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Verloren und gefunden

Bündner Woche
20.10.22 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit

Von Susanne Turra

Brillen. Handy. Laptop. Portemonnaie. Schlüssel. Im Fundbüro der Stadtpolizei Chur am Kornplatz 10 stapelt sich einiges. Verlorenes und Gefundenes. So auch an jenem Montagnachmittag im Oktober. Soeben kommt ein sportlicher Kinderwagen dazu. Andrea Deflorin, Abteilungsleiter Support und Gewerbepolizei, nimmt das Teil ein bisschen genauer unter die Lupe. «Ich tippe auf eine Entsorgung», sagt er. «Der Kinderwagen ist in keinem guten Zustand. Die Eltern brauchen ihn nicht mehr. Also wird er bewusst irgendwo liegen gelassen.» So läuft es. Manchmal. Doch der Reihe nach.

«Verlorenes mit einem grossen emotionalen Wert bleibt manchmal auch länger bei uns.»Andrea Deflorin

Das städtische Fundbüro ist gut organisiert. Mit System. Was frisch reinkommt, bleibt beim Eingang. In der Station eins. Nach vier Monaten wechseln die Gegenstände in die Station zwei. Diese liegt ein bisschen weiter hinten in der Ecke. Und dann ist da noch die Station drei. Diese befindet sich im oberen Stock. Es geht die Wendeltreppe hoch. Andrea Deflorin und Mitarbeiterin Brigitte Kunze gehen voraus. 2021 steht in grossen Lettern auf dem Holzgestell geschrieben. Darauf liegen der Länge nach blaue Kisten. Gefüllt mit verlorenen Fundstücken. Fein säuberlich nach Monaten aufgeteilt. Am Boden stapeln sich Trottinetts, Rucksäcke, Sporttaschen. Auch Jacken und Schuhe. «Wir sind gesetzlich verpflichtet, die Dinge ein Jahr lang aufzubewahren», erklärt der Abteilungsleiter. «Verlorenes mit einem grossen emotionalen Wert bleibt manchmal auch länger bei uns.» Eheringe und Schmuck dürfen sich demnach ein bisschen mehr Zeit lassen, ihre Besitzerinnen und Besitzer wieder zu finden. Oder umgekehrt. Was eigentlich der Normalfall wäre. Eigentlich. Denn, viele Gegenstände werden gar nicht mehr abgeholt. Es wird einfach nicht mehr nach ihnen gefragt. Bei manchen Dingen erstaunt das schon. Welcher Autofahrer fährt ohne Autoschlüssel? Welche Brillenträgerin sieht ohne Brille? Wer wandert ohne Rucksack? Wer öffnet seine Wohnung ohne Schlüssel? Und wer kommt heute ohne Handy aus? Da sind auch Andrea Deflorin und Brigitte Kunze ratlos. Über die Wendeltreppe geht es wieder nach unten.

Der Aufwand darf nicht den Rahmen sprengen

Brigitte Kunze setzt sich an den Computer und öffnet die Homepage des Fundbüros. Rund 50 Gegenstände sind dort aufgelistet. Mit Fundort. Und einem kurzen, nicht allzu genauen Beschrieb. Diesen müssen die Besitzerinnen und Besitzer liefern. Als Beweis, dass ihnen die Ware auch wirklich gehört. «Wo möglich, werden wir aktiv», betont Brigitte Kunze. Und so wird sie gerne zur Detektivin. Das Ermitteln macht Freude. Es ist eine Challenge. Und manchmal gar nicht so einfach. «Je mehr Gegenstände wir wieder an die Leute bringen, desto besser», sagt sie. Trotzdem. Der Aufwand darf den Rahmen nicht sprengen. «Wegen eines verlorenen Handys können wir nicht gleich den kriminaltechnischen Dienst aufbieten», gibt Andrea Deflorin zu bedenken. «Da müssen die Leute schon selber aktiv werden.» Und hier gibt es grosse Unterschiede. Manche fragen sofort nach. Und täglich mehrmals. Manche nie. In der Regel werden die Fundstücke innerhalb zwei Wochen abgeholt. Später passiert das nur noch selten. Und Bargeld? «Bargeld wird nicht häufig abgegeben», so Brigitte Kunze. «Und es wird auch nicht oft danach gefragt.» Auf keinen Fall wird es auf der öffentlichen Plattform ausgeschrieben. Sonst würden die Leute vermutlich vor dem Fundbüro Schlange stehen.

So oder so. Vieles kommt. Vieles geht. Und manches wird gar nicht erst angenommen. Verdreckte Fundstücke zum Beispiel. Kaputte Dinge. Oder Lebensmittel. «Was aus der Plessur gefischt wird, kommt weg», betont Andrea Deflorin und lacht. «Da gibt es teilweise schon lustige Dinge. Die gehören dann zu unseren Hits der Woche.» Übrigens bringen oft auch Kinder Sachen vorbei. Sie finden sie am Boden. Und vielleicht suchen sie manchmal auch danach. Was ist wertvoll? Was nicht? Diese Frage stellen sich die Kleinen nicht. «Kinder haben einen anderen Bezug zu den Gegenständen», weiss der Abteilungsleiter. «Was für uns kitschig ist, hat für sie einen grossen Wert.» Wie auch immer. Die Kinder haben etwas gefunden und abgegeben. Dafür bekommen sie auf jeden Fall ein grosses Lob. Und der Finderlohn? «Darauf besteht ein Recht», betont Andrea Deflorin. «Die Höhe des Finderlohns beträgt in der Regel zehn Prozent des Wertes der Fundgegenstände.» Gleichzeitig wird für die Entgegennahme, Registrierung und Vermittlung einer Fundsache seitens des Fundbüros eine Gebühr erhoben.

Jährlich werden über 500 Fundstücke abgegeben

Zurück ins Fundbüro. Im Schnitt werden jährlich über 500 Fundstücke abgegeben. Und nach Grossanlässen kommen noch einige mehr dazu. «Bei offenen Anlässen wie dem Churer Fest, der Fasnacht und der Schlagerparade kommen die Gegenstände direkt zu uns», erklärt Brigitte Kunze. Geschlossene Anlässe wie Messen, Konzerte und Zirkus betreiben ein eigenes Fundbüro.

So auch das Big Air. Dieses geht am Freitag und Samstag auf dem Rossboden in Chur über die Bühne. Das Festival-Fundbüro befindet sich am Info-Point beim Haupteingang. Gut gekennzeichnet. Und was wurde letztes Jahr im Big Air am meisten verloren? «Viele Identitätskarten und noch mehr Handys», verrät eine Mitarbeiterin des Big-Air-Fundbüros auf Anfrage der «Bündner Woche». Das Problem dabei sei, dass der Verlust eines Handys sehr schnell sehr vieles blockiere. SBB-Billett. QR-Code für den Schliesskasten. Twint. Und im letzten Jahr auch noch das  Covid-Zertifikat. Das halbe Leben ist heute über das Handy gesteuert. «In der Regel werden die Handys aber schnell gefunden und abgegeben», betont die Mitarbeiterin. Das beruhigt. Was nicht abgeholt wird, geht am Montag ins städtische Fundbüro. Dort werden die Fundstücke bereits erwartet. «Man ist ehrlich oder man ist es nicht», schliesst Andrea Deflorin. Eines ist dabei klar: Ehrlich währt am längsten.

Fundbüro der Stadt Chur, Stadtpolizei, Kornplatz 10, 7000 Chur, 081 254 53 00, www.chur.ch

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