Am Donezker Festungsgürtel wird sich Russland aufreiben
Die Russen wollen bis im Herbst den Rest der Regionen Luhansk und Donezk einnehmen. Sie müssten dafür erheblich mehr Kraft und Klugheit aufbringen, als sie in den letzten vier Jahren zeigten.
Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle ein ukrainischer Offizier, Militärexperte und Politikwissenschaftler über den Verteidigungskrieg gegen Russland. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, basierend auf allgemein zugänglichen Informationen.
von Viktor Schewtschuk
US-Vizepräsident Vance meinte kürzlich, die Verhandlungen um den russischen Krieg gegen die Ukraine und den Westen würden sich um «ein paar Quadratkilometer» Land drehen. Es ist leicht, Territorium kleinzureden, wenn man das Land anderer Menschen verschachert. Darüber hinaus hat der von der Ukraine kontrollierte Teil der Region Donezk nicht nur humanitären und politischen, sondern auch militärischen Wert.
Die Städtekette Slowjansk – Kramatorsk – Druschkiwka – Kostjantyniwka liegt an der Strasse, die die Millionenstädte Charkiw und Donezk verbindet. Slowjansk war 2014 der nördlichste Ort des von Moskau angezettelten russisch-ukrainischen Krieges. Kramatorsk ist ein wichtiges Industriezentrum, das Artillerierohre herstellen kann – ein technologisch anspruchsvolles Produkt.
Diese Städte gehören zur ukrainischen Ethnoregion Sloboschanschyna und nicht zum industriellen Donbass, der auf Kohle- und Eisenerzbergbau ausgerichtet ist. Die Bevölkerung der vier Städte des ukrainischen Donbass-Gürtels betrug vor dem Vollkrieg zusammen bis zu 400'000 Menschen. Die Gebiete nördlich von Slowjansk Richtung Charkiw und westlich von Slowjansk Richtung Stadt und Fluss Dnipro sind dünn besiedelt.
Militärisch bedeutet das: Wer diesen 50 km langen, dicht besiedelten Gürtel von Slowjansk bis Kostjantyniwka kontrolliert, hat bessere Bedingungen, um Militärpersonal zu stationieren und zu versorgen. Städte bieten guten Schutz in ihren Kellern, Beobachtungsmöglichkeiten sowie einen längeren Funkhorizont dank höherer Gebäude.
Die diesjährige Offensive hat einmal mehr bewiesen, dass die russischen Ressourcen begrenzt sind.
Stadtgebäude aus Beton und unterirdische Stadtinfrastruktur bieten Schutz vor feindlichem Beschuss und Möglichkeiten zum Manövrieren. In Städten lässt sich der Winter und schlechtes Wetter leichter überstehen als in Dörfern oder auf freiem Feld.
Auch das Gelände spielt militärisch eine wichtige Rolle. Die Agglomeration Slowjansk-Kramatorsk ist das westlichste Gebiet mit erhöhtem Geländeprofil. Das russische Militär profitiert bei seinen Angriffen seit Beginn des Vollkrieges vom Höhenvorteil der Anhöhen bei Horliwka und Popasna.
Höheres Gelände bietet Möglichkeiten zur Gebietsüberwachung, einen längeren Funkhorizont – wichtig für Drohnen – sowie grössere Schussweiten im Vergleich zu Truppen, die in Richtung höher gelegene Ziele schiessen. Letzteres ist besonders wichtig für Artillerie, Panzer und Scharfschützen.
Die absoluten Höhen über dem Meeresspiegel sind in der Ost- und Südukraine gering (abgesehen von den Bergen der Krim). Doch die Donbassregion bietet durch Abraumhalden und hohe Gebäude von Kohlegruben ein raueres Gelände. Schluchten und Steilhänge sind hier häufiger als in der Dnipro-Tiefebene. Im Norden des Donbass-Festungsgürtels gibt es Wälder, die militärische Operationen aller Art erschweren.
Die Fahrt von Dobropillja im Westen der Region Donezk nach Pawlohrad in der Region Dnipropetrowsk führt durch topfebenes Land. Nur der Fluss Samara bildet auf dem Weg nach Westen ein natürliches Hindernis. Generell sind auch Gewässer westlich der Agglomeration Slowjansk-Kramatorsk seltener als in der Region Donezk. Gewässer sind für die Verteidigung wichtige natürliche Hindernisse, die Angreifer hohe Verluste bescheren.
Der ukrainische Militärgeheimdienst meldete am Freitag, dass Russland den Rest der Regionen Donezk und Luhansk bis Herbst dieses Jahres besetzen will. Ich wünsche den Russen dabei viel Pech. Selbst wenn sie die geplanten Kräfte aufstocken, ist ein Erfolg höchst unwahrscheinlich. Slowjansk und Kramatorsk waren schon 2014 hart umkämpft. Aufgrund dieser Erfahrungen und dank der heutigen ukrainischen Vorbereitungen ist der ukrainische Donbass-Gürtel solide befestigt.
Die diesjährige Offensive hat einmal mehr bewiesen, dass die russischen Ressourcen begrenzt sind. Ihre Taktik ist festgefahren und veraltet. Sie ist kostspielig in Bezug auf Material und Personal. Mal sehen, ob Moskau in der Lage ist, den ukrainischen Donbass-Gürtel einzunehmen. Sollte Russland dieses Land besetzen, wird man es ihm nicht umsonst gegeben haben – nicht als Geschenk von Trump, Vance oder wem auch immer.
Die Russen werden auch für diese Kriegsphase seinen Tribut zahlen. Wenn sie Slowjansk wollen, werden sie eine Stadt bekommen, die für -Logistik und künftige Vorstösse -unbrauchbar ist. Wie auch immer der Kampf um den Donbass ausgeht – Russlands wirtschaftliche Lage und Moral werden weiter verfallen.
Wir werden bald erleben, wie der Donbass – von der russischen Propaganda manipulativ als Herzstück Russlands beschrieben – zur militärischen Erschöpfung und zum politischen Scheitern Russlands beitragen wird. Dies wäre der geringstmögliche Preis, den die Russen für das Leid, den Tod und die Zerstörung zahlen müssen, die sie in den ukrainischen Regionen Donezk und Luhansk angerichtet haben.
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