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Taumeln wir von Krise zu Krise zur nächsten Schuldenkrise?

Peter
Eisenhut
31.05.22 - 09:18 Uhr
Bild Pixabay

Im Blog «Aktuelle Volkswirtschaftslehre» schreiben Jan-Ebert Sturm, Hans Jörg Moser und Peter Eisenhut über aktuelle Themen, die die Volkswirtschaft bewegen.

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305‘000‘000‘000‘000 Dollar beträgt der globale Schuldenberg aller Staaten, Banken, Unternehmen und Haushalte im 1. Quartal 2022. Damit sind die Schulden der Welt in absoluten Zahlen so hoch wie nie zuvor (vgl. The Institute of International Finance (iif.com). Im Vergleich zur weltweiten jährlichen Wirtschaftsleistung betragen die Schulden rund 350 Prozent. Dank dem Anstieg des globalen Wachstums hat die Schuldenquote die alte Rekordmarke vom Vorjahr nicht geknackt.

Im Vergleich zur Situation vor der Pandemie hat die Verschuldung rund 45 Billionen Dollar (+17 Prozent) zugenommen, was etwas mehr als dem jährlichem BIP der Eurozone und der USA entspricht. Das Schuldenwachstum setzt sich allerdings schon seit Jahrzehnten fort. Ob Technologiekrise, Finanzkrise, Eurokrise, Coronakrise oder Ukrainekrise: jedes Mal wurden die Patienten mit Finanzspritzen versorgt. Und in jeder Krise bekundeten die Regierungen die hehre Absicht, die Schulden nach der Krisenbewältigung wieder abzubauen. In der Realität gelang das nicht. Kaum war die eine Krise überwunden, wurden schon die Spritzen für die nächste Krise aufgezogen.

Wegen der Coronakrise setze die EU die Schulden- und Defizitregeln in der Eurozone für das letzte und das laufende Jahr ausser Kraft. Aufgrund des Ukraine-Krieges sollen sie nun erst 2024 wieder angewendet werden. Ausser man einigt sich auf eine grundlegende Revision dieser Regelungen, was als deutlich wahrscheinlicher gilt. Denn es stehen weitere grosse Ausgabenprogramme an, zum Beispiel rund 700 Milliarden Euro für die ökologische Transformation, mindestens 600 Milliarden Euro für den Wideraufbau der Ukraine und rund 300 Milliarden für Militärausgaben.

Für lange Zeit zogen die Schuldenpartys keine grossen Kater nach sich, weil es die „Schuldendrinks“ beinahe umsonst gab. In den Zeiten von rekordtiefen oder sogar negativen Zinsen bot sich Schuldenmachen geradezu als geschickter Schachzug an. Nicht nur Staaten, sondern auch Unternehmen und Private haben dieses verlockende Umfeld für eine zusätzliche Aufstockung der Schulden genutzt. Denn trotz Rekordschulden sind die Kosten für den Schuldendienst in den Industrieländern so tief wie in den Siebzigerjahren.

Was aber, wenn die Zinsen zur Wende ansetzen? Vor dem Hintergrund der schnell und stark anziehenden Inflation steigen nun die langfristigen Zinsen wieder an - auch ohne entsprechende geldpolitische Manöver. Denn die Erwartungen, dass die Inflation für längere Zeit hoch bleiben wird, haben sich etabliert und erhöhen den Zinsdruck. Diesem Druck hat sich die Amerikanische Zentralbank gebeugt und auch die Europäische Zentralbank und in ihrem Schlepptau die Schweizerische Nationalbank werden ihre Leitzinsen bald erhöhen müssen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit behalten wollen.

Steigende Zinsen machen nicht nur eine Neuverschuldung teurer, sondern auch die Umschuldung von alten Krediten. Die Zinswende führt dazu, dass die Finanzspritzen nicht mehr umsonst und schmerzfrei zu haben sind. Steigende Zinsen und Inflation, gepaart mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und des Krieges bereiten einer zunehmenden Anzahl von Ländern, Unternehmen und privaten Haushalten Sorgen. Insbesondere in einer Reihe von Entwicklungs- und Schwellenländern, die stark in Fremdwährungen verschuldet sind, kündigen sich Zahlungsschwierigkeiten an. Sri Lanka hat im Mai 2022 kapituliert und sich für zahlungsunfähig erklären müssen.

Besser dran sind grössere Industriestaaten in der EU oder die USA. Erstens können sie leichter und günstiger Schulden aufnehmen und die Inflation hilft ihnen dabei, die Schuldenberge wieder loszuwerden, weil sie dank der Teuerung an Wert verlieren. Die Inflation frisst allerdings nicht nur Schulden, sondern auch Ersparnisse von Privatleuten.

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