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Der Wandel vom Feind zum Freund

Peter
Eisenhut
08.09.22 - 16:26 Uhr
Bild www.slon.pics/Freepik

Im Blog «Aktuelle Volkswirtschaftslehre» schreiben Jan-Ebert Sturm, Hans Jörg Moser und Peter Eisenhut über aktuelle Themen, die die Volkswirtschaft bewegen.

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In den vergangenen Jahren galt die Parität, also ein 1:1 zwischen Euro und Franken als eigentliches Schreckensszenario. Ein solcher Kurs wurde als fatal für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft und als Dolchstoss für die exportorientierte Industrie beurteilt. Im Juli war es dann so weit – seither ist ein Euro weniger Wert als ein Franken.

Wo bleibt der Aufschrei der Exportwirtschaft? Wo bleiben die altbekannten Rufe nach Massnahmen der Nationalbank (SNB) gegen die Frankenstärke? Eine Aufwertung der Währung ist dann kein Problem, wenn die Inflation im eigenen Land tiefer ist als in den Partnerländern. Denn ein härterer Franken schwächt zwar die Wettbewerbsfähigkeit der einheimischen Unternehmen, aber die hohen Preissteigerungen im Ausland stärken sie gleichzeitig. Letztlich ist eben die Entwicklung des preisbereinigten, sogenannt realen Wechselkurses für die Konkurrenzfähigkeit entscheidend, und der entwickelt sich ziemlich stabil. Zudem haben im Sorgenbarometer der Unternehmen Energieprobleme, gestörte Lieferketten und Arbeitskräftemangel das Problem der Frankenstärke von den vorderen Plätzen verdrängt, zumal sie zwar gegenüber dem Euro, nicht aber gegenüber dem Dollar gilt.

Wenn die Preise bei uns um 3,5 Prozent steigen, im Euroraum aber um 9,1 Prozent, dann kann ein Anstieg des Frankens verkraftet werden. Der Wechselkurs gleicht die Inflationsdifferenzen aus, dämpft die Importpreise und damit die inländische Inflation. Damit hilft die Frankenstärke der SNB dabei, den Zinsanstieg zur Bekämpfung der Inflation in Grenzen zu halten. So hat sich die Aufwertung des Frankens vom Feind der SNB zum Freund gewandelt. In den letzten Jahren stand die SNB wegen der Frankenstärke, der damit verbundenen Devisenkäufe und der Negativzinsen oft im Kreuzfeuer der Kritik. Nun befindet sie sich in einer ungewohnt komfortablen Situation. Sinkt der Euro weiter, dient dies der Inflationsbekämpfung. Steigt der Euro wieder, entlastet dies die Exporteure und dämpft die Konjunktursorgen.

Welcher Wechselkurs für den Euro ist aber der «richtige»? Eine Antwort darauf geben die sogenannten Kaufkraftparitäten. Danach ist der Wechselkurs dann «richtig», wenn man im Inland mit 100 Franken gleich viele Güter kaufen kann wie im Ausland, wenn also die Kaufkraft im In- und Ausland dieselbe ist. Ganz so einfach ist die Bestimmung des Kaufkraftparitätskurses aber nicht. Für die SNB ist der Franken nun jedenfalls nicht mehr zu hoch bewertet. Davor hat sie während fünf Jahren dem Mantra der Überbewertung gehuldigt.  Für andere Ökonomen gilt der Franken noch immer als überbewertet. Wiederum andere beurteilen ihn sogar als unterbewertet.

So komfortabel sich die Situation für die SNB präsentiert, so unkomfortabel ist sie für die Europäische Zentralbank. Zu starke Zinserhöhungen gefährden die Zahlungsfähigkeit gewisser Länder und beschwören eine neue Eurokrise. Zu kleine Zinserhöhungen setzen ihre Glaubwürdigkeit im Kampf gegen die Inflation aufs Spiel. Am Donnerstag erhöhte die EZB die Leitzinsen um 0.75 Basispunkte auf 1,25 Prozent. Dies war der grösste Zinsschritt seit Einführung des Euro. Um bremsend auf die Inflation zu wirken, sind allerdings weiteres Zinsschritte unausweichlich, auch wenn die Euro-Zone auf eine Stagflation zusteuert. Hält sie das durch?

Die weitere Inflationsentwicklung spielt eine zentrale Rolle für den Eurokurs. Ein anhaltend hoher Inflationsdruck lässt einen weiterhin sinkenden Euro befürchten. Und Signale dafür sind einige auszumachen: die Energiewende, die wachsende Staatsverschuldung, die Deglobalisierungstendenzen und eine Lohn-Preis-Spirale. Hohe Unsicherheit geht Hand in Hand mit einem starken Franken.

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