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Überromantisieren

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PIXABAY
Single
Böckin

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Ich habe lange nach einem Wort für dieses Phänomen gesucht und die Ausbeute ist nicht gerade berauschend, dafür umso treffender. Ich überromantisiere und das nicht zu knapp, aber lasst mich erklären.

Folgendes Szenario spielt sich ab:

Singlefrau (in diesem Fall: ich) trifft auf Singlemann (unbekannt) und wechselt einige Worte mit ihm. Blicke werden sich zugeworfen und das Lächeln scheint ins Gesicht eingebrannt. Alles ganz harmlos und viel mehr geschieht auch nicht. Ein unschuldiges erstes Treffen.

Singlefrau geht nach Hause, das Gefühl von potentieller Verliebtheit beflügelt sie und Singlemann taucht immer wieder in ihren Gedanken auf. Das wird er auch die darauffolgenden Tage.

In den verschiedensten ausgedachten Szenarien besetzt Singlemann die Hauptrolle und besteht jeden Test mit Bravour. Es gibt quasi nichts, was er nicht meistert und er benimmt sich wie der perfekte Gentleman. Potential zum Traummann – und hier zeigt sich auch schon die Problematik. Ich habe mir mit meinen Tagträumen einen Mann gesponnen, der zwar eigentlich real ist, so aber gar nicht existiert.

Ich bin mir sicher, dass ich mit diesem Verhalten nicht alleine bin. Wahrscheinlich ist es auch eine vollkommen normale Reaktion, wenn man jemanden interessant genug findet.

Bloss hat es bei mir Ausmasse angenommen, die mir die darauffolgenden Treffen erschweren. Besagter Singlemann kann nämlich meine Erwartungen gar nicht erfüllen und es wäre auch unfair von ihm zu verlangen, dies zu können. Schliesslich hat er sich in diversen Szenarien bereits so gut erwiesen, dass alles Darauffolgende mit einer Enttäuschung gleichzusetzten wäre.

Meine Schwärmerei hat also dazu geführt, dass ich mir eine vollkommen unrealistische Version eines realistischen Mannes zusammengeschwärmt habe. Gemeint habe ich es gut, denn offensichtlich finde ich ihn faszinierend genug, dass er Dauergast in meinem Kopf ist.

Die Kunst besteht jetzt darin, meine Erwartungen herunterzuschrauben und Gedanken-Traummann von möglichem Real-Traummann zu unterscheiden. Im Normallfall ist die Realversion sowieso meine bevorzugte Wahl, denn sie besitzt Fähigkeiten, die Beziehungen interessant machen: Er kann mich überraschen. Er kann mir Paroli bieten. Er kann mir Neues beibringen. Er kann mich fordern und fördern. Er kann mich an meine Grenzen und darüber hinausbringen. Und das wichtigste, er ist real.

Klar wäre es einfacher, ich würde gleich von vornherein mit dem Bauen meines Luftschlosses aufhören, doch damit würde ein grosser Teil der ersten Phase der Verliebtheit verloren gehen. Ich will an ihn denken wollen. Es ist für mich ein glasklares Zeichen, dass dieses gewisse Etwas, dass ich in einer Beziehung suche, da ist und es klappen könnte. Plus, wenn es das nicht tut, dann habe ich immer noch meine heile Gedankenwelt, in die ich mich während der Herzschmerzphase flüchten kann.

Machts gut, verliert euch nicht zu sehr in euren Gedanken und liebt euch selbst ein bisschen! Bis zum nächsten Mal.

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