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Wendepunkt: Russlands Kriegsstrategie steckt in einer Sackgasse

Die russischen Streitkräfte schaffen es trotz astronomischer Rekrutierungsprämien nicht mehr, ihre Verluste in der Ukraine auszugleichen – und Russlands wirtschaftliche Probleme werden drückender.

Südostschweiz
30.04.26 - 15:38 Uhr
RUSSIA VICTORY DAY PARADE REHEARSAL
Am Mittwoch in Moskau: Russische Soldaten proben für die Militärparade zum "Tag des Sieges" am 9. Mai.
Bild: Alexander Semlianitschenko / Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

von Viktor Schewtschuk

Ob man es glauben mag oder nicht: Einige Beobachter sprechen bereits von einem entscheidenden Wendepunkt im Krieg Russlands gegen die Ukraine und den Westen. Sie sehen eine Verschlechterung der Lage des russischen Militärs und der Wirtschaft, während die Ukraine standhaft bleibt. Aber sind das tatsächlich Gründe, von einer entscheidenden Wende im Kriegsverlauf zu sprechen? Hier ein paar Fakten:

  • Das Tempo der russischen Vorstösse hat sich im ersten Quartal 2026 verlangsamt. Dies lässt sich nicht auf den saisonalen Einbruch im Januar zurückführen. Das russische Tempo ist geringer als im gleichen Zeitraum des Jahres 2025.
  • Das russische Militär erleidet höhere Verluste an Personal, während es weniger Land erobert. 2025 verloren die Russen 110 bis 180 Soldaten pro eroberten Quadratkilometer. Im Winter und Frühjahr dieses Jahres verlieren sie für denselben «Erfolg» erschreckende 180 bis 210 Soldaten durch Tod oder Verwundung.
  • Die Verlustdynamik Russlands ist 2026 höher als 2025, während 2025 bereits 2024 übertroffen hat. Und das Jahr 2025 war das erste, in dem die Zahl der russischen Streitkräfte stagnierte. Sie begannen das Jahr mit über 700'000 Soldaten an der Front und beendeten es auf etwa demselben Niveau. Russische Generäle hatten geplant, eine 150'000 Mann starke strategische Reserve aufzubauen, scheiterten jedoch.
  • Die Russen haben ihre Reserven am Vorabend der diesjährigen Offensive aufgebraucht. Sie können ihre Angriffe nicht durch den Einsatz von Reserven unterstützen. Sie müssen Truppen aus einem taktischen Gebiet abziehen, um Bemühungen in einem anderen taktischen Gebiet zu unterstützen, wodurch geschwächte Gebiete den ukrainischen Gegenangriffen ausgeliefert werden.
  • All dies geht einher mit einem Rückgang der Rekrutierungszahlen. Laut dem deutschen Analysten Janis Kluge haben die Russen dieses Jahr bisher 20 Prozent weniger Militärpersonal rekrutieren können als im gleichen Zeitraum des Jahres 2025. Selbst ständig steigende Anwerbungsprämien helfen nicht mehr. Diese belaufen sich im Durchschnitt auf 1,5 Millionen Rubel pro rekrutiertem Soldaten – eine für russische Verhältnisse enorme Summe von 15'700 Franken. Die russische Rekrutierung kann so kaum ihre Verluste ausgleichen, geschweige denn den für die Bildung von Reserven notwendigen Zuwachs.

Moskau schickt Soldaten, Kiew schickt Drohnen an die Front

Das wichtigste Problem ist jedoch, dass die russische Kriegsstrategie in einer Sackgasse steckt. Diese Strategie änderte sich im Laufe des Krieges. In den ersten Kriegstagen hatte Russland durch einen Überraschungsangriff unter Ausnutzung der Luftüberlegenheit einen Vorteil. Doch die Russen verteilten ihre Angriffsmittel zu sehr und nutzten diesen Vorteil schlecht.

Dann wandten sie sich der Taktik zu, unter dem Schutz eines Artilleriefeuerwalls vorzustossen. Diese im Ersten Weltkrieg entwickelte Taktik versagte, als das russische Militär seinen riesigen Vorrat an Artilleriegeschossen aufgebraucht hatte.

Nach der Belagerung von Bachmut im Jahr 2023 übernahmen sie weitgehend die von der Wagner-Gruppe entwickelte Taktik der Angriffe in kleinen Gruppen. Nachdem aber Drohnen 2024 das Schlachtfeld erobert hatten, wandelte sich dieser Ansatz der kleinen Gruppen im Jahr 2025 zu Infiltrationen durch Mikrogruppen.

Da russische Panzer und gepanzerte Fahrzeuge in grosser Zahl vernichtet wurden, stiegen die russischen Verluste aufgrund der Taktik der kleinen Gruppen sprunghaft an. Chauvinistische russische Blogger zitieren einen ukrainischen Kriegsgefangenen so: «Während ihr Russen einen Lastwagen voller Soldaten an die Front fahrt, fahren wir Ukrainer einen Lastwagen voller Drohnen dorthin.» Russische Analysten gehen davon aus, dass die Ukraine im Jahr 2025 rund zehn Millionen kleine Drohnen ausgeliefert hat.

Die Russen haben die Grenzen ihrer Fähigkeiten erreicht

Nun hat das ukrainische Militär das Kräftegleichgewicht an der Kontaktlinie wiederhergestellt, das 2025 durch Russlands starken Fokus auf Drohnen verschoben worden war. Die Ukrainer haben ihre Fähigkeiten für Mittelstrecken- und Tiefenschläge sowie für Angriffe mit Raketen ausgebaut, die sie nun selber herstellen. Die Russen haben bei Luftbomben weiterhin die Oberhand. Sie produzieren mehr Langstreckendrohnen und Raketen. Doch das hat keine entscheidenden Auswirkungen auf das Schlachtfeld.

Die Russen haben die Grenze ihrer Fähigkeiten und taktischen Innovationen erreicht. Der Geruch brennender Ölraffinerien kann vor der russischen Gesellschaft nicht verborgen werden. Nicht nur liberal-demokratische Oppositionelle, sondern auch nationalistische Militärblogger haben begonnen, das System zu kritisieren.

Anfangs schrieben sie über die hohen Verluste im Krieg, die schlechte Wirtschaftslage und die Einschränkungen der Internetfreiheit. Nun stellen sie Wladimir Putins Fähigkeiten infrage und behaupten, es sei ein grosser Fehler gewesen, einen so starken Gegner wie die Ukraine für einen militärischen Angriff auszuwählen. Manche russische Analysten schreiben über eine mögliche Spaltung der Eliten.

Sogar Putin räumt Probleme ein – wenn auch nur wirtschaftliche

Der russische Militäreinsatz in der Ukraine dauert noch an. Die Russen erzielen weiterhin einige Erfolge, insbesondere bei Slowjansk in der Region Donezk und bei Huliaypole in der Region Saporischschja. Ihre Luftangriffe zerstören die Ukraine und das Leben ihrer Bürger Dorf für Dorf. Doch es wird immer deutlicher, dass diese Art der Kriegsführung für Moskau zunehmend problematisch ist.

Es bleibt abzuwarten, was diese Wende im Krieg mit sich bringen wird. Selbst Putin scheint die Probleme anzuerkennen, mit denen Russland konfrontiert ist. So hat er kürzlich öffentlich wirtschaftliche Probleme eingeräumt. Insider in Washington behaupten, dass die Gesandten Moskaus nun nicht mehr verlangen, dass die Ukraine den Rest der Region Donezk abgibt. Sie seien bereit, das Konzept einer freien Wirtschaftszone unter amerikanischer Schirmherrschaft mit ukrainischer Gerichtsbarkeit zu akzeptieren.

Wir wissen nicht, ob der Kreml auf eine Massenmobilisierung zurückgreifen und ob dies Russland helfen oder schaden wird. Wir wissen nicht, wie sich die Lage mit dem Iran und dem Öl entwickeln wird. Wir wissen nicht, ob die USA nach den Wahlen im November stabil bleiben. Niemand weiss das. Aber wir wissen: Russland ist nicht allmächtig. Putin lügt und erpresst. Und die Uhr tickt.

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