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Am Anschlag

Uhr
Kristina
Schmid

Beginnt das Chaos jeden Tag von vorn, sagen wir: Herzlich Willkommen im Familienleben. Unser Alltag reiht verrückte, bunte, profane und ab und zu unfassbar perfekte Momente aneinander. Das Leben als Mama oder Papa ist eine aufregende Reise, auf die wir Euch nun mitnehmen. Ganz nach dem Motto: Unser Alltag ist ihre Kindheit.

19. Juli 2018. Mein Baby war drei Monate alt und ich am Limit. Ich war genervt. Ich war traurig. Müde und erschöpft. Und ich war voller Schuldgefühle. Darf ich als frisch gebackene Mama genervt sein? Das ist doch verrückt. Ich müsste jubeln und Freudetränen weinen.

Stattdessen stand ich da, blickte um mich und dachte: «Ohne mich. Ich bin dann mal weg.» In diesem einen Moment hätte ich am liebsten geweint, mich bemitleidet oder aufgeregt. Ich stand da und fragte mich, ob ich das überhaupt alles schaffen kann. Und mit alles meine ich das Mutter-Sein. Ich blickte auf meinen Sohn, der eingepackt im Tragetuch schlief, während ich seit bald zwei Stunden in der Wohnung auf und ab lief.

Versteht mich nicht falsch: Ich liebe es, Mama zu sein. Mit jeder Faser meines Körpers. Und ich liebe meinen Sohn. Mehr als alles andere auf dieser Welt. Ich empfinde es als tiefen Segen, einen Sohn bekommen zu haben, fühlte mich aber gleichzeitig manchmal mehr als überfordert. Schliesslich gibt es keinen Crash-Kurs fürs Eltern-Sein. Das heisst: So sehr ich mein Dreimonatiges liebte, hatte ich deswegen nicht automatisch stets eine gute Zeit. 

Mein Sohn war kein ausgeglichenes und friedliches «Anfängerbaby». Er war anspruchsvoll. Ich hatte einen wilden, neugierigen, interessierten und unglaublich aufgeweckten Jungen auf die Welt gesetzt, der keine Minute stillsitzen kann. Heute sind eben diese Eigenschaften der Grund dafür, dass jeder Tag mit ihm einzigartig, spannend und überraschend ist – und er mich zum Lachen bringt. Doch die ersten Monate mit einem «anspruchsvollen» Baby sind eine Herausforderung.

Es gab Tage, da konnte mein Kleiner stundenlang weinen. Am Stück und ohne Pause. Es gab Tage, da wollte er nur herumgetragen werden. So oft und so lange, dass mir der Rücken und die Schultern schmerzten und ich meine Arme kaum noch spürte. Der 19. Juli 2018 war eine Kombination dieser beiden Tage. Er weinte. Und weinte. Und weinte. Irgendwann schlief er ein. Und damit er schlafen konnte, lief ich in der Wohnung auf und ab – so lange, bis er von alleine wieder aufwachte.

Ich hatte kein Baby, das ich überall hin mitnehmen konnte. Allein der Gedanke, das Haus verlassen zu müssen, trieb mir an manchen Tagen Schweiss auf die Stirn. Ich hatte kein Baby, das das Autofahren und den Kinderwagen liebte. Vielmehr war dies verbunden mit jeder Menge Geschrei. Ich hatte kein Baby, mit dem ich Haushaltsarbeiten erledigen konnte, während es im Tragetuch schlief. Stattdessen wollte es stets meine ungeteilte Aufmerksamkeit und jede Menge Ruhe. Nach vier Monaten traute ich mich für kurze Spaziergänge raus. Manchmal endeten sie in grossem Geschrei. Manchmal ging es friedlich zu.

Manche würden mein Baby als Schrei-Baby bezeichnen. Ich mag das Wort «anspruchsvoll» besser.

19. Juli 2018. Am Nachmittag war ich ein nervliches Wrack, abends jedoch um eine Erkenntnis reicher: Hilfe anzunehmen, ist kein Zeichen der Schwäche. Ich musste niemandem beweisen, es alleine schaffen zu können. Ja, ich könnte es. Gemeinsam mit meinem Ehemann, dem Papa meines Kindes. Jede Mama könnte es. Aber: Wir müssen es nicht. Ich muss es nicht. Ich bin froh um meine Mutter. Meine Schwiegermutter. Meine Schwestern. Und meine Freundinnen. Eine Pause braucht jede Mama. Und eine erholte Mama ist eine bessere Mama. Zumindest in meinem Fall.

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