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Putins Wirtschaftspolitik ist ein Bluff

Russland kann den Krieg in dieser Intensität nicht mehr lange führen. Das sagt nicht irgendwer in der Ukraine. Das zeigen die offiziellen Zahlen russischer Behörden.

Südostschweiz
13.06.25 - 12:00 Uhr
Ust-Ilimsk Hydroelectric Power Station
Am Werkseingang grüsst Väterchen Lenin: Russische Wirtschaftspolitik ist wieder – wie einst die sowjetische – ein ewiges Feuerlöschen.
Maxim Schipenkow / Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

von Viktor Schewtschuk

Es scheint, dass die Informationen in meinem letzten Blogbeitrag für manche Leser überraschend waren. In meinen Analysen stütze ich mich – wie jeweils ausdrücklich erwähnt – auf öffentlich zugängliche Quellen. Wer Russisch, Ukrainisch und Englisch lesen kann, findet die gleichen Fakten im Internet. Hier zum Beispiel eine Studie über die Ergebnisse der russischen Militäraktionen und die russische Wirtschaft, die vom amerikanischen Think Tank CSIS durchgeführt und wenige Tage nach meinem Artikel veröffentlicht wurde: https://tinyurl.com/5yrt42j5

Also noch einmal die Frage: Kann die russische Wirtschaft einen langen und zermürbenden Krieg überstehen? Nach Angaben der russischen Statistikbehörde Rosstat sind die Nettofinanzergebnisse russischer Unternehmen im März im Vorjahresvergleich um 34 Prozent zurückgegangen. Jedes dritte russische Unternehmen arbeitet mit Verlust. Bis zu einem Drittel der Lebensmittel-, Möbel- und Bekleidungshersteller arbeiten mit Verlust.

Die Bauindustrie ist eine treibende Kraft für viele andere Sektoren. Ihre Einnahmen sind um mehr als 30 Prozent zurückgegangen. Ölraffinerien, die von ukrainischen Drohnen schwer getroffen wurden, weisen Finanzergebnisse auf, die sich um 94 Prozent oder das 17-fache verschlechtert haben. Und selbst diejenigen Unternehmen, die weiterhin profitabel sind, zahlen aufgrund geringerer Einnahmen weniger Steuern.

Die russischen Öl- und Gasexporte machen ein Drittel der Einnahmen des Staatshaushalts aus. Die Einnahmen aus diesem Energiesektor gingen im ersten Quartal dieses Jahres aufgrund des Preisverfalls auf den Weltmärkten um 10 Prozent zurück.

  • Die Ölpreise fielen von 70 auf 50 Dollar. Für 2026 werden keine Preiserhöhungen erwartet.
  • Die Gaseinnahmen sind besonders niedrig, da Russland aufgrund von Sanktionen 80 Prozent seines früher profitabelsten europäischen Marktes verloren hat. Gazprom erlitt 2024 Verluste in Höhe von 13 Milliarden Dollar. Das Projekt für eine alternative Transportroute durch die Türkei wurde abgelehnt. Die Türkei besteht darauf, russisches Gas zu kaufen und zu verkaufen, anstatt nur als Transitland zu fungieren.
  • Die Kohlepreise sind in diesem Jahr um 20 Prozent gefallen. Sie sind jetzt dreimal niedriger als 2022. Infolgedessen erleiden 62 Prozent der russischen Kohleproduzenten Verluste. China will kein alternativer Markt sein und mehr russisches Gas oder Kohle beziehen.

Selbst grosse Staatsunternehmen haben nicht genügend Mittel, um der Anordnung der Regierung nachzukommen, von westlicher auf nationale Software umzustellen.

Die Zahlen der russischen Eisenbahnen sind ein Parade-Indikator für die wirtschaftliche Aktivität im Land. Im Jahr 2024 sank der Güterverkehr auf den niedrigsten Stand seit 15 Jahren. In diesem Jahr ist der Trend doppelt so schlecht wie im letzten Jahr. Der wirtschaftliche Abschwung, die schlechte Leistung der Bauunternehmen, die Export-Sanktionen und die ukrainischen Drohnenangriffe tragen zum Niedergang der russischen Eisenbahnen bei.

Russland gibt 7 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für den Krieg aus, was 40 Prozent des Föderationshaushalts entspricht. Es ist unmöglich, diesen Krieg auf Dauer in diesem Tempo zu führen. Wenn sich die wirtschaftlichen Trends nicht ändern, könnte der Nationale Wohlfahrtsfonds Russlands bis 2026 aufgebraucht sein. Diese Finanzreserven des Landes, die aus Öl- und Gaseinnahmen gebildet wurden, sind von 113 Milliarden Dollar im Jahr 2022 auf 36 Milliarden Dollar geschrumpft.

Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Moskau den Fonds ganz ausschöpfen wird. Stattdessen wird es den Lebensstandard der Zivilbevölkerung senken, ohne die Militärausgaben anzutasten. Das sehen wir gerade jetzt. Diese Woche hat das Unterhaus des russischen Parlaments den Haushalt für 2025 angepasst. Der Haushalt wurde 15 Milliarden Dollar gekürzt, das budgetierte Defizit wurde gleichzeitig verdreifacht.

Wladimir Putins Wirtschaftspolitik ist ebenso wie seine Diplomatie ein Bluff. Der Mythos der russischen Unbesiegbarkeit ist eine Säule, die die russische Kriegsmaschinerie stützt. Er ist ein Instrument für internationale Erpressung. Die russische Wirtschaft ist etwas grösser als die spanische, aber kleiner als die des US-Bundesstaates Kalifornien.

Fazit: Russland ist weder wirtschaftlich allmächtig noch militärisch unbesiegbar.

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk meldet sich an dieser Stelle in unregelmässigen Abständen ein ukrainischer Militärexperte, Politikwissenschaftler und Offizier zu Wort. Er drückt seine persönliche Meinung aus, die auf allgemein zugänglichen Informationen beruht.

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Das Pseudonym (Anonym) Viktor Schewtschuk erinnert mich inhaltlich an Wiktor Juschtschenko, den damaligen Vertreter Washingtons. Leider scheinen die meisten Schweizer wenig bis nichts von Geopolitik zu verstehen.

prolitteris