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Wenig Bewegung, viel Blut: Das war das Jahr an der Front

Der russische Vormarsch in der Ukraine verlief 2025 genauso langsam wie im Vorjahr. Ihre Verluste aber haben gegenüber dem Rekordjahr 2024 noch einmal zugenommen.

Südostschweiz
26.12.25 - 14:23 Uhr
Russia Ukraine War
Ein denkwürdiger Moment: Am 12. Dezember besucht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Stadt Kupjansk, deren Eroberung Russlands Staatschef Wladimir Putin zuvor wiederholt verkündet hatte.
Bild: Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

von Viktor Schewtschuk

Seit einigen Wochen gibt es keine grösseren Veränderungen an der Front. Der Vormarsch der russischen Truppen vom Osten der Region Saporischschja zum Fluss Dnipro hat sich verlangsamt. In der Agglomeration Pokrowsk-Myrnohrad dauern heftige Kämpfe an, wobei die ukrainische Garnison in Myrnohrad von der Logistik abgeschnitten ist. Pokrowsk ist grösstenteils besetzt. Nordöstlich des Ballungsraums -Slowjansk-Kramatorsk haben die russischen Streitkräfte einige Erfolge erzielt. Die Ukrainer mussten sich hier zurückziehen, nachdem sie an einigen Stellen drei Jahre lang ihre Stellungen gehalten hatten.

Das ukrainische Militär hat dafür die Logistikreste russischer Einheiten in Kupjansk in der Region Charkiw abgeschnitten. Ein wichtiger taktischer Erfolg, nachdem sowohl Putin als auch sein Generalstabschef Gerasimow wiederholt die Einnahme dieser Stadt verkündet hatten.

Taktisch entwickelte sich der Krieg in Richtung einer stärkeren Dominanz von Drohnen. Die Russen wenden zudem die Taktik der Infiltration durch extrem kleine Gruppen an. Neu an der Front: Die Russen nutzen Zivilkleidung, um sich in die Städte zu schleichen. Es gibt eine beispiellose Zahl von Schiessereien mit ukrainischen Kriegsgefangenen. Und es gibt immer mehr Fälle, in denen russische Soldaten den Suizid dem Rückzug oder der Gefangenschaft vorziehen.

Das russische Militär bezahlte 2025 jeden besetzten Quadratkilometer mit dem Leben von 70 bis 125 Soldaten.

Die russische Offensive verläuft im Wesentlichen im gleichen Tempo wie 2024 und erreichte im November ihren Höhepunkt. Die Russen besetzen durchschnittlich 15 Quadratkilometer pro Tag. Das ist ein Landstreifen von 3 bis 5 km an einer mehr als 1200 km langen Frontlinie.

Das russische Militär bezahlte 2025 jeden besetzten Quadratkilometer mit dem Leben von 70 bis 125 Soldaten. Das ist dutzendfach mehr als während des Zweiten Weltkriegs. Das russische Militär schaffte es nicht, die ukrainischen Verteidigungskräfte zu besiegen oder einen Durchbruch in irgendeiner operativen Richtung zu erzielen. Es -gelang ihnen nicht, die ukrainischen Streitkräfte von Osten her in Richtung Dnipro-Fluss abzuschneiden. Sie waren nicht in der Lage, den wichtigen Ballungsraum Slowjansk-Kramatorsk einzunehmen oder auch nur die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Allerdings erreichten die Russen einige Positionen, die ihnen die Aussicht auf einen Vormarsch unter besseren Geländebedingungen eröffnen.

Die Ukraine und Russland haben ihre Einheiten 2025 in ähnlichem -Umfang wie 2024 bemannt. Allerdings stieg die Zahl der Deserteure unter den ukrainischen Soldaten rapide an. Und die Zahl der Opfer in der russischen Armee ist 2025 sogar noch höher als im Rekordjahr 2024.

Die Russen erleiden um ein Vielfaches höhere Verluste als die Ukrainer. Sie verfügen aber über mehr Personal und Geld für die Rekrutierung, sodass diese Verluste nicht ausreichen, um das Gleichgewicht im Krieg zu kippen. Es ist unklar, wie die Ukrainer diese Verlustquote so verbessern könnten, dass sie für den Feind unerträglich würde. Beide Kriegsparteien leiden unter einem Mangel an Reserven. Die Russen haben ihren Plan zur Bildung neuer Einheiten teilweise erfüllt. Die Ukrainer legen den Schwerpunkt auf die Neubesetzung bestehender Einheiten.

Beide Seiten haben ihre Fähigkeiten für Langstreckenangriffe ausgebaut. Aber keine war fähig, Wirtschaft, Infrastruktur oder militärische Produktion des Feindes zu untergraben. Die Ukraine greift seit Sommer intensiv Ölraffinerien an. Russland zielt seit Herbst darauf ab, den ukrainischen Energiesektor zu zerstören. Die ukrainischen Langstreckenangriffe und Sabotageakte tief im russischen Hinterland und gegen russische Objekte auf der ganzen Welt zeigen Wirkung. Aber russische Raketen haben grössere Sprengköpfe.

Russland produziert mehr Raketen als im Vorjahr. Aber es reicht immer noch nicht, um Reserven in der Grössenordnung von 2022 aufzubauen. Fast alles, was sie produzieren, wird sofort verbraucht.

All diese Kriegsanstrengungen wurden 2025 von der Rhetorik der Trump-Regierung über ein Friedensabkommen begleitet. Aber Russlands Haushalt, seine Militäroperationen und aggressive Rhetorik lassen keinen Raum für Illusionen: Russland setzt auf Gewalt. Die russischen Beamten stellen immer grössere Forderungen, statt nach Kompromissen zu suchen.

Je länger Russlands Krieg gegen die Ukraine und den Westen dauert, desto mehr wird illegale Aggression normalisiert. Auch die Beschwichtigung in den Verhandlungen trägt dazu bei. Dies ist eine wichtige Veränderung, die mehr Gewalt in der Zukunft verspricht.

Der Wille und der Geist des ukrainischen Militärs sind unvergleichlich. Die Ukrainer halten die Stellung entgegen einem kalten Kalkül, das vielen rational erscheinen würde. Vielleicht weil sie wissen, dass eine Niederlage noch mehr kosten würde. Oder weil es Dinge gibt, die wichtiger sind als reine Rationalität.

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Erstaunlich persistent umfangreich die Fangemeinde in Graubünden für den Krieg des Westens.
Auf die Idee der Reflektion über die Ursache des Konflikt und die Parallele zu Napoleon, 1WK und 2WK, und dass der 3WK uns unsere Schweiz (und nicht nur das) kostet, kämen diese Leute wohl nicht einmal dann, wenn es ihnen durch mich (schon lange) oder in folgender Doku "vor Augen geführt" wird:
https://www.youtube.com/watch?v=r8hs3DaXPjI
Na dann, Gute Nacht Graubünden.
PS: Eine Studie über das psychologische Phänomen der Leugnung offensichtlicher Tatsachen (am Beispiel von insbesondere 9/11) titelte die Aussage einer Probandin: «Ich würde es nicht glauben, selbst wenn es wahr wäre.»