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Putin überschätzt Russlands Stärke

Donald Trump täte gut daran, den Druck auf Russland zu erhöhen. Denn auf dem Schlachtfeld zeigt der Aggressor zunehmend Schwäche.

Südostschweiz
03.05.25 - 16:36 Uhr
Bild: Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

Offizielle Vertreter des US-Aussenministeriums haben erklärt, dass sich Amerika von seiner Vermittlungsmission zurückziehen wird, wenn die Gespräche über den Frieden im russisch-ukrainischen Krieg keine Früchte tragen.

Dass das so ist, mag für Donald Trump mit seiner Idee, den Krieg «innerhalb von 24 Stunden» zu beenden, und seinem Glauben, dass Putin ihn respektiert, eine Überraschung sein. Aber für einen ukrainischen Beobachter ist es nicht überraschend.

Der Ausgang des Konflikts hängt stark von der Situation auf dem Schlachtfeld ab. Die Russen nennen das die «Realitäten vor Ort».

Die Realität ist, dass Russland seit mehr als einem Jahr die strategische Initiative behält. Die Lage für die Russen ist zwar nicht so gut, wie Putin glaubt. Aber solange er sicher ist, dass das russische Militär die ukrainischen Verteidigungskräfte zurückdrängen oder, wie er es kürzlich ausdrückte, die Ukraine «zerstören» kann, haben er und seine Führungsriege keinen Grund, aufzuhören.

Im April hat die Fläche der von den Russen eroberten Gebiete leicht zugenommen – zum ersten Mal nach vier Monaten des Rückgangs. Im Vergleich zum Vormonat ist dies eine -geringfügige Veränderung. Innerhalb von 30 Tagen besetzten die Russen 175 Quadratkilometer. Das ist ein Tempo, das sie bereits im Juli 2024 hatten. Dies wiederum ist ein klares Zeichen dafür, dass die Russen eher eine Frühjahr-Sommer-Angriffs-kampagne durchführen, als dass sie ernsthaft über Friedensgespräche nachdenken würden.

Putin hat nie von seiner Absicht abgelassen, seine Armee bis 2025 um 160'000 Mann zu vergrössern. Die Russen trainieren neue Angriffstaktiken – mit kleinen Gruppen von Motorradfahrern. Der staatliche Militärhaushalt wird erhöht. Russland rüstet bei Drohnen und Raketen weiter auf.

Auch die Taktik der Angriffe auf die Zivilbevölkerung hat sich geändert. Anstatt die meisten ihrer Shahed-Drohnen und Raketen auf das relativ geschützte Kiew zu schicken, terrorisieren die Russen Städte, die näher an der Frontlinie liegen.

Jede Nacht schicken die Russen Shahed-Drohnen nach Odessa, Charkiw, Sumy und Dnipro. Sie greifen Lagerhäuser für Konsumgüter, Universitäten und Wohngebiete an. Sie greifen unterirdische Gänge in Charkiw und ein geschlossenes Café mit ukrainischen Wandmalereien in Kostiantynivka an. Sie haben jetzt viel weniger Langstreckenraketen als zu Beginn des grossen Krieges, aber sie scheuen nicht davor zurück, diese gegen Zivilisten einzusetzen.

Putin überschätzt jedoch die Stärke Russlands. Die regionalen Behörden haben nicht genug Geld für grosszügige Zahlungen an neu verpflichtete Soldaten. Das russische Militär bezahlt jeden in der Ukraine besetzten Kilometer mit mehr Menschenleben als je zuvor. Für die Militärlogistik werden Esel und Pferde eingesetzt. Die russische Wirtschaft stagniert, die makroökonomischen Zahlen gehen zurück.

Es läge im besten Interesse von Trump, Druck auf Russland auszuüben, wenn er wirklich einen Waffenstillstand oder gar einen dauerhaften Frieden will. Seine Zugeständnisse an Putin dagegen ermutigen Russland. Amerika wirkt schwach und unzuverlässig, um nicht zu sagen erbärmlich. Die Wahrnehmung von Amerikas Schwäche führt zudem zu mehr Konflikten in der ganzen Welt.

Es liegt im besten Interesse Europas, der Ukraine die grösstmögliche Unterstützung zukommen zu lassen, damit sie sich durchsetzt. Eine militärische Niederlage Russlands ist der beste Schutz vor einer russischen Invasion in europäische Nato-Länder. Diese Invasion könnte früher erfolgen, als die militärischen Befehlshaber kalkulieren und die Politiker in Europa glauben.

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Ich finde es destruktiv, dass Somedia meinen Kommentar löschte, dass (Stand: 5.5. um 1:01 Uhr) 20 Daumen rauf und zwei nach unten für obigen Text des "anonymen alias pseudonymen Ukraine Serien-Schreibers für Somedia".
Viele scheinen "die Mehrheit hat immer recht" mit "Wahrheit/Realität" zu verwechseln, ähnlich wie Geozentrik die Kirche über Jahrhunderte halt behauptete gegen Kopernikus/Galilei.
Die USA erlauben keine fremde Militärbasen etwa in Kuba, jedoch in der Ukraine (an der besonders empfindlichen Westflanke nahe Moskau) soll das erlaubt sein. Was sagen dazu unsere Wokeness- und Gleichstellungs-Politiker?
Russland wurde von Napoleon, 1WK, 2WK angegriffen. Vergleiche: Heartland.
Russland fordert einzig Sicherheitsgarantien (insbesondere 2021), während Politiker wie Tusk (EU und Polen) und US-Senator Mitch McConnell uns in der Vorkriegszeit definieren. Ich finde Daumen hoch suizidal. Nach dem 2WK skandierte man in Deutschland "Nie wieder Krieg". Und in heutigen Kommentarspalten sehe ich die Sehnsucht nach mehr Waffen und Konfrontation, statt gemäss Olof Palme ein blockfreies Europa zu erarbeiten.
Die wahren Denker scheinen auszusterben wie Die Arten:
https://www.youtube.com/shorts/1_DnbYRQ9go
Wiki: Eugen Drewermann (85) ist ein deutscher Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller. Als suspendierter römisch-katholischer Priester ist er 2005 aus der Kirche ausgetreten. Als prominentes Mitglied der Friedensbewegung tritt er regelmäßig als Redner auf Demonstrationen in Erscheinung und wirbt in seinen Vorträgen für ein friedliches Zusammenleben sowie eine gewaltfreie Völkerverständigung. Mit seiner Tierethik wendet er sich gegen die Vorstellung, Tiere seien dem Menschen untergeordnet.

Russland und China möchten in Frieden ihr Land und Wirtschaft entwickeln. Die USA expandieren weltweit an deren Grenzen, erlauben es aber umgekehrt nicht (als Reaktion, denn Russland/China sind militärisch an sich nicht expansiv, vergleiche Militärstützpunkte weltweit).
Ich kenne weltweit nur ein einziges Land mit folgendem antidemokratischen (Beispiel punkto Grönland) planetaren Ambitionsmuster:
US-Präsident Donald Trump sagte in einem Interview über seine zweite Amtszeit: «Beim zweiten Mal regiere ich das Land und die Welt.»
https://www.bluewin.ch/de/news/international/trump-ticker-2623944.html
Zeitpunkt.ch Heftausgabe Nov/Dez 2017:
https://ibb.co/BVCzDtmL
Richard David Precht:
https://www.youtube.com/shorts/8RZarDts4N8
Russlands Aussenminister Lawrow:
https://www.youtube.com/watch?v=BRRdlqi5Pe4