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Darf ich vorstellen: die Rabenmutter

Uhr
Kristina
Schmid

Beginnt das Chaos jeden Tag von vorn, sagen wir: Herzlich Willkommen im Familienleben. Unser Alltag reiht verrückte, bunte, profane und ab und zu unfassbar perfekte Momente aneinander. Das Leben als Mama oder Papa ist eine aufregende Reise, auf die wir Euch nun mitnehmen. Ganz nach dem Motto: Unser Alltag ist ihre Kindheit.

Stillen ist das Beste für das Kind. Überall sehen wir es. Überall hören wir es. Überall lesen wir es. Und ich würde sagen: Wir wissen es. Wir haben es verstanden. Stillen ist das Beste für das Kind. Und doch habe ich mein Eigenes nicht gestillt. Das macht mich nicht zu einer schlechten Mama; es macht mich nur ehrlich – und leider auch angreifbar.

Mütter, die nicht stillen, müssen Einiges aushalten. Gilt die stillende Mama doch als Symbol der liebenden und fürsorglichen Mutter. Die Gründe, weshalb Frauen jedoch nicht stillen, sind individuell und nicht pauschal zu erklären. Nicht alle Frauen, die ihre Kinder nicht stillen, tun es aus optischen Gründen. Es gibt Frauen, die nicht stillen dürfen, können oder wollen. Und doch gilt es ihre Entscheidung zu respektieren. Denn jede Frau hat ihre Geschichte.

Meine beginnt auf der Intensivstation, als meine Welt Kopf stand. Mein Baby kam etwas zu früh auf die Welt. Unsere Gedanken kreisten um den Bilirubin-Wert, die Pikse in kleine Füsschen, den Wärmekasten. In dieser Zeit erhielt mein Baby meine zuvor abgepumpte Milch im Fläschchen. Davon ist er nicht mehr weggekommen. Ich wollte stillen. Mein Baby nicht. Jeder gab mir Tipps, Ratschläge und verriet mir Wundermittel, wie es mit dem Stillen angeblich doch klappen würde. Nichts half. Irgendwann sagte meine Hebamme: Brust geben, Flasche verweigern. Einen Tag hielt ich es durch. Am Abend blickte ich schluchzend auf mein kleines, hungriges Baby – und beschloss, dem ein Ende zu setzen. Ich gab ihm das letzte Mal den Schoppen mit der zuvor abgepumpten Muttermilch. Dann stillte ich ab.

Mein schlechtes Gewissen und das Gefühl, nicht alles gegeben zu haben, prallten aufeinander. Mein Kind musste also auf den Supercocktail Muttermilch verzichten. Sollte es doch das Allheilmittel sein gegen Übergewicht, Diabetes, Allergien und Brustkrebs. Mal ganz zu schweigen von dem Seelenheil meines Kindes, das ich nun auf dem Gewissen hatte. Die enge Bindung zueinander, die wir beim Stillen hätten aufbauen sollen, der Grundpfeiler für spätere psychische Stabilität, fand nicht statt.

Doch ich hatte nicht versagt. Es hatte einfach nicht geklappt. Trotz des schlechten Gewissens traf ich die Entscheidung damals mit Überzeugung. Ich wusste, dass es kein richtig oder falsch gibt. Ich wusste nur, was für mich und meinen Sohn damals das Richtige war. Abstillen. Und wisst Ihr was? Industriell produzierte Säuglingsnahrung ist gar keine so schlechte Alternative zu Muttermilch. Ja, es fehlen die schützenden Antikörper. Doch liefert auch diese Nahrung dem Baby, was es zum Grösser werden braucht.

Leider urteilen wir Mamas viel zu oft über andere Mütter, ohne ihre Geschichte zu kennen. Auch ich spürte sie. Die teils missbilligenden, teils mitleidigen Blicke anderer Mütter, als ich meinem Sohn das Fläschchen gab. Da sass ich also. In ihren Augen: die Rabenmutter. Dabei wäre es doch so einfach: Wir Mamas müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn es mit dem Stillen nicht klappt. Wir dürfen uns aber freuen und offen zeigen, wenn es gut funktioniert. Ob Flaschenkind oder Stillbaby: Wichtig ist doch nur, dass es dem Kind gut geht. Ich für meinen Teil wünsche mir ein verständnisvolleres Miteinander, statt eines verletzenden Gegeneinander. 

Eure Kristina