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Überraschungen und schwarze Schwäne

Peter
Eisenhut
01.04.22 - 12:05 Uhr
Bild Pixabay

Im Blog «Aktuelle Volkswirtschaftslehre» schreiben Jan-Ebert Sturm, Hans Jörg Moser und Peter Eisenhut über aktuelle Themen, die die Volkswirtschaft bewegen.

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Der Begriff «Schwarzer Schwan» bezieht sich darauf, dass die Menschen in der westlichen Welt glaubten, alle Schwäne seien weiss, bis sich diese Annahme durch die Entdeckung des ersten schwarzen Schwanes in Australien als falsch erwies. Nassim Taleb hat 2007 ein Buch mit dem Titel «Der schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse» veröffentlicht. Darin verwies er darauf, dass immer wieder unvorhersehbare Ereignisse – Überraschungen – auftreten, die sich durch eine extreme Seltenheit und ihre schweren Auswirkungen auszeichnen.

Ein Blick zurück zeigt, dass alle Rezessionen überraschend und vermeintlich „Schwarze Schwäne“ waren: die Technologieblase 2001, die Finanzkrise 2008 und die Corona-Pandemie 2020. Welche Folgen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Ukrainekrieg hat, wird sich noch zeigen. Jedenfalls konnten Konjunkturprognostiker Rezessionen bisher nie wirklich voraussehen. Die Politik und die Wirtschaft werden jeweils auf dem falschen Fuss erwischt. Erst im Nachhinein tauchen zahlreiche Hinweise und Erklärungen für ihr Eintreten auf: man ist überrascht, dass sie überraschend waren. So geht es uns auch mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Die meisten waren völlig überrascht, obwohl Putin schon länger mit einem Krieg drohte und Truppen an die Grenze zur Ukraine verschob.

Deshalb kann man sich darüber streiten, ob die erwähnten Ereignisse und insbesondere der aktuelle Krieg wirklich «Schwarze Schwäne» waren beziehungsweise sind. Die grösste Schwäche der Konjunkturforschung ist eben, dass sie Wendepunkte nicht vorhersagen kann. In Normalfall, das heisst bei grosser Stabilität der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ist die Prognosequalität gut. Die Trefferquote sinkt aber gegen null, wenn die Konjunktur kippt, wenn Schocks passieren, wenn die Normalität durch Anormalität abgelöst wird. Die grossen Bruchstellen in der wirtschaftlichen Entwicklung können offenbar nicht prognostiziert werden. Woran liegt das?

Es darf vielleicht von Wahrsagern, aber nicht von Ökonomen erwartet werden, dass sie exogene Schocks wie Terroranschläge, Pandemien oder Kriege vorhersehen können. Auch deren Auswirkungen sind schwer zu prognostizieren, weil die üblichen Prognosen auf Daten der Vergangenheit basieren, die auf die Zukunft übertragen werden. Doch für einen Krieg, wie er gegenwärtig stattfindet, gibt es faktisch keine solchen Daten und die Modellwelten der Ökonomen können ein solches Ereignis auch kaum simulieren. Die gegenwärtigen Unsicherheiten sind so fundamental wie selten in der Vergangenheit. Nichtsdestotrotz wird von den Forschungsinstituten erwartet, dass sie auch in so aussergewöhnlichen Zeiten ihren Blick in die Zukunft präsentieren.

Schaut man sich die aktuellen Frühjahrsprognosen an, scheint es eine grosse Gewissheit zu geben, dass die Schweizer Konjunktur gut läuft: Zürich (KOF) meldet 2,9, Bern (SECO) 2,8 und Basel (BAK) 2,6 Prozent BIP-Wachstum für das laufende Jahr. Dabei handelt es sich um die Basisszenarien bzw. beim BAK um das positive Szenario, welche von der Annahme ausgehen, dass der Krieg bald enden wird und es zu keinem Stopp der Energie- und Rohstoffexporte aus Russland kommt. Weil die Ungewissheiten so gross sind, haben die Forschungsinstitute auch ein Negativszenario berechnet. Das Resultat liegt bei allen drei Instituten bei einem BIP-Wachstum von 1,1 Prozent.

Diese punktgenaue Einigkeit ist überraschend. Aber ein BIP-Wachstum von 1,1 Prozent im negativen Szenarium ist nicht wirklich erschreckend, oder? Es kann allerdings auch anders kommen. Die drei Institute erwähnen zusätzliche Prognoserisiken: Eskalation des Krieges, neue Virusvarianten, Gefahren am Immobiliensektor, Anstieg der Staatsverschuldung und andere mehr. Nur wurden dafür keine Szenarien berechnet.

Dieser Fokus auf die Prognosen ist keine Kritik an den Forschungsinstituten. Es ist die Aufgabe der Forscherinnen und Forscher, mit bestmöglichen Modellen, die bestmöglichen Vorhersagen zu berechnen. In einer Welt voller Unsicherheiten und Ungewissheiten müssen sie auf ein grosses Bündel von Annahmen über die weitere Entwicklung des Krieges, die Sanktionen, die Geldpolitik der Nationalbanken, die Energiepreise, die Wechselkurse usw. einigen. Dabei lassen sich Prognoseunsicherheiten und -fehler nicht vermeiden. Das macht aber die Prognosen keinesfalls überflüssig. Wir treffen unsere heutigen Entscheide immer auf der Grundlage von Zukunftserwartungen – ob bewusst oder unbewusst. Dabei sind Prognosen eindeutig ein besseres Hilfsmittel als den Finger in den Wind zu halten.

Prognosen auf Zehntelpunkte versprechen allerdings eine Genauigkeit, die sie nicht halten können. Diese (Schein-)Genauigkeit verlangen die Politik, die Wirtschaft und die Öffentlichkeit, und dieses Bedürfnis befriedigen die Prognostiker ganz offensichtlich. Dennoch hinterlässt beispielsweise die Korrektur der Prognose des SECO aufgrund des Krieges von 3,0 auf 2,8 Prozent ein seltsames Gefühl. Eine wirklich überraschende Antwort eines Konjunkturprognostikers auf die Frage: „Können Sie mir sagen, was für ein BIP-Wachstum Sie im laufenden Jahr erwarten?“ wäre ein «Nein!»

In solchen Zeiten wie heute vermögen auch noch so komplexe Modelle und Methoden den Nebel über der Zukunft nicht aufzulösen. Das Fundament der Prognosen bleibt schwach. Die Sicht bleibt unklar, vieles gehört ins Reich der Spekulationen. Die Konsequenzen dieses Krieges kennen wir noch lange nicht. Wir sollten deshalb die vorliegenden Prognosen mit grosser Vorsicht zu Kenntnis nehmen und uns auch nicht von Entwicklungen überraschen lassen, die ausserhalb der prognostizierten Bandbreite von +1,1 bis +2,9 Prozent liegen. Denn wenig überraschend dürfte sein, dass auch in Zukunft mit schwarzen Schwänen zu rechnen ist.

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