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Szenen wie aus den Anden in Serneus

Spazieren mit dem Hund ist nichts Aussergewöhnliches. In Serneus im Prättigau gehen aber nicht Hunde an der Leine, sondern Lamas.

Jasmin
Schnider
03.08.22 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben

Unendliche Weiten, Berglandschaften, magere Vegetation und keine Menschenseele – Lamas sind sich wohl eher eine solche Umgebung gewöhnt. Doch auch in Graubünden besitzen immer mehr Landwirtinnen und Landwirte Lamas. Sei es als Herdenschutztiere, aus Freude am Tier oder als Haupterwerb. Letzteres ist auf dem Arvenhof in Serneus der Fall. Dort halten Rico und Larissa Jegen 50 Lamas auf ihrem Bio-Bauernhof.

Rico Jegen hat den Landwirtschaftsbetrieb im Jahr 2016 von seinen Eltern übernommen. Diese hielten bereits seit dem Jahr 2002 Lamas. Davor hätten sie erst Milchkühe und danach Milchziegen gehalten. «Da ich mit den Lamas aufgewachsen bin, war es für mich nie ein Thema, wieder auf Milchkühe oder Ziegen umzustellen.» So kam es, dass er die Herde gar von rund 25 Tieren auf 50 aufstockte. In Serneus hätten die Tiere alles, was sie brauchen. «Die Temperaturen sind bei den Lamas kein Problem», betont er. Denn egal, ob gegen Wärme oder gegen Kälte, die Wolle isoliere gegen beides. 

Zusätzliche Eindrücke seht ihr im Video:

Video Jürg Abdias Huber

Die Lamahaltung unterscheidet sich gemäss Jegen leicht von der Haltung einheimischer Tiere. «Lamas brauchen mehr Auslauf, Stallhaltung ist darum verboten.» Das Tier müsse immer nach draussen können. Im Sommer sind die Lamas aus diesem Grund auf der Weide und im Winter im Stall samt Aussengehege. Sie fressen Heu und Gras. In den Anden, von wo Lamas ursprünglich stammen, wachsen fast nur dürre Gräser und Sträucher. Jegen muss deshalb darauf achten, dass er seine Tiere nur mit magerem Heu füttert. Im Sommer fressen sie dieses direkt auf der Weide. Damit die Tiere auch im Winter genug Heu haben, bewirtschaftet Jegen die Wiesen im Sommer. Die Sommermonate seien deshalb jeweils etwas anstrengender. Neben dem Heuen verbringt er zudem viel Zeit mit dem Einzäunen von Weiden. Im Winter hingegen gehören zu seinen Hauptaufgaben das Füttern am Morgen und am Abend sowie das Ausmisten. Wobei diese Arbeit jeweils kurzweilig sei, da Lamas ihren Mist immer am selben Ort deponieren, erklärt der Landwirt.

Achten auf Hygiene: Lamas deponieren ihren Mist immer am selben Ort.
Achten auf Hygiene: Lamas deponieren ihren Mist immer am selben Ort.
Bild Jasmin Schnider

Nützlich auf unterschiedliche Arten

Die Familie Jegen nutzt ihre Lamas für die Zucht, für die Woll- sowie Fleischproduktion und für das Lama-Trekking. Beim Lama-Trekking können Interessierte mit den Lamas spazieren gehen. Dabei bieten die Jegens verschiedene Touren an. Die kürzeste dauert einige Stunden, die längste hingegen bis zu drei Tage. Einmal hätten sie gar einen Junggesellinnenabschied mit den Lamas begleitet. «Wir sind am Morgen los und bis am Mittag wurde viel getrunken», erzählt Jegen mit einem Schmunzeln. Mit der Zeit hätten die Lamas dann die Frauen geführt und nicht mehr umgekehrt. «Die Lamas haben die Frauen komisch angesehen und die Frauen haben die Lamas mit der Zeit doppelt gesehen.»

Impressionen vom Lama-Trekking: Mit dem Tier an der Leine geht es einige Meter zu Fuss durchs Dorf und die Umgebung.
Impressionen vom Lama-Trekking: Mit dem Tier an der Leine geht es einige Meter zu Fuss durchs Dorf und die Umgebung.
Bild Jasmin Schnider

Für das Lama-Trekking nutzen die Jegens ausschliesslich Wallache. Dazu halten sie für die Zucht noch eine Gruppe mit Stuten und einem Zuchthengst, der alle paar Jahre ausgewechselt wird, um Inzucht zu vermeiden. Eine weitere Gruppe besteht aus Teenagern und Pensionären. Das seien junge Tiere, die noch nicht für das Trekking trainiert seien, sowie ältere. «Diese dürfen noch ein wenig hier sein, bevor sie zu Wurst werden.»

Das Fleisch der Lamas verkauft die Familie direkt auf dem Hof. Laut Jegen ist es nicht mit Fleisch von anderen Tieren vergleichbar. Es sei sehr arm an Cholesterin und Fett. Weiter verkauft die Familie auch Produkte wie Kissen, Duvets, Handschuhe und Schals, die aus der Wolle der Lamas hergestellt werden. Dafür werden die Tiere alle zwei Jahre geschoren.

Freude am Tier: Der jüngste Sohn der Jegens geht gerne mit den Lamas spazieren.
Freude am Tier: Der jüngste Sohn der Jegens geht gerne mit den Lamas spazieren.
Bild Jasmin Schnider

Eine Symbiose zwischen Mensch und Tier

Reich wird die Familie Jegen durch diese Art von Landwirtschaft nicht. «Es ist schon knapp, um davon zu leben», stellt der Landwirt klar. Es komme immer darauf an, wie gut der Verkauf von Zuchttieren und das Trekking liefen. Zudem sei es schwierig abzuschätzen, wie gross die Nachfrage sei, da sich die Leute meist kurzfristig anmeldeten. «Unser Betrieb steht eigentlich immer auf wackligen Beinen.» Sowohl Rico wie auch Larissa gehen aus diesem Grund noch auswärts arbeiten.

Trotzdem möchten die Jegens die Lamas nicht missen. Der Landwirt bezeichnet das Lama als sehr interessantes Tier. Wenn er mit den Tieren alleine im Stall ist, seien sie ganz anders, wie wenn eine Gruppe für das Lama-Trekking dabei sei. Sie würden ihn kaum beachten, stattdessen drücken sie ihn teilweise auf die Seite oder spucken sich gegenseitig aus Futterneid an. «Aber sobald Fremde im Stall sind, sind sie sehr ruhig, niemand spuckt oder streitet und alle stehen erhobenen Hauptes da.» Die Lamas würden merken, dass sie aufeinander angewiesen sind. «Ich brauche sie und sie brauchen mich, und wenn wir nicht zusammen arbeiten, klappt das nicht.» Dieses Verhalten kennt Jegen auch von anderen Tieren, bei den Lamas sei es jedoch am stärksten.

Jasmin Schnider produziert als redaktionelle Mitarbeiterin Beiträge und Interviews für Radio Südostschweiz, zudem schreibt sie Geschichten für die Zeitung «Südostschweiz» und für «suedostschweiz.ch». Sie kommt aus Obersaxen und ist seit August 2020 Teil der Medienfamilie Südostschweiz. Mehr Infos

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