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Wenn der Amtsschimmel unverständlich wiehert

Es gibt Tage, da läuft nichts wie geplant. Damit ihr euch in allen misslichen Lagen zu helfen wisst, gibt es die #sofunktionierts-Artikel. Heute: unverständliches Behördendeutsch in amtlichen Briefen.

Südostschweiz
23.10.22 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
Frust: Wenn die Briefe unverständlich sind, können sie sich schon mal stapeln.
Frust: Wenn die Briefe unverständlich sind, können sie sich schon mal stapeln.
Bild Unsplash

von David Eichler und Nicole Nett

Verwaltungssprache oder Beamtendeutsch – es ist nicht immer einfach, Briefe, Websitetexte von Ämtern oder das Abstimmungsbüchlein zu verstehen. Ein Problem, nicht nur für jene rund 800'000 Menschen in der Schweiz, die eine Leseschwäche haben. Auch Ottonormalverbraucherin trifft hin und wieder auf herrlich absurde Wortschöpfungen in der Beamtensprache. So kann man einem Zaun durchaus «nicht lebende Einfriedung» sagen, eine einfache Ablehnung heisst dann «Versagung» und ein Baum wird zum «raumübergreifenden Grossgrün».

Exaktheit führt zu Komplexität

Beamtensprache muss exakt sein, um Missverständnissen und Fehlinterpretationen vorzubeugen. Die Suche nach Genauigkeit führt oft zu passiv formulierten und verschachtelten Sätzen, in denen mehr Substantive als Verben vorkommen. Dinge, die einen Text schwerer verständlich machen.

Um möglichst allen den Zugang zu öffentlichen Texten zu ermöglichen, wurden die Konzepte der einfachen Sprache und der leichten Sprache entwickelt. Dabei gilt es zu beachten: Einfache Sprache und leichte Sprache sind nicht das Gleiche.

Einfache Sprache und leichte Sprache

Die einfache Sprache ist eine Vereinfachung des Deutschen. Kürzere Sätze mit einfachen Worten. Texte in einfacher Sprache vermeiden Fremdwörter oder erklären diese.

Die einfache Sprache richtet sich an Menschen mit einer Lese- und Schreibschwäche, Menschen, die wegen ihres Alters oder wegen einer Krankheit nicht mehr gut lesen und schreiben können, und an Menschen mit geringen Deutschkenntnissen.

Die leichte Sprache ist nochmals vereinfacht. Sie besteht aus kurzen Sätzen mit Wörtern aus dem Grundwortschatz. Pro Zeile wird nur ein Satz geschrieben und der Text wird in grosser Schriftgrösse und mit grossem Zeilenabstand dargestellt.

Leichte Sprache wendet sich an Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung oder Menschen, denen die einfache Sprache zu schwierig ist.

Verständliche Behördeninformationen

Für Behörden in der Schweiz ist es eine Gratwanderung, Informationen so zu formulieren, dass sie für alle verständlich sind. In einem SRF-Beitrag vom April zum Abstimmungsbüchlein äusserte sich die Bundeskanzlei dazu. Die Vorlagen im Abstimmungsbüchlein würden so einfach wie möglich und so kompliziert wie nötig erklärt. Gleichzeitig würden stark vereinfachte amtliche Äusserungen rasch als unzulässige Beeinflussung gewertet.

Die Informationen des BAG zum Coronavirus wurden in leichter Sprache zur Verfügung gestellt. Das Sozialamt des Kantons Graubünden und die Stadtbibliothek Chur stellen bereits Informationen in leichter Sprache zur Verfügung. Auf eine Anfrage betreffend leichter Sprache des Kantons vom April 2021 antwortete der Kanton, dass es eine Daueraufgabe sei, eine möglichst einfache, verständliche und adressatengerechte Sprache zu verwenden und einen barrierefreien Zugang zu den Webseiten des Kantons zu gewährleisten.

Die Pro Infirmis hat das Büro für leichte Sprache in die Welt gerufen, das dabei unterstützt, Texte, Verträge, Webseiten, Broschüren und Merkblätter in einfache Sprache zu übersetzen.

Und jetzt?

Was aber nun tun, wenn man das Behördendeutsch eines amtlichen Dokuments nicht versteht? Im Kanton Graubünden ist auch die Barrierefreiheit immer wieder ein Thema. «Ziel ist es, sich verständlich und so einfach wie möglich auszudrücken», sagt Claudia Hartmann Lütscher, Kanzleidirektor-Stellvertreterin bei der Standeskanzlei Graubünden. Dennoch bleibe ein komplexes Thema je nach dem schwierig verständlich. Das lasse sich nicht vermeiden. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, komplexe Themen einfacher darzustellen. Dazu gehören zum Beispiel Videos. 

Nebst Videos setzt der Kanton auch andere Mittel ein. Beispielsweise konnte bei den letzten Grossratswahlen über QR-Codes Wahlanleitungen in leichter Sprache aufgerufen werden. Mit der jüngeren Zielgruppe wird oftmals auch über die sozialen Medien kommuniziert.

«Wir versuchen stets, uns einfach auszudrücken.»

Claudia Hartmann-Lütscher, Kanzleidirektor-Stellvertreterin Standeskanzlei Graubünden

Missverständnisse soll es in der «Beamtensprache» möglichst keine geben. Deshalb ist die Sprache oft weniger emotional, dafür prägnant, exakt und auf den Punkt gebracht. Wie Hartmann Lütscher sagt, ist Kommunikation ein laufender Prozess. «Wir versuchen stets, uns einfach auszudrücken.» Auch für Menschen mit einer Leseschwäche oder sonstiger Beeinträchtigung sollen Texte so verständlich wie möglich sein. In den letzten Jahren habe sich diesbezüglich schon einiges getan. So werden zum Beispiel neue Medien sowie Trends miteinbezogen.

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