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«Friedenspläne» werden auf dem Schlachtfeld geschrieben

Die Aufregung um den 28-Punkte-Plan für die Ukraine war gross. Europa sollte endlich begreifen: Darüber, was in solchen Plänen steht, entscheiden letztlich die Kräfteverhältnisse an der Front.

Südostschweiz
27.11.25 - 18:00 Uhr
Ukrainian Patrol Police operates GARA bomber drones on Pokrovsk frontline
Anfang November bei Pokrowsk: Angehörige einer ukrainischen Drohnenbrigade bereiten den Einsatz einer Bomber-Drohne vor.
Bild: Maria Senovilla / Keystone

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.

von Viktor Schewtschuk

Der Ukraine-«Friedensplan» von Steve Witkoff und Kirill Dmitrijew löste in der Ukraine heftige Diskussionen aus. Wie gut ist er? Ist er akzeptabel? Woher stammt er? Doch bei der Diskussion dieser Fragen läuft man Gefahr, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Und das Wesentliche ist die Lage an der Front. Denn Gespräche mit Moskau hatten für sich allein noch nie einen Wert. Gewalt in einem Nullsummenspiel ist Moskaus Religion.

Im Zusammenhang mit Verhandlungen mit den Russen sind zwei Punkte auf der Landkarte von Bedeutung. Das erste ist der Vormarsch der Armee des Angreifers vom Süden der Region Donezk zum Fluss Dnipro. Wenn dieser erfolgreich wäre, würde er die ukrainischen Streitkräfte spalten, und Teile davon drohten, eingekreist und besiegt zu werden. Saporischschja und Dnipro, zwei wichtige Industriestädte mit jeweils annähernd einer Million Einwohnern, wären bedroht.

Der zweite Punkt ist der Ballungsraum Slowjansk-Kramatorsk einschliesslich Druschkiwka und Kostiantyniwka. Dies ist der Rand der Donbass-Höhen. Die Kontrolle über dieses wichtige Logistik- und Industriegebiet eröffnet Möglichkeiten für Angriffe nach Norden und Osten. Im Norden liegt Charkiw, die zweitgrösste Stadt der Ukraine mit über einer Million Einwohnern. Im Osten liegt flaches Gelände mit einer viel geringeren Bevölkerungsdichte, das weniger gut zu verteidigen ist als die Region Donezk.

Aus diesem Grund werden Pokrowsk und Myrnohrad von der Ukraine so heftig verteidigt. Wenn
die ukrainischen Einheiten nicht in der Lage wären, die russischen Angriffe auf Dobropillia zu stoppen, würde dies die Ukraine am Verhandlungstisch schwächen.

Das ist im Grunde alles, was wir im Zusammenhang mit «Friedensplänen», insbesondere solchen aus Moskau, beachten müssen.

Was aber kann getan werden, um die Ukraine zu stärken?

  • Die ukrainischen Behörden sollten ihre Mobilisierungspolitik verbessern, um die vom Krieg erschöpften Militäreinheiten zu unterstützen.
  • Europa und die USA könnten der Ukraine Luft-Luft- und Luft-Boden-Langstreckenraketen zur Verfügung stellen, um russische Flugzeuge mit ihren Gleitbomben von der Front fernzuhalten.
  • Unsere westlichen Partner könnten der Ukraine Raketen zur Verfügung stellen, um das russische Hinterland zu treffen.

Aber die Punkte 2 und 3 sind unwahrscheinlich. Europa hat noch kein Gefühl für die Dringlichkeit der Lage. Es wird zwar durch Skandale wie den angeblich amerikanischen, in Wahrheit aber von Russland ausgearbeiteten 28-Punkte-Plan jeweils für eine Zeit lang wachgerüttelt. Aber dann schläft es wieder ein, gleichzeitig ängstlich und träge – schläft wie seine stark regulierte Wirtschaft.

Es ist unglaublich: Nach bald vier Jahren Krieg sind die europäischen und amerikanischen Rüstungsindustrien noch immer nicht in der Lage oder nicht willens, ihre Produktion wesentlich zu steigern. Sie können nicht einmal die Luftabwehrkapazitäten liefern, die sie selbst benötigen. Es ist schmerzlich zu sehen, wie schwer es den meisten Regierungen Europas fällt, zusätzliche 0,1 Prozent ihres BIP aufzubringen, um in den Kampf der Ukraine gegen die sich ausbreitende russische Aggression zu investieren.

Und das geschieht, während der 28-Punkte-Plan offenbart, dass die US-Regierung sich nicht nur in Bezug auf die Ukraine, sondern auch in Bezug auf die Nato nur als Moderator und nicht als Verbündeter positioniert und sogar einen Rückzug aus dem östlichen Nato-Flügel andeutet.

Wenn Russlands Krieg gegen die Ukraine und den Westen mit einem faulen Frieden oder etwas Schlimmerem endet, werden Europa und die USA nie mehr dieselben sein. Ihr Umfeld wird sich verändern. Die internationale Atmosphäre wird sich verändern. Ihre Selbstwahrnehmung und ihre Lebensweise werden sich verändern.

Trump handelt mit der Ukraine und propagiert die Idee, dass die Russen ohnehin das Land erhalten werden, das sie haben wollen. Setzt sich dieser Ansatz durch, können wir die Weltordnung, wie wir sie kennen, vergessen. Tatsächlich gäbe es dann keinen Grund mehr, Kriege zu führen. Die grossen Akteure würden ihre Karten ausspielen und auf militärische Potenziale zurückgreifen. Kleinere Länder müssten gehorchen.

So etwas wie Würde könnte man vergessen. Die Welt wäre aufgeteilt unter drei autoritären Supermächten im orwellschen Stil.

Das wird nicht passieren, solange die ukrainische Front hält. Der beste Weg, um es zu verhindern, ist, die Ukraine jetzt zu unterstützen.

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Den Blog "Briefe auf dem Krieg" eines "anonymen Verfassers" finde ich für die Somedia ebenso eine Schande wie die Tatsache, dass hier 21 Likes und Null Dislikes stehen.
Ich finde es somit eine Schande für Somedia und Graubünden.
Mein Vorbild sind Denker (wie man sie beispielsweise auf globalbridge.ch infosperber.ch und zeitpunkt.ch antrifft), etwa folgender Autor:
https://zeitpunkt.ch/nationalismus-der-ukraine