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«Schöne, runde Artikel»

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YANIK BÜRKLI

In loser Folge berichten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Medienfamilie Südostschweiz aus ihrem journalistischen Alltag. Willkommen in unserem Glashaus!

Die vierte Gewalt im Staate sein. Erzählen, was Menschen bewegt, wo sie der Schuh drückt. Den Mächtigen genau auf die Finger schauen, Missstände erkennen und darüber berichten. All dies sind Vorstellungen, die man mit den Medien verbindet.

In der Realität einer Redaktorin stellt sich die ganze Sache aber gar nicht so einfach dar. Geschichten, Missstände und spannende Themen wären wohl vorhanden. Von Direktinvolvierten erfährt man, dass bei der Finanzierung der Vorzeige-Feriensiedlung einiges krumm gelaufen sei. Dass ein Pfarrer eher an der Befriedigung seiner eigenen Machtgelüste als am Wohlergehen seiner Schäflein interessiert sei. Dass hinter dem Architekturwettbewerb für das Alterszentrum korrupte Machenschaften stünden. Dass Amtsinhaber Geld für ein Projekt vorschnell zugesagt, später wieder abgesagt hätten.

Aber wenn es dann darum geht, aus dem Gesagten eine Geschichte zu schreiben, werden viele still. Oder wollen nur den abgeschliffenen Satz stehen lassen, der nichts mehr aussagt. Bei Gemeindepräsidenten nachgefragt, wie es denn ums Projekt stehe, kommt ein «Unter uns gesagt, nicht für die Zeitung bestimmt …» und danach ein Redeschwall. Und dann: «Wir wollen erst kommunizieren, wenn wir dann wirklich eine schöne, runde Sache mitteilen können.»

Nun gut. Meist ist die schöne, runde Sache halt dann auch etwas gar langweilig für unsere Leser. Und – ein kleines Detail – auch nicht mehr ganz so tagesaktuell.

Noch delikater wird es, wenn Auskunftspersonen Forderungen stellen und zu verhandeln beginnen. Wie gerade eben passiert. Ich wollte einen Bericht über einen neuen Ansatz in der Berggastronomie schreiben. Man sei bereit, Auskünfte zu erteilen, hiess es aus Splügen. Mit einer klitzekleinen Einschränkung: «Ich kann dir folgende Inputs geben, mit der Bedingung, dass ich den gesamten Artikel absegnen darf, inklusive Titel und Bild.» So. Zitate abzusegnen, ist jedermanns Recht. Aber wenn Auskunftspersonen dann noch die ganze Zeitung autorisieren wollen, dann gute Nacht Journalismus! Wir haben dankend Nein gesagt. PR machen andere.

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