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Physik statt Technik

Das Besondere an seiner Idee ist, dass das alte Gebäude nicht abgerissen, sondern in das neue integriert wird. Damit betritt er in Davos und Graubünden Neuland bezüglich nachhaltigem Bauen.

Barbara
Gassler
14.10.22 - 12:17 Uhr
Aus dem Leben
Planer Marc Ritz (r.) mit seinem Büropartner Otto Closs vom gemeinsamen Büro Cura GbR.
Planer Marc Ritz (r.) mit seinem Büropartner Otto Closs vom gemeinsamen Büro Cura GbR.
bg

DZ: Die Nachhaltigkeit wurde im Projektausschrieb ausdrücklich gefordert. Wann kam Ihnen das erste Mal die Idee, die Aufgabe genau so zu ­lösen, wie sie es tun?

Marc Ritz: Grundsätzlich wurde ein nachhaltiges Konzept gefordert – immerhin macht in der Schweiz der Gebäudesektor durch Abriss und Neubau rund ein Viertel der totalen CO₂-Emissionen aus – und ein Gebäude bestand schon. So war von Anfang an ein Grundthema, ob der Bestand gewahrt und nutzerspezifisch erweitert werden kann. Das war der erste Impuls. Nachdem klar war, dass es passt, ergab sich die Frage, wie weitere nachhaltige Massnahmen getroffen werden können, um diesen Bestand zu erweitern.

Welche Herausforderungen ergeben sich aus dieser Herangehensweise?

Beim Bauen mit Bestand ist immer der Kontext sehr wichtig. Es gibt einen Schulbetrieb. Man muss schauen, wie man das zusammenbringt. Jedoch wäre diese Betrachtung auch bei einem Neubau der Fall. Das andere grundsätzliche Thema ist, wie der Bestand wirklich gebaut ist. Man muss sich die Bauteile anschauen, die Deckenstärken, die Wände. Wir schauten es uns heute noch einmal mit einem Statiker an, und es sieht gut aus. Die Herausforderung ist nun herauszufinden, wie die Eingriffe gemacht und wie sie sich in den Bestand einfügen werden. Diese Schnittpunkte werden die Herausforderung sein.

Und welche Vorteile ergeben sich?

Es wurden Konzepte mit Einsparung von Grauer Energie gefordert, und so ist der Hauptvorteil die Einsparung von CO₂. Denn in dem Gebäude ist bereits viel Energie gespeichert. Wenn wir es abreissen und neu bauen würden, würde es einfach als Bauschutt irgendwo enden, und wir müssten alles neu erzeugen. Somit haben wir die Möglichkeit, bei einem Gebäude, das von der Struktur her eigentlich intakt ist, diese zu nutzen. Das kann und sollte man machen, wen man Ambitionen bezüglich der Einsparung von CO₂-Emissionen hat. Wie viel das sein wird, wird man allerdings erst wissen, wenn die Bauteile geöffnet und genau angeschaut sind.  Grob geschätzt kann man sagen, dass rund 40 Prozent des Gebäudes bereits bestehen und nur noch 60 Prozent neu gebaut werden müssen.

Interessant ist ausserdem, dass Sie auf Physik anstatt Komfortlüftung setzen wollen. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Grundsätzlich wird durch den Anbau ein Atrium im Innenbereich zwischen dem Verwaltungsbereich und dem Schulbereich entstehen. Durch dieses Atrium kann ein Kamineffekt erzeugt werden. Das heisst, die warme Luft steigt auf und erzeugt oben einen Nachzug. Es wird Lüftungselemente in der Fassade geben, die zu- oder ausgeschaltet werden können. Die Räume werden über Oberlichter zum Atrium hin belüftet. So wollen wir so viel Luftaustausch wie möglich über ein kontrolliertes Querlüften erreichen. Während Frühjahr, Sommer und Herbst kann damit auf Technik verzichtet oder sie zumindest sehr gering dimensioniert werden. Schliesslich ist so eine Haustechnik kosten- und wartungsintensiv.

Und was passiert im Winter?

Das ist der Grund, warum nicht vollständig auf eine Lüftungsanlage verzichtet werden kann. Zwar bauen wir eine neue thermische Hülle, die den heutigen Ansprüchen gerecht wird, doch die Luft muss im Winter über eine Luft-Wärme-Koppelung vortemperiert werden. Dafür sehen wir eine unabhängige Geothermie-Lösung vor, müssen aber erst noch abklären, ob sie an die bestehende Fern­wärmeanlage angeschlossen werden kann oder sie eine neue Bohrung bedingt. Das ist Teil des Planungsprozesses.

Davos ist ja nun punkte Klima speziell. Wie beeindruckte Sie das?

Das macht schon Eindruck. Es ist eine sehr besondere Lage. Doch aufgrund der Ausschreibung, und nachdem wir angeschaut haben, wie hier vor Ort so gebaut wird, konnten wir uns gut an das Thema heranwagen. Das Konzept/das Gebäude muss reagieren können, wenns im Sommer dann halt mal schneit.

Gewünscht wurde im Projektausschrieb auch eine Vorbereitung für eine mögliche Erweiterung. Wie beinhaltet Ihr Konzept das?

Zusätzlich zum vollständigen geforderten Raumprogramm sehen wir im hinteren Bereich einen Dachgarten vor. Wenn später einmal der Bedarf nach mehr Platz entsteht, kann das dort realisiert werden. Ohne, dass das Gebäude aufgestockt oder sonst etwas verändert werden muss, etwa durch einen Bau wieder neuer WC-Anlagen und Treppenhäuser. Durch den bereits vorhandenen Platz kann wiederum Energie gespart und auf neue Flächenversiegelungen verzichtet werden.

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