufhin trotzig den Namen «Schneeflocke». Ihr wird unterstellt, hypersensibel und emotional zu verletzlich zu sein und bei der leisesten Kritik wie Schneeflocken zu schmelzen. Das Bild wird verwendet, um zu unterstellen, dass sich Jugendliche nicht auf sachliche Diskussionen einlassen können, sondern ihre Verletzlichkeit als unumstösslichen Blocker für Diskurs verwenden. Wer persönlich verletzt wird – oder sich so fühlt – reagiert demnach nicht mehr rational, zieht sich zurück oder geht zum emotionalen Gegenangriff über. Ich habe mich auch schon über diese Darstellung und ihre Verallgemeinerung einer ganzen Generation aufgeregt.

Symbolisch reiben sich hier also alte weisse Männer an Schneeflocken - und ich rege mich auf. Mal hier mal dort. Dass aus der Reiberei, ausser einer Pfütze, nichts werden kann, sollte meines Erachtens auch denen klar sein, die sich weniger für Symbolik begeistern können als ich.

Ältere Generationen müssen nicht alles verstehen, was die Jüngeren antreibt und die junge Generation muss auch nicht alles nachvollziehen können, was die Älteren dazu bringt, zu sein, wie sie sind. Nicht alle älteren Menschen werden irgendwann zu einem ignoranten, unterdrückenden alten weissen Mann und nicht alle Jugendlichen fallen um, wenn ihnen der Wind mal etwas stärker ins Gesicht bläst.

Natürlich ist es einfacher, sich darüber aufzuregen, dass einige Jugendliche ihren Vorgängergenerationen vorwerfen, für den Klimawandel verantwortlich zu sein, dabei gleichzeitig mehrmals pro Jahr um die Welt fliegen, um vermeintlich neue Kulturen kennenzulernen, dies dann aber lediglich mit tanzähnlichen Verrenkungen in Tik-Tok-Clips dokumentieren. Natürlich ist es einfacher, der älteren Person Ignoranz vorzuwerfen und sie dafür zu verurteilen, an überholten Wertvorstellungen festzuhalten und im Alter nicht mehr mitzubekommen, was den Rest der Welt eigentlich wirklich bewegt. Stereotypen machen uns aber vieles einfacher. Der einfachste Weg ist aber selten auch der, der zur Aussichtsplattform führt.

Es kann keine Generation für sich in Anspruch nehmen, für den Rest der Welt zu sprechen. Suchen wir stattdessen gemeinsam mit dem Rest der Welt nach Lösungen, statt uns auf die vermuteten Stereotypen einer Generation einzuschiessen. Der Rest der Welt beginnt übrigens viel näher, als man vermuten würde und Stereotypen sind Klischees. Wer Klischees betoniert, schafft auch nur Hürden.

In diesem Sinne: Auf dass wir für uns mehr sympathische Grossväter entdecken, die Schnee-Engel auf dem Boden hinterlassen.

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