So zählt man tote Soldaten
Die russischen Verluste sind grösser als die ukrainischen – und sie nehmen zu. Weil beide Seiten keine Opferzahlen bekannt geben, wird die Zahl der Toten mit verschiedenen Methoden geschätzt.
Die russischen Verluste sind grösser als die ukrainischen – und sie nehmen zu. Weil beide Seiten keine Opferzahlen bekannt geben, wird die Zahl der Toten mit verschiedenen Methoden geschätzt.
Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.
von Viktor Schewtschuk
Die russische Regierung hat kürzlich den Zugang zu den meisten demografischen Statistiken gesperrt. Dies höchstwahrscheinlich, um die Berechnung der militärischen Verluste zu erschweren.
Der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte gab bekannt, dass die Verluste Russlands seit Beginn der gross angelegten Invasion bis Mitte Juni 2025 eine Million erreicht hatten. Diese Zahl umfasst sowohl die Toten als auch die Verwundeten. US-Aussenminister Marco Rubio erklärte kürzlich, dass allein in der ersten Hälfte dieses Jahres etwa 100'000 Russen auf dem Schlachtfeld ums Leben gekommen seien. Russland selbst hat Informationen über seine militärischen Verluste unter Verschluss genommen.
Analysten verwenden verschiedene Instrumente, um die Verluste beider Seiten zu ermitteln. Die russische Website «Mediazona» analysiert gemeinsam mit der BBC auf der Grundlage öffentlich zugänglicher Quellen die Verluste des russischen Militärs. Zu diesen Quellen gehören Beiträge
in sozialen Medien, Meldungen auf Websites regionaler Behörden, Gedenkstätten und Todesanzeigen.
Die Datenbank von «Mediazona» enthält 119'000 Einträge zu seit Februar 2022 getöteten russischen Soldaten (Stand Mitte Juli). Diese Zahl ist aus mehreren Gründen nicht genau: Nicht alle Verluste werden von den Behörden und Angehörigen veröffentlicht, und es gibt eine zeitliche Verzögerung zwischen dem Tod auf dem Schlachtfeld und seiner Bekanntgabe.
Um die fehlenden Daten zu kompensieren, extrapoliert «Mediazona» zusammen mit einer anderen russischen Website, «Meduza», Daten aus dem russischen Register für Erbschaftsfälle, um die Übersterblichkeit unter russischen Männern unter 50 Jahren zu berechnen. Unter Berücksichtigung der Übersterblichkeitsraten in verschiedenen Alters- und sozialen Gruppen schätzen sie die russischen Verluste auf fast 165'000. (Aus diesem Grund halten die russischen Behörden demografische Daten zurück).
Dieser Ansatz liefert jedoch kein vollständiges Bild der Situation. Erstens gibt es keine Daten zu Männern über 50. Zweitens sollten 30'000 aus den Regionen Donezk und Luhansk hinzugerechnet werden. Drittens sind vermisste Personen in der Zahl nicht enthalten. In Russland werden derzeit etwa 58'000 DNA-Tests zur Identifizierung von Leichen durchgeführt. Die meisten von ihnen dürften bald offiziell als tot identifiziert werden.
Die BBC schätzt die russischen Verluste unter Verwendung einer ähnlichen Methodik wie «Mediazona» auf 191'000 bis 269'000.
In Wirklichkeit könnte diese Zahl noch deutlich höher sein. Auch hier sind offene Quellen, insbesondere in einem autoritären Land wie Russland, nicht vollständig.
Das klassische Verhältnis von Toten zu Verwundeten in Kriegen beträgt 1:3. Im letzten Jahr dieses Krieges aber hat sich dieses Verhältnis aufgrund der hohen Tödlichkeit von Drohnen dem Verhältnis 1:1 angenähert. Es ist daher wahrscheinlich, dass die Russen seit Februar 2022 mehr als 300'000 Gefallene und weitere 700'000 Verwundete zu beklagen haben.
Die Verluste Russlands nehmen von Jahr zu Jahr zu. Im Jahr 2024 verlor Russland 430'000 Soldaten durch Tod oder Verwundung, das sind 1177 pro Tag. Im Jahr 2025 ist das Ausmass der Verluste noch etwas höher. Auch das Magazin «The Economist» stellte in seinen jüngsten Analysen einen Anstieg der russischen Verluste fest.
Während sich der Krieg hinzieht und die Zahl der Opfer steigt, zeigen Umfragen, dass die meisten Russen zu einem Waffenstillstand ohne Vorbedingungen neigen.
Laut «Mediazona» verloren die Russen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres 50'000 Soldaten im Kampf. Angesichts der oben genannten Lücken in ihren Berechnungen erscheint Rubios Zahl von 100'000 Toten im laufenden Jahr deshalb nicht mehr übertrieben.
Der amerikanische Thinktank CSIS schätzt die Verluste der Ukraine auf 400'000 Tote und Verwundete und die Russlands auf etwa 1'000'000.
Es ist unwahrscheinlich, dass die Verluste der Ukraine um ein Vielfaches geringer sind als die der Russen. Die Russen haben in diesem Krieg einen Vorteil bei der Artilleriemunition sowie bei den Luft- und Raketenkapazitäten für Tiefenschläge.
Die Verluste der Russen sind enorm. Derzeit gelingt es Russland aber, diese auszugleichen und seine Armee sogar langsam zu vergrössern. Technisch gesehen ist Russland in der Lage, dieses Verlustniveau noch einige Jahre lang aufrechtzuerhalten.
Es ist jedoch zweifelhaft, ob es in der Lage sein wird, die Kosten für die Rekrutierung von Personal und Bereitstellung militärischer Ausrüstung zu tragen. Ein weiteres Problem ist der politische Preis, der für die Fortsetzung des Krieges gezahlt werden muss.
Während sich der Krieg hinzieht und die Zahl der Opfer steigt, zeigen Umfragen, dass die meisten Russen zu einem Waffenstillstand ohne Vorbedingungen neigen.
Putin und sein Umfeld könnten versuchen, die Veränderung der öffentlichen Meinung zu ignorieren, aber das tun sie normalerweise nicht.
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Im Ukrainekrieg haben die…
Im Ukrainekrieg haben die russischen Truppen allein mehr Verluste pro Jahr als die Truppen der ganzen Sowjetunion (inkl. Ukraine, Belorus, Armenien, Aserbaidschan usw.) im Afghanistankrieg. Aus letzterem hat sich die Sowjetarmee dann trotzdem zurückgezogen wie ein Leopard nach gescheitertem Angriff auf ein Stachelschwein.